Wirtschaftsfaktor „silver economy“
Nachdem die Berichte über den Wirtschaftsfaktor „Babyboom und Frauenarbeit durch Kinderkrippen“ etwas abgeebbt sind, regt nun ein europäischer Kongress zum Länder übergreifenden Blick auf die Kaufkraft der älteren Menschen an. Wie schon bei Krippenbabies und berufstätigen Frauen geht es auch hier nicht primär um das Wohlergehen dieser Menschen, sondern steht der wirtschaftliche Vorteil, den ein Land aus der Population der älteren Menschen ziehen kann, im Vordergrund des Interesses.
Am 17. und 18. April fand in Berlin ein europäischer Kongress zum Thema „Demografischer Wandel als Chance: Wirtschaftliche Potenziale der Älteren“ statt. Veranstalter war das Bundesfamilienministerium in Verbindung mit der Europäischen Kommission. Im Rahmen der deutschen Ratspräsidentschaft hielt Familienministerin Ursula von der Leyen die Eröffnungsrede vor den 400 Kongressteilnehmern aus allen EU-Ländern.
Als Botschaft, die von diesem Kongress ausgehen sollte, formulierte sie:
- Ältere Menschen sind ein Reichtum für unsere Gesellschaft. Sie haben Kompetenzen und Potenziale.
- Ältere Menschen werden in unserer Gesellschaft gebraucht – wir wollen ihr Erfahrungswissen gewinnen, für ein besseres Miteinander der Generationen, für wirtschaftliches Wachstum und für den Arbeitsmarkt.
- Mit der „silver economy“ kann sich Europa einen wachsenden lukrativen Markt erschließen und weltweit zum Trendsetter werden.
Verschiebung der Alterspyramide
Fast alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verzeichnen die gleiche Bevölkerungsentwicklung.
Bei einer Geburtenrate in der EU von 1,52 (1970 lag sie noch bei 2,35) wird die Bevölkerung von fast 500 Millionen in den nächsten Jahren weiter sinken. Die Gruppe der Arbeitsfähigen zwischen 15 und 65 Jahren wird um etwa 50 Millionen abnehmen, während die Zahl der über 80 Jährigen sich etwa verdreifachen wird.
Die Bedeutung der „silver economy“
Das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat in einer Studie nachgewiesen, dass die Generation der über 60 Jährigen in Deutschland über eine Kaufkraft von 316 Milliarden Euro verfügt und damit fast ein Drittel des privaten Konsums erbringt. Stagniert das Bevölkerungswachstum und bleibt die Lebenserwartung so hoch wie derzeit angenommen, wächst das der Summe der Älteren zur Verfügung stehende Kapital bis 2050 auf 386 Milliarden Euro und macht damit mehr als 41 Prozent der Gesamtausgaben aus.
Der Kongress regte deshalb die Wirtschaft an, sich auch zum eigenen Nutzen auf die Bedürfnisse der „silver economy“ einzustellen und Produkte oder Dienstleistungen anzubieten, die deren Lebensqualität verbessern.
Aktive Mitarbeit der Älteren
Erwähnt wurden auch Möglichkeiten der aktiven Mitarbeit älterer Menschen wie etwa bei Produktentwicklung oder Unternehmensberatung.
Hierbei dürfte es sich jedoch auch weiterhin um einige wenige privilegierte Pensionäre handeln, ist doch der Trend in allen Firmen die „Befreiung“ von den älteren Mitarbeitern, was durch die staatliche Förderung der Altersteilzeit gute Unterstützung findet.
Das Ehrenamt dagegen wird gerne den Älteren als ihre Domäne überlassen. Tatsächlich können hier Lebenserfahrung und gereifte Güte besonders gut zum Tragen kommen. Dies wiederum schenkt Zufriedenheit und bewahrt ein junges Herz.
Was alte Menschen wirklich brauchen
Sicher sind Produkte und Angebote, die Bedürfnissen und Behinderungen alter Menschen entgegen kommen, erwünscht und „ihr Geld wert“.
Hier reicht die Palette von Lebensmitteln über Möbel, Haushaltsgeräte oder Reiseangebote bis hin zu Dienstleistungen, die eine möglichst lange Teilnahme der alten Menschen am Gesellschaftsleben einschließlich Verbleiben in den eigenen vier Wänden ermöglichen. Eher schädlich dagegen ist die Tendenz der Produkthersteller, den Alten ewige Jugend vorzugaukeln und sie so zu verleiten, ihr Geld oder sich selbst für unsinnige Gegenstände oder Veranstaltungen herzugeben. Dies bringt zwar einigen Wirtschaftszweigen Profit, lenkt aber die alten Menschen von ihrem wahren Reichtum, der Erwägung und Weitergabe ihrer ganz persönlichen Lebensweisheit, ab.
Hier kann die EU sicher von den Völkern Asiens und Afrikas lernen, die das dem Menschen eigentlich innewohnende Gespür für die Kostbarkeit der Alten noch nicht durch ein rein materielles Wirtschaftlichkeitsdenken zerstört haben.
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