Ganztagsschule kann Kinder krank machen

Ganztagsschule kann Kinder krank machen

von Susanne Schumacher (Lüneburg)

Nach PISA scheint jetzt ein neues Allheilmittel gefunden zu sein, das nicht nur bessere schulische Leistungen, sondern obendrein auch noch sinnvolle Freizeitbeschäftigung für alle verspricht. Ganztagsschulen sprießen wie Pilze aus dem Boden und bieten scheinbar gute Lösungen für alle Probleme im Erziehungsbereich an:

Die Kinder sind beschäftigt und beaufsichtigt, sie werden angeleitet und informiert, sie treiben Sport und singen im Chor, sie besuchen Mal- und Zeichenkurse, erforschen Biotope und machen Ersthelfer-Ausbildungen.

Schöne neue Schul-Welt?

Ohne Frage ist die Ganztagsschule wertvoll für Kinder und Jugendliche, denen zu Hause Geborgenheit, Ansprache und ein erfülltes Familienleben fehlen. Besser, sie halten sich in der Ganztagsschule auf, als dass sie isoliert zu Hause vor dem Fernseher sitzen.
Was aber wird aus denen, die sich gerne still und sinnvoll alleine beschäftigen? Die Zeit brauchen, um sich zurückzuziehen, um zu träumen, zu malen, zu schreiben, zu ruhen und in ihrem Inneren ungeahnte Schätze an Kreativität zu finden? Kreativität lässt sich nicht verordnen und in Schulstunden pressen.

Was passiert mit sensiblen Kinderseelen in der Ganztagsschule?

Wie geht es Kindern, die es vorziehen, zu Hause ein Buch auf dem Schoß der Eltern vorgelesen zu bekommen, anstatt in einer Horde von 30 weiteren Kindern lärmende Spiele veranstalten zu müssen?
Wie bekommt es der Kinderpsyche und dem Kindermagen, wenn ein Kind sein Essen in einer Kantine mit hunderten von Kindern einnehmen muss? Ein Essen, das womöglich verkocht oder sich in Pommes mit Fischstäbchen erschöpft; ein Essen, das als Massenware mit Sicherheit nicht mit Ruhe und Liebe zubereitet ist?
Wo bleiben Zeit für Muße, Ruhe und Zärtlichkeit, für den individuellen Austausch mit Eltern, Freunden und Geschwistern oder für völlig ungeplante, spontane Aktionen und Entdeckungen?

Wo erholt sich die Kinderseele?

Wo findet sie Trost und Zuspruch? Wo darf sie sich dem Zwang entziehen, ständig unter Aufsicht zu sein und ständig Ergebnisse produzieren zu müssen? Wo darf sie ohne Wertung und Beurteilung in Liebe wachsen? Sicher nicht in der Ganztagsschule, wo zwangsläufig Abläufe rationalisiert und kontrolliert werden müssen.

Ganztagszwangsbeschulung kann krank machen

Wo Gleichmacherei individuelle Förderung überlagert, da gehen sensible Kinderseelen unter. Ihnen fehlt durch die Ganztagszwangsbeschulung die Möglichkeit des Ausgleichs von der Schule, die für sie sehr anstrengend sein kann.

Wo Kinder ihre Zeit gezwungenermaßen ganztägig in der Schule verbringen müssen statt zumindest teilweise in ihrem gut funktionierenden, liebevollen Elternhaus, da büßen sie Chancen zur seelischen Entfaltung ein und laufen Gefahr, psychische Verwundungen zu erleiden, die so schnell nicht heilen.

Einseitig

Der Artikel ist leider sehr undifferenziert. Zu Hause ist nicht immer alles gut und in der Ganztagsschule nicht immer alles schlecht. Und Kinder sind auch nicht nur sensibel und schutzbedürtig, sondern ebenso lernbegierig und eroberungsfreudig - je nach Kind und Entwicklungsphase mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Ganztagsschule kann, wo sie gute Ansätze hat, durchaus sinnvoll sein. Daß die Konzepte in Deutschland dem zumindest bislang nicht entsprechen, habe ich schon öfter gehört.