Mehrkinderfamilien in Deutschland – Ziele des Bundesfamilienministeriums und Erkenntnisse der empirischen Sozialforschung (1)

Mehrkinderfamilien in Deutschland – Ziele des Bundesfamilienministeriums und Erkenntnisse der empirischen Sozialforschung (1)

Der kürzlich vom Bundesfamilienministerium veröffentlichte „Monitor Familienforschung“ über „Kinderreiche Familien in Deutschland“ macht deutlich, dass es gute Gründe gibt, den Mehrkinderfamilien besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Er zeigt auch, dass die politisch Verantwortlichen nicht alles über Bord werfen sollten, was über Jahrzehnte zum Kernbestand der Familienpolitik gehörte.

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Teil 2
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Denn kinderreiche Familien sind weniger an einer umfassenden „Betreuungsinfrastruktur“ als an gezielter finanzieller Unterstützung interessiert. „Erziehungstrends“ hat auf diese Problematik schon zu Beginn der Diskussion um die „Krippenoffensive“ der Bundesregierung in einem Beitrag von Hinrich E. Bues hingewiesen >Durch Kinderkrippen zu mehr Kindern?

Der Mangel an kinderreichen Familien – zentrale Ursache für den Geburtenrückgang

Über lange Zeit hat sich die Diskussion um den Geburtenrückgang auf das Thema Kinderlosigkeit, insbesondere von Akademikerinnen, konzentriert. Jüngere wissenschaftliche Erkenntnisse haben jedoch ergeben, dass die geringe Geburtenrate in Deutschland nicht allein durch die Kinderlosigkeit erklärt werden kann (1). Eine maßgebliche Ursache für den Kindermangel in Deutschland ist der Rückgang der Mehrkinderfamilie. So stellt der Familiensoziologe Prof. Bertram, Vorsitzender der Kommission zur Erstellung des 7. Familienberichts, fest, dass der Geburtenrückgang „in Deutschland wie in den USA und vielen europäischen Ländern“ das „Ergebnis des Verschwindens der Mehrkinderfamilie“ ist (2). Bertram rechnet vor, dass selbst ein Rückgang der Kinderlosigkeit auf das „niedrigere Niveau Frankreichs“ nur zu einer Erhöhung der Geburtenraten um 0,1 führen würde, weil „das Strukturproblem der insgesamt zu kleinen deutschen Familien“ bestehen bliebe (3).

Eine „nachhaltige Familienpolitik“, die eine höhere Geburtenrate anstrebt, muss folglich auch bei der Förderung von Mehrkinderfamilien ansetzen. Die Bundesfamilienministerin von der Leyen möchte „Eltern in Deutschland wieder Mut machen, sich für ein Leben mit drei und mehr Kindern zu entscheiden“ (4). Das von ihr eingerichtete „Kompetenzzentrum Familienleistungen“, soll deshalb aufzeigen, wie Familien mit drei- und mehr Kindern gefördert werden können (5).

Der Monitor Familienforschung über Mehrkinderfamilien

Mit der Ausgabe „Kinderreiche Familien in Deutschland“ des „Monitor Familienforschung“ möchte die Bundesfamilienministerin das „in der Forschung bislang meist nur am Rande behandelte Thema Mehrkinderfamilie“ in das „Zentrum des Interesses“ rücken und die „wichtigsten Informationen“ hierzu „kompakt“ darstellen (6). Der Monitor Familienforschung stellt zunächst die Verbreitung von Mehrkinderfamilien in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern dar („Familien in Deutschland sind vergleichsweise kinderarm“) und geht dann auf die Frage des Kinderwunsches ein („Sind mehr als zwei Kinder gewünscht?“). Anschließend beschäftigt er sich mit den „Besonderheiten kinderreicher Familien“, d. h. insbesondere ihrem „Bildungsniveau“ sowie dem Familienleben mit drei und mehr Kindern“. Das Schlusskapitel stellt sich der – für das Bundesfamilienministerium entscheidenden – Frage: „Wie werden diese Kinder finanziert?“.

1. Familien in Deutschland sind vergleichsweise kinderarm

In Deutschland leben 1,2 Mio. Familien mit drei Kindern, 240.000 mit vier Kindern und rund 85.000 mit fünf oder mehr Kindern. Besonders häufig leben diese Familien in den westdeutschen Flächenstaaten. So sind in Baden- Württemberg und Schleswig- Holstein 15 Prozent der Familien Mehrkinderfamilien. Insgesamt leben 13 Prozent der westdeutschen und nur 6 Prozent der Ostdeutschen Familien mit mehr als zwei Kindern im Haushalt. In Ostdeutschland sind nicht nur kinderreiche Familien selten, auch der Anteil der Familien mit nur einem Kind ist dort in den 90er Jahren stark angestiegen (7).

In Westdeutschland fand der Rückgang von Mehrkinderfamilien im Wesentlichen in den 80er Jahren statt. So hatten 1970 21 Prozent der Familien drei und mehr Kinder, 1980 19 Prozent, 1985 noch 19 Prozent und 1989 zählten nur noch 14 Prozent zu den – in diesem Sinne - „Kinderreichen“. In den letzten 15 Jahren hat sich hinsichtlich der Familiengröße nicht mehr viel verändert (8). Der Monitor Familienforschung stellt fest, dass „die große Mehrheit der kinderreichen Eltern“ als „verheiratetes Paar“ zusammenlebt. In Ostdeutschland leben 14 Prozent der kinderreichen Eltern unverheiratet zusammen, in Westdeutschland sind lediglich drei Prozent der kinderreichen Paare nicht verheiratet (9). Der Zusammenhang zwischen Eheschließung und Gründung einer kinderreichen Familie ist damit in Deutschland „stringenter“ als z. B. in Norwegen und in manchen osteuropäischen Ländern (10).

2. Sind mehr als zwei Kinder gewünscht?

Die Abnahme des Kinderreichtums ist kein spezifisch deutsches Problem, „sondern zeigt sich im Grundsatz in vielen Ländern, die den Wandel zu einer modernen Industriegesellschaft vollzogen haben“. Noch geringere Anteile an kinderreichen Familien als in Deutschland weisen Portugal, die Tschechische Republik, Italien und Griechenland auf. Deutlich höhere Anteile kinderreicher Familien sind dagegen in vor allem in Norwegen und Irland zu finden (11).
In Deutschland werden nicht nur seltener Mehrkinderfamilien gegründet, schon der Wunsch nach einer solchen Familie ist schwächer ausgeprägt als in anderen europäischen Ländern. Bereits im Jahr 1950 war der Kinderwunsch mit 2,4 deutlich niedriger als in den Nachbarländern Niederlanden (3,5) und Frankreich (2,9). Nach repräsentativen Befragungen aus jüngster Zeit sind die Kinderwünsche insgesamt in Deutschland im internationalen Vergleich eher gering (12).

Besonders gering ist der Wunsch nach einer Mehrkinderfamilie mit nur 10 Prozent bei Männern in Ostdeutschland. Dagegen äußern 15 Prozent (Ost) bzw. 16 Prozent (West) der Frauen diesen Wunsch. Von den westdeutschen Männern wünscht sich sogar jeder fünfte eine kinderreiche Familie. Die Gründung einer solchen Familie ist allerdings bei Paaren mit hohem Ausbildungsstand engen zeitlichen Zwängen unterworfen: „Auf eine lange Ausbildung folgt eine Zeitspanne bis zur beruflichen Etablierung“. Letztere wird aber von der Mehrheit der Bürger als „notwendige Basis für eine Familiengründung“ angesehen (13). Damit „bleiben oft nur wenige Jahre jenseits der „30“, um den Kinderwunsch umzusetzen, was sich letztlich negativ auf die Kinderzahl auswirkt“ (14).

Charakteristisch für kinderreiche Eltern ist es, dass sie mit der Familiengründung in der Regel früher als andere beginnen: „Während Frauen, die nur ein Kind haben, bei der Geburt des ersten Kindes im Schnitt über dreißig Jahre alt waren, waren Mütter von mehr als zwei Kindern bei der Geburt des ersten Kindes erst 27 Jahre alt“ (15). Die „politische Konsequenz“ dieser Erkenntnis müsse es zum einen sein, die Rahmenbedingungen für eine Elternschaft bereits in der frühen Erwachsenenphase durch eine entsprechende Zeit-, Geld- und Infrastrukturpolitik zu verbessern und zum anderen Paare zu ermutigen, Kinderwünsche auch im Alter ab Mitte dreißig noch zu erfüllen“ (16).

3. Besonderheiten kinderreicher Familien

Im Blick auf ihren Ausbildungsstand weisen kinderreiche Eltern besondere Merkmale auf, „sowohl im Hinblick auf ein unterdurchschnittliches als auch auf ein überdurchschnittliches Bildungsniveau“. So ist der Anteil der Eltern ohne Schulabschluss bei den Familien mit drei und mehr Kindern deutlich höher als bei Ein- und Zweikinderfamilien (17). Dies sei bedenklich, „da in Deutschland ein niedriges Bildungsniveau der Eltern aufgrund der besonders undurchlässigen Bildungs- und Ausbildungsstrukturen an die Kinder „sozial vererbt“ werde. Zu den „wichtigen politischen Aufgaben“ gehöre es deswegen, „die Entwicklung insbesondere dieser Kinder frühzeitig zu fördern“ (18). Zu bemerken sei aber auch, dass es „unter den Familien mit drei Kindern auch eine über dem Durchschnitt liegende Gruppe mit hohem Bildungsstatus und beruflichem Abschluss gibt“ (19). Eltern mit „Migrationshintergrund“ sind unter den kinderreichen Familien überdurchschnittlich vertreten: Ihr Anteil steigt von 18 Prozent bei Familien mit drei Kindern, über 24 Prozent bei Familien mit vier Kindern auf fast ein Drittel bei den Familien mit fünf und mehr Kindern. Allerdings passen sich nach Auskunft der Bundesregierung längerfristig die ausländischen Familien „in ihrem generativen Verhalten der deutschen Bevölkerung an“ (20).

4. Familienleben mit drei und mehr Kindern

Der „Monitor Familienforschung“ stellt fest: „Kinderreiche Familien stehen bei der Bewältigung des Alltags vor Herausforderungen, die sie von kleineren Familien unterscheiden“ (21). Dazu gehört, dass mit steigender Kinderzahl der pro Person zur Verfügung stehende Wohnraum abnimmt. Verglichen mit dem Durchschnitt der Bevölkerung leben sieben Prozent der Paare mit drei, zwölf Prozent der Paare mit vier oder mehr Kindern und sogar 25 Prozent der kinderreichen Alleinerziehenden auf weniger als der Hälfte der durchschnittlichen Wohnfläche der Gesamtbevölkerung.

Der gemeinnützige Wohnungsbau wird von kinderreichen Familien nur unwesentlich stärker als von anderen Familien genutzt. Stattdessen erwerben vor allem Familien mit drei Kindern häufiger Wohneigentum (22). „Oft resultiert der Erwerb eines Eigenheims aus der Schwierigkeit, mit einer großen Personenzahl eine geeignete Wohnung zu finden. Der entstehende finanzielle Aufwand stellt eine erhebliche Belastung für die ökonomisch oft nicht gut situierten Familien dar“ (23).

Kinderreiche Eltern leben deutlich häufiger als andere Haushalte ein „traditionelles Arrangement“, d. h. der Vater ist erwerbstätig und die Mutter übernimmt die Hausarbeit. Wenn sie sich für eine solche Arbeitsaufteilung entschieden haben, wird „die Bewältigung des Alltags, insbesondere die zunehmende Erledigung von Haushaltstätigkeiten und die Sorge für die Kinder deutlich zufriedener als bei kleineren Familien bewertet“ (24). Die „Gestaltung von Alltag und Freizeit“ von Mehrkinderfamilien ist „insgesamt familienzentrierter als bei kleineren Familien, d. h. Mahlzeiten werden öfter zuhause eingenommen, die Eltern unternehmen seltener etwas außer Haus. Dem entspricht, dass Freizeit in der Wertigkeit weniger bedeutsam ist und die Eltern eher bereit sind, eigene Freizeit zugunsten der Kinder einzuschränken“ (25).

Grundlage des Familienlebens ist in der Regel eine „Partnerschaftssituation“, die sich „besonders günstig“ darstelle: „Bereits zu Beginn der Ehe bewerten diese Elternpaare ihre Partnerschaft überdurchschnittlich oft als glücklich. 72 Prozent der verheirateten Paare in kinderreichen Familien gehen davon aus, dass ihre Partnerschaft ein Leben lang hält, bei Familien mit weniger Kindern ist nur rund die Hälfte davon überzeugt (26).

Nach Auskunft des „Monitors Familienforschung“ unterschieden sich kinderreiche Mütter „in ihrem Wunsch, Familie und Beruf zu verbinden, kaum von Frauen mit einem oder zwei Kindern“. Diesem Wunsch stünden nicht nur „organisatorische Gründe“ oder wenig bedarfsgerechte Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren“, sondern auch „gesellschaftliche Erwartungen“ in der Arbeitsvermittlung, am Arbeitsplatz und im „privaten Umfeld“ entgegen (27).

5. Wie werden diese Kinder finanziert?

Kinderreiche Familien verfügen in der Regel über ein vergleichsweise niedriges Pro-Kopf- Einkommen. So haben sie mit durchschnittlich 1000 € pro Familienmitglied 350 € weniger zur Verfügung als Familien mit nur einem Kind. Besonders ungünstig ist die Situation von Alleinerziehenden mit mehr als drei Kindern, die pro Person nur 722 € zur Verfügung haben. Die Hauptursache für die „vergleichsweise schlechte Einkommensposition kinderreicher Familien“ sieht der Monitor Familienforschung in der mangelnden „Erwerbsbeteiligung“ kinderreicher Mütter begründet. „Der Erwerbsumfang sinkt mit der Anzahl der Kinder deutlich. Nur 12 Prozent der Mütter mit vier oder mehr Kindern arbeiten 35 und mehr Stunden, 19 Prozent unter 20 Stunden“ (28).

Nach den Erkenntnissen des Monitors Familienforschung vermissen viele kinderreiche Familien Unterstützung durch die Gesellschaft: „Häufiger Anlass für Kritik ist eine „mangelnde Unterstützung durch den Staat“ oder unzureichende Ermäßigungsangebote bspw. im Freizeit- und Kulturbereich. Im Blick auf politische Maßnahmen wünschen sich kinderreiche Familien „stärker eine finanzielle Unterstützung als einen Ausbau der Infrastruktur“ (29). Bundesfamilienministerin von der Leyen meint dagegen, dass „sich der Familienalltag auch mit mehreren Kindern durchaus mit der Erwerbstätigkeit beider Elternteile vereinbaren lässt, wenn die richtige Unterstützung da ist“ (30). Die „richtige Unterstützung“, das ist für das Bundesfamilienministerium vor allem eine flächendeckende Betreuungsinfrastruktur sowie ein umfassendes „Dienstleistungsangebot“ für Eltern (31).

(Fortsetzung folgt)

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Anmerkungen

(1) Vgl.: Hans Bertram/Wiebke Rösler/Nancy Ehlert: Zeit, Infrastruktur und Geld: Familienpolitik als Zukunftspolitik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 23-24 2005, S. 6.
(2) Vgl. ebd., S. 7.
(3) Vgl. ebd.
(4) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Monitor Familienforschung, Ausgabe Nr. 10: Kinderreichtum in Deutschland, S. 2.
(5) Vgl. Maria Welsch: >Kompetenzzentrum für Familienbezogene Leistungen
(6) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Monitor Familienforschung, Ausgabe Nr. 10: Kinderreichtum in Deutschland, S. 2.
(7) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Monitor Familienforschung, Ausgabe Nr. 10: Kinderreichtum in Deutschland, S. 3.
(8) Vgl. ebd.
(9) Vgl. ebd., S. 3.
(10) Vgl. ebd.
(11) Nicht ganz so hoch wie in Irland und Norwegen, aber ebenfalls deutlich höher sind die Anteile in Polen, den Niederlanden, Frankreich und Finnland. Vgl. ebd.
(12) Vgl. ebd.
(13) Vgl. ebd., S. 5.
(14) Vgl. ebd., S. 6.
(15) Vgl. ebd.
(16) Vgl. ebd., S. 6.
(17) Vgl. ebd.
(18) Vgl. ebd., S. 6.
(19) Vgl. ebd.
(20) Vgl. ebd.
(21) Vgl. ebd., S. 7.
(22) Vgl. ebd.
(23) Vgl. ebd., S. 6.
(24) Vgl. ebd., S. 7.
(25) Vgl. ebd.
(26) Vgl. ebd., S. 6.
(27) Vgl. ebd.
(28) Vgl. ebd., S. 8.
(29) Vgl. ebd., S. 9.
(30) Vgl. ebd., S. 2.
(31) Vgl.: Stefan Fuchs: >Der Kampf gegen die traditionelle Familie und die Erziehungsverantwortung der Eltern.