Schwedischer Baum der Erkenntnis?
Die Ergebnisse der Pisa- und Iglu-Studien haben eine lebhafte Diskussion über den Zustand des deutschen Bildungswesens ausgelöst. Dabei richten sich die Blicke natürlich auch auf neue Bildungskonzepte. Seit nunmehr fünf Jahren reisen zwei ehemalige Lehrer aus Bremen – Marianne und Lasse Berger – durch Deutschland, um für ein schwedisches, von einer kleinen Gemeinde entwickeltes Schulkonzept zu werben, das kennzeichnend für das schwedische Bildungswesen ist, in dem die frühkindliche Förderung im Zentrum steht: «Der Baum der Erkenntnis» – ein gemeinsamer Bildungsplan für Vorschule und Schule.
Schlagwort oder Heilsbringer?
Zwar hat Schweden als Reaktion nach seinem Absturz bei Pisa 2006 mit der Wiedereinführung von Noten in unteren Jahrgangsstufen reagiert – erziehungstrends berichtete –, allerdings wurde das von der Gemeinde Halmstad entwickelte Konzept, das sogar bis zur 8. Klasse keine Zensuren vorsieht, nicht überall in Schweden angewandt; Im Unterschied zu Deutschland haben die schwedischen Gemeinden bei der Umsetzung der Bildungspläne gewisse Freiheiten.
«Der Baum der Erkenntnis» basiert auf der ganzheitlichen Sicht auf das Kind und fügt die Lehrpläne für Vorschule und obligatorische Schule (bis zum 16. Lebensjahr) zusammen:
• Baumkrone: hier stehen die Ziele, die ein junger Mensch in den Einzelfächern erreichen sollte;
• Zweig-Schichten/Stamm: hier wird der Weg zu den Zielen aufgezeigt;
• Wurzeln: hier befinden sich die fünf Säulen, auf denen nach schwedischer Sicht die kindliche Entwicklung ruht – soziale, emotionale, intellektuelle, motorische und sprachliche Fähigkeiten.
«Die Entwicklung persönlicher Kompetenzen, das Kennenlernen von kulturellen und gesellschaftlichen Werten und die Aneignung von fachlichem Wissen werden in diesem Modell als Einheit gesehen», schreibt Martin R. Textor in seinem Online-Handbuch für Kindergartenpädagogik. Nach Auffassung von Marianne und Lasse Berger lässt dieser Bildungsweg offen, wann und welche Kompetenzen sich Kinder aneignen.
Individualität oder Anarchie?
In der von ihnen herausgegebenen Broschüre heißt es: «Jedes Kind sollte in seinem eigenen Tempo klettern dürfen und in dem Takt lernen, wie sich Interesse und Reife einfinden.» Kinder sollen auf diese Weise auf Gebieten, die eher ihren Neigungen und Vorlieben entsprechen, schnell zur Baumkrone gelangen, während sie auf anderen Feldern nicht gedrängt werden und ihnen mehr Zeit gelassen wird. So werde der unterschiedlichen Entwicklung von Kindern Rechnung getragen. Auch könne schon im Vorschulalter gezielt geplant werden, welche Fähigkeiten sich ein Kind zum Erreichen der übergeordneten Ziele aneignen soll.
Wie auch immer: Offensichtlich gibt es nicht das eine sichere System mit Ergebnisgarantie, und so dürfte es zumindest nicht schaden, auf der Suche nach Alternativen für neue Wege offen zu sein. Wer pflanzt den nächsten Baum?
Anmelden oder registrieren um Kommentare einzutragen | E-Mail mit Artikel-Link versenden | Druckversion

