Die Tugend des Maßes ist heute nicht gut angesehen. In ihr geht es auch um Disziplin und Entsagung. Das wird in einer Kultur, in der das Wohlbefinden als wichtigstes Ziel herrscht, nicht geschätzt. Letztlich ist diese Tugend aber die Hüterin unserer Freiheit. Jemand, der meint, frei sein bedeute, sich seinem spontanen Verlangen ohne Einschränkung hingeben zu können, verfällt einer tragischen Täuschung: er ist Sklave seiner Triebe.
Die Rangordnung der Sinne
Die katholische Lehre hat stets den Vorrang des Geistes gegenüber der Materie bekundet, zugleich aber den Wert des Materiellen anerkannt. Dieser Wert baut auf der Güte Gottes auf, der alles aus dem Nichts erschaffen hat und an allem Wohlgefallen fand. Seit den ersten Jahrhunderten hat die Kirche beide Extreme verurteilt: die Verneiner des Geistes und die Verneiner der Materie.
Der Christ erkennt die spezielle Würde des menschlichen Körpers an, der zur Auferstehung berufen ist. Der hl. Paulus schreibt den Korinthern: „Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt; ihn habt ihr von Gott, und nicht euch selber gehört ihr. Denn ihr wurdet erkauft um einen Preis. So verherrlicht Gott in eurem Leib!“
Der maßvolle Mensch richtet sein sinnliches Strebevermögen auf das Gute und bewahrt dadurch ein gesundes Unterscheidungsvermögen. Die Mäßigkeit vervollkommnet das sinnliche Begehren, das sich auf das richtet, was gemäß der Wertung der Sinne als lustvoll erscheint. Den fünf Sinnen entsprechend gibt es die Lust des Tastens, Schmeckens, Sehens, Hörens und Riechens.
Durch die Mäßigkeit wird der Genuß von Essen, Trinken, sexueller Freude, das Verlangen nach Wohlstand und gesellschaftlicher Geltung sowie die Abneigung gegen Schmerz und Leid ihrer Eigenmacht entzogen und zu einer harmonischen Erfüllung geführt. Die Ordnung zwischen den Sinnen und der Vernunft wird harmonisiert und dadurch Glück ermöglicht.
Die Mäßigkeit fördert die Ausgeglichenheit, die auch zu einer harmonischen Persönlichkeit gehört. Maßhalten heißt, sich selbst im Griff zu haben. Nicht alles, was wir leibhaft oder seelisch empfinden, darf uns in einen ungezügelten Strom fortreißen; ich muß wissen, daß ich nicht alles darf, was ich kann.
Ein Leben im Geist des Verzichts und besonders des Opfers befreit den Menschen von vielen Fesseln und läßt ihn im Innersten seines Herzens die ganze Liebe Gottes auskosten. Durch Maßhalten wird die Seele nüchtern, bescheiden und verständnisvoll; leicht und wie selbstverständlich neigt sie zu einer Zurückhaltung, die anziehend ist, weil sie die Herrschaft des Verstandes spüren läßt.
Maßhalten bedeutet nicht Einengung, sondern Weite. Die Einengung liegt vielmehr in der Maßlosigkeit, denn dann wirft sich das Herz selbst weg, jämmerlich verführt vom erstbesten blechernen Lärm (vgl. Escrivá, Freunde Gottes, Nr. 84). Papst Johannes Paul II. sagte in einer Ansprache im Jahre 1978: Damit der Mensch ganz Mensch sein könne, sei die Mäßigkeit unentbehrlich. Man brauche nur jemanden anzuschauen, der sich zu einem Opfer seiner eigenen Leidenschaften erniedrigt habe: ein Mensch, der auf seinen Verstand verzichte (zum Beispiel ein Alkohol- oder Drogensüchtiger). Maß haben bedeutet demnach auch, die eigene Würde zu respektieren. Mensch leicht einredet, er habe wichtigere Pflichten und daher keine Zeit, oder es sei zu schwierig, die Lehre Christi zu verstehen.