"Jetzt reden wir mal über eure Traumfrauen und -männer", sagt Christel Dinger. Zwei Schülerinnen kichern. "Cool", sagt ein Neuntklässler und grinst seinen Nachbarn an.
„Notiert bitte drei Eigenschaften, die sie eurer Meinung nach haben sollten“, ergänzt die Sozialarbeiterin und gibt jedem der 30 etwa 16 Jahre alten Jugendlichen ein gelbes DIN-A4-Blatt in die Hand. Es ist kurz nach zehn. Für die Klasse 9c der Ludwig-Uhland-Schule in Heimsheim bei Stuttgart, ein Verbund aus Grund-, Haupt- und Realschule mit mehr als 1.000 Schülern, hat vor wenigen Minuten die dritte Stunde begonnen.
Statt um „Reli“, wie Religion im Schülerjargon heißt, geht es heute um „Lebensplanung und Lebensentwürfe – wie soll mein Leben aussehen?“. Christel Dinger sammelt die Blätter wieder ein. Zusammen mit ihrem Mann Werner, von Beruf Bankkaufmann, ist sie an diesem Morgen extra aus Bensheim in Hessen angereist – im Auftrag von „Kinder Kinder“, einem Heidelberger Verein, der junge Menschen in Fragen der persönlichen Lebensorientierung berät und begleitet.
Was die Initiative fördern will, gelungene Partnerschaften als Grundlage einer neuen Familienkultur, leben die Referenten offenkundig: Das Ehepaar Dinger ist seit 20 Jahren verheiratet und hat drei Kinder. Weil nach ihren Worten „schon in jungen Jahren Entscheidungen für das weitere Leben heranreifen“, wollen sie Jugendliche ermuntern, sich mit diesen Fragen früh zu beschäftigen. Deshalb sind die Dingers heute gekommen.
Die kleine Umfrage ist inzwischen beendet, die Albernheiten unter den Heranwachsenden längst passe. Die Klasse ist jetzt voll bei der Sache, gespannt warten die 16Jährigen auf das Ergebnis. Christel Dinger schreibt die Antworten an die Tafel: Die Hälfte der 30 Jugendlichen erwarten von einem Traumpartner Liebe und Geborgenheit. Gewünscht sind zudem Eigenschaften wie Humor, Hilfsbereitschaft und Treue.
Antworten, die in dieser Deutlichkeit auch in manchen Jugendstudien, wie etwa in denen der Shell AG, immer wieder zu finden sind. In der letzten Shell-Untersuchung von 2002 heißt es zum Beispiel: „75 Prozent der weiblichen und 65 Prozent der männlichen Jugendlichen meinen, dass man eine Familie zum ‚Glücklich sein’ braucht. Neben ‚Karriere machen’ (82 Prozent) steht ‚Treue’ mit 78 Prozent ganz oben auf der Skala der Dinge, die von den Jugendlichen heute als ‚in’ bezeichnet werden. Über zwei Drittel der Jugendlichen wollen später eigene Kinder.“
Offenbar zählen diese Wünsche für eine deutliche Mehrheit Jugendlicher in Deutschland zu den Grundkonstanten, die ein als gelungen empfundenes Leben auszeichnen. Ob Heranwachsende sie in späteren Jahren tatsächlich erreichen, steht auf einem anderen Blatt. Christel Dinger hakt nach: „Wer sind eure Vorbilder? Was für Eigenschaften haben die?“ Und: „Wie schätzt ihr euch selbst ein? Verfügt ihr selbst über die Eigenschaften, die ihr von anderen erwartet?“
Weitere Bögen werden ausgefüllt, alle tragen eine andere Farbe. Konzentriert werden sie ausgefüllt, anschließend die Ergebnisse an der Tafel notiert. Wieder stehen die Begriffe treu, hilfsbereit, humorvoll in der Skala ganz oben; hinzugekommen sind ehrlich, erfolgreich und „cool“. Die Antworten auf die Fragen zu „Wie schätze ich mich selber ein?“ wollen die Referenten nicht publik machen.
Wie sich die Schülerinnen und Schüler bei den auf den Bögen als „Basics“ bezeichneten Eigenschaften einschätzen, bleibt ihr Geheimnis. Jeder soll seinen Bogen mit nach Hause nehmen und sich ehrlich prüfen, ob er unter anderem in den Punkten „Verantwortung übernehmen können, Zuverlässigkeit, Konfliktfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Vergebungsbereitschaft oder sensibler Umgang mit Gefühlen“ nun die Note sehr gut, gut, befriedigend oder ausreichend verdient oder gar nur mangelhaft bis ungenügend.
„Nehmt das Ergebnis bitte ernst“, betonen Christel und Werner Dinger. Wer im Selbsttest gut abgeschnitten hat soll, so die Referenten, „weitermachen“; wer eher mittelprächtig dasteht, seine Fähigkeiten weiter trainieren, sie entwickeln oder erlernen. „Wir bieten euch dabei Unterstützung an“, sagt Sozialarbeiterin Dinger zum Abschluss: „Wer will, ruft uns an oder schaut auf unsere Internetseiten www.kinder-kinder.org.“
Enno Kohler, Religionslehrer und evangelischer Gemeindereferent, der „Kinder Kinder e.V“ nach Heimsheim eingeladen hat, verweist ganz zum Schluss auf das Angebot der örtlichen Kirchengemeinde. Auch dort werde den Jugendlichen Orientierung geboten. Dann tönt das Pausensignal.
Während sich die Türen der Nachbarräume hörbar öffnen und es auf den Fluren vielstimmig wird, bleiben die meisten der 9c noch im Klassenraum und sprechen über die vergangen Stunde, einige wenden sich an die Referenten. Die Klassenlehrerin, Christina Lauer, mischt sich unter ihre Schüler, verspricht, das Thema „Lebensplanung und Lebensentwürfe“ in einer der nächsten Stunden noch einmal aufzugreifen.
Das Signal ertönt zum zweiten Mal. Es geht weiter. Christel und Werner Dinger werden von Steffi Gasch, Englisch-, Religions- und Sportlehrerin in die nächste Klasse begleitet. Eine neue Gruppe, aber der gleiche Ablauf. Zu Beginn zeigen die Dingers einen Werbespot: Büroalltag. Zwei Männer unterhalten sich über Frauen. Der eine scheint glücklich verheiratet, ein Foto zeigt Frau und zwei Töchter; der andere ist ungebunden, unentschieden und reichlich frustriert. Sein Statement: „Zwei Frauen. Die eine super süß, die andere total sexy. Qual der Wahl.“ Der Spot endet.
„Als ob das alles so einfach wäre: den richtigen Partner finden und es läuft“, kommentiert Christina Lauer. Wie Recht sie hat. Wohl auch deshalb wartet auf „Kinder Kinder“ noch viel Arbeit.
(Lebensplanung & Lebensentwürfe – ein Projekt von Kinder – Kinder e.V. [1] in der Schule)