Serie Tugenden: Tapferkeit (1)
Wir beginnen heute mit einer mehrteiligen Artikelserie über zwei wichtige Tugenden: Tapferkeit und Maß. Das Wort „Tugend“ weckt in uns unterschiedliche Assoziationen. Die einen stehen dem Ausdruck gleichgültig gegenüber, sie haben das Wort kaum je gehört. Andere verbinden Tugend mit einer rigiden Pflichterfüllung, wieder andere denken dabei an wohltuende Eigenschaften, die zwar erstrebenswert wären, aber leider schwierig zu erreichen sind. Wahrscheinlich sind es die wenigsten unter uns, die das Wort „Tugend“ mit etwas Frohem, Optimistischen verbinden, mit etwas durchaus Familiärem, weil wir tagtäglich darum ringen. Die Autorin hofft, dass die Leser am Ende der Serie Sympathie für die Tugend erhalten haben und die Anregungen auch bei der Erziehung nutzen können.
Die Textauszüge entstammen dem Buch Die Tugenden - Werte zum Leben von Pia Bühler. Es ist im Sankt Ulrich Verlag erschienen, mit dessen freundlicher Genehmigung wir sie übernommen haben. Das Copyright verbleibt beim Verlag. Über diesen >Link gelangen Sie zum Online-Shop des Verlags.
Den Willen stärken
Die Tapferkeit ist jene Tugend, welche die Leidenschaften des zürnenden Strebevermögens (des Mutes) der Vernunft gemäß vervollkommnet, nämlich als das Anpacken oder In-die-Hand-Nehmen (aggredi) von dem, was zu tun ist, und das Widerstehen und Standhalten (resistere) bezüglich der Schwierigkeiten und andauernden Mühen, um das, was zu tun ist, zu Ende zu führen. Im ersten Fall spielen insbesondere die Tugenden des Mutes und der Kühnheit mit, im zweiten Fall die Geduld und die Beharrlichkeit.
Die dem Starkmut widersprechenden Extreme sind die Furcht vor den Mühen, so daß die gute Handlung verhindert wird (Feigheit), und die Tollkühnheit, die sich unnötigen und unangemessenen Gefahren aussetzt. Tapfere Menschen sind bereit, auch unter Gefahren und Beschwernissen für das Gute und besonders für das der eigenen Überzeugungen entsprechend Gerechte einzutreten, und auch im Leiden zur eigenen und fremden Menschenwürde zu stehen. Die Tapferkeit festigt die Entschlossenheit, Versuchungen zu widerstehen und Hindernisse zu überwinden. Sie befähigt, die Angst – selbst vor dem Tod -– zu besiegen und allen Prüfungen und Verfolgungen die Stirn zu bieten. Die Tugend des Starkmutes schützt vor Verzweiflung und läßt hoffen; und schließlich bewahrt sie vor dem Laster des Zornes und führt zur Sanftmut.
Gemäß Worten des hl. Augustinus ist Starkmut die Liebe, die mit dem festen Blick auf Gott gerichtet alles erduldet, ohne zu leiden. In einer Konsumgesellschaft, in der kleinste Verzichte oder Opfer auf riesigen Widerstand stoßen, ist die Tugend der Tapferkeit besonders dringlich. Doch Gott Vater weiß wie kein anderer um unsere Situation hier auf Erden und schenkt uns deswegen Tapferkeit, wenn wir darum bitten, damit uns die ständige Selbstüberwindung leichter fällt. Der Christ erhält auch als Geschenk des Hl. Geistes die Gabe des Starkmutes, welche die Tugend der Tapferkeit vervollkommnet. Die Gabe des Hl. Geistes gibt dem Menschen die Kraft, angesichts höherer Werte wie beispielsweise der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der geistlichen Berufung oder der ehelichen Treue sich selbst zu überwinden.
Der starke Mann wurde stets bewundert und als Modell hingestellt, auch in heidnischen Kulturen. Die Taten der Helden, Denker und Gesetzeslehrer, die – statt ihr Ideal zu verleugnen – jede Art von Entsagungen vorgezogen haben, dienten ganzen Generationen als Referenzpunkte. Doch die christliche Tapferkeit, die alle diese edlen menschlichen Züge in sich enthält, ist viel mehr. Das Christentum entspringt einem höchsten Akt von Starkmut und Liebe, dem Tod Christi am Kreuz, und hat sich kraft des Märtyrerblutes weiterentwickelt. Gerade der Christ sollte tapfer sein, wenn nötig bis zum Extrem. „Das Martyrium, das den Jünger dem Meister in der freien Annahme des Todes für das Heil der Welt ähnlich macht und im Vergießen des Blutes gleichgestaltet, wertet die Kirche als hervorragendes Geschenk und als höchsten
Erweis der Liebe. Wenn es auch wenigen gegeben wird, so müssen doch alle bereit sein, Christus vor den Menschen zu bekennen und ihm in den Verfolgungen, die der Kirche nie fehlen, auf dem Weg des Kreuzes zu folgen“ (Konzilskonstitution Lumen gentium, Nr. 42). Der hl. Ignatius von Antiochien sagte: „Laßt mich ein Fraß der wilden Tiere sein, durch die es möglich ist, zu Gott zu gelangen!“ Die Märtyrer bilden die mit Blut geschriebenen Archive der Wahrheit.
Der hl. Polykarp sagte vor seinem Tod: „Herr allmächtiger Gott, ich preise dich, weil du mich dieses Tages und dieser Stunde gewürdigt hast, zur Zahl deiner Blutzeugen zu gehören. Du hast dein Versprechen gehalten, Gott der Treue und Wahrheit.“ Im zweiten Buch der Makkabäer lesen wir vom greisen Eleasar, der es vorzieht zu sterben, statt das Gesetz Gottes zu verletzen: „Ich will jetzt mannhaft mein Leben einsetzen und mich des Alters würdig zeigen. Der Jugend aber hinterlasse ich ein edles Beispiel, wie man mutig und heldenhaft für die ehrwürdigen und heiligen Gesetze eines schönen Todes stirbt.“
Pia Theresia Bühler, 1959 in den USA geboren, erhielt in Zürich die Ausbildung zur Grundschullehrerin und studierte anschließend Heilpädagogik in Zürich und Journalistik in Freiburg. Neben ihrer Tätigkeit als Journalistin und Pädagogin hält sie Vorträge zur christlichen Glaubenslehre und Persönlichkeitsbildung.
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