Serie Tugenden (7): Die Würde des menschlichen Körpers

Serie Tugenden (7): Die Würde des menschlichen Körpers

Die Tugend des Maßes ist heute nicht gut angesehen. In ihr geht es auch um Disziplin und Entsagung. Das wird in einer Kultur, in der das Wohlbefinden als wichtigstes Ziel herrscht, nicht geschätzt. Letztlich ist diese Tugend aber die Hüterin unserer Freiheit. Jemand, der meint, frei sein bedeute, sich seinem spontanen Verlangen ohne Einschränkung hingeben zu können, verfällt einer tragischen Täuschung: er ist Sklave seiner Triebe.

Die Würde des menschlichen Körpers

Der Mensch gehört ganz Gott, mit seiner Seele und seinem Körper, mit seinen Sinnen und Vermögen. Unter allen Geschöpfen ist der Mensch das einzige, das mit Gott kommunizieren kann. Nur der Mensch ist dazu berufen, das ewige Leben zu erlangen. Alles, was Gott erschaffen hat, hat er für den Menschen bestimmt, dem Haupt und der Krönung der körperlichen Schöpfung. Nachdem aber die Erbsünde Unordnung in die Schöpfung gebracht hat, sollte die Haltung des Christen vor den sinnlichen Vergnügen jene sein, die der hl. Paulus im ersten Brief an die Korinther beschreibt: „Alles ist mir erlaubt! Doch nicht alles tut gut! Alles ist mir erlaubt! Doch möchte ich mich nicht unterjochen lassen von irgendeiner Sache. Das Essen ist für den Magen da und der Magen für das Essen. Gott aber wird ihn und dieses vergehen lassen. Der Leib ist nicht für die Unzucht, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. Gott erweckte den Herrn und wird auch uns erwecken durch seine Macht“ (1 Kor 6,12 ff.).

Heutzutage wird das Sinnliche oft übertrieben verherrlicht, die Lehre des hl. Paulus wird verdreht, ungefähr nach dem Motto: Alles, was mir gefällt, ist mir erlaubt. Mein Körper gehört mir und nur ich darf – je nach Lust und Laune – über ihn bestimmen. Indem man das, was Gott als Mittel bestimmt hat, als Ziel einsetzt, versucht man sich von den göttlichen Gesetzen zu befreien und merkt nicht, dass man sich dafür einem anderen Gesetz unterwirft, dem des eigenen Tyrannen, der immer mehr von uns verlangt. Das Bild Gottes in der Seele des Menschen wird dabei stark verzerrt, und die menschliche Würde geht verloren.

Vom „Wohlgeruch Christi“

Im Leben Christi leuchtet ganz besonders das Maßhalten im Gebrauch der sinnlichen Güter auf. Wir sehen Christus beim Essen am Tisch, aber manchmal auch ohne Zeit zu essen oder sich auszuruhen, wenn es das Heil der Menschen erfordert. Er segnet die menschliche Liebe, lädt aber auch dazu ein, Haus und Familie zu verlassen, um ihm zu folgen. Er schätzt die Höflichkeit im Umgang, verurteilt jedoch leere Formalismen. Er kleidet sich würdig, schreibt der hl. Johannes, hat jedoch keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen könnte. Derselbe Jesus bewundert und liebt die Schönheit der Schöpfung, gleichzeitig aber erinnert er an die Vergänglichkeit dieses Lebens hier auf Erden: „Macht euch also nicht Sorge und sagt nicht: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns bekleiden? Denn nach all dem trachten die Hei- den. Euer Vater im Himmel weiß ja, dass ihr all dessen bedürft. Sucht zuerst seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch dazugegeben werden“ (Mt 6,31 ff.).

Dieses Vertrauen in Gott macht den Jünger Christi frei; er wirkt auf andere Menschen anziehend, weil er den „Wohlgeruch Christi“ (2 Kor 2,15) ausbreitet. Der hl. Augustinus sagt, dass die ersten Christen die materiellen Güter maßvoll gebrauchten, das heißt nur insofern sie notwendig waren oder um ihre Pflichten zu erfüllen. Sie be- werteten sie weder übermäßig noch wurden sie von ihnen „mit gerissen“. Auch heute kann es uns gelingen, innerlich losgelöst von den materiellen Gütern zu leben. Und wer nicht am Vergänglichen klebt, von dem wird man vielleicht sagen können, was die zwei Jünger in Emmaus über Jesus gesagt haben: „Brannte nicht das Herz in uns, als er auf dem Weg mit uns redete und uns die Schrift erschloss?“ (Lk 24,32).

Die Textauszüge entstammen dem Buch Die Tugenden - Werte zum Leben von Pia Bühler. Es ist im Sankt Ulrich Verlag erschienen, mit dessen freundlicher Genehmigung wir sie übernommen haben. Das Copyright verbleibt beim Verlag. Über diesen >Link gelangen Sie zum Online-Shop des Verlags.