Jeder Christ ein Gitarrist? - Neues geistliches Lied und Lobpreis
Seit ungefähr den 60er Jahren gibt es auch in der katholischen Kirche zwei Schlagwörter, die polarisierend wirken können: Neues geistliches Lied und Lobpreis. Was ist das? Ist das was wert? Diesen und anderen Fragen möchte ich in diesem Artikel auf den Grund gehen und diese zwei wichtigen modernen christlichen Musikrichtungen etwas genauer vorstellen.
von Philipp Giese
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Zuallererst muss ich sagen, dass ich ein eher ambivalentes Verhältnis zu neuer geistlicher Musik und Lobpreis habe: Einerseits fiel im ersten Artikel dieser Reihe nicht von ungefähr der Ausdruck Klampfenchristentum; ich finde die Musik nun mal oft derb simpel! Andererseits sehe ich in Neuer Geistlicher Musik und Lobpreis neben Gospel die wohl einzige wirklich primär christliche Musik (ok, streng genommen stimmt das nicht, dazu werde ich aber noch kommen), also keinen christlichen Abklatsch von was Weltlichem, sozusagen als drögen Ersatz weltlicher Musik, sondern ein Geschenk an die Welt. Aber betrachten wir erstmal beide Fälle christlicher Musik...
"Wo Menschen sich vergessen..."
Seit ungefähr Anfang der sechziger Jahre, vielleicht auch schon früher, versuchten verschiedene Musiker, Elemente aktueller Musik mit kirchlicher Musik in Verbindung zu bringen. Das fand natürlich in einer Kirche, die ihre Liturgie nun mal nicht als Menschenwerk, der freien Veränderung empfohlen, sondern als von Gott gestiftet sieht, nicht gerade allgemeinen Beifall. Namhafte Leute wie Kardinal Frings haben sich energisch gegen den Gebrauch dieser neuen geistlichen Musik in der Hl. Messe gewendet. Nach dem zweiten Vatikanischen Konzil und der darauf folgenden Liturgiereform waren natürlich nicht mehr so viele Barrieren da...
Hier ist nicht der Platz, um über das für und wider von neuen geistlichen Liedern zu debattieren. Wichtig ist zu sagen, dass kaum ein Kindergottesdienst heutzutage ohne Laudato Si, Wo Menschen sich vergessen etc. pp. abläuft. Und auch in der allgemeinen christlichen Kinder- und Jugendlichenbetreuung haben neue geistliche Lieder ihren (meiner Meinung nach verdienten) Platz. Doch was genau ist diese neue geistliche Musik und was ist das, was sie erreichen kann?
Neue geistliche Lieder, gern als NGL abgekürzt, sind Lieder, die oft eine christliche Botschaft tragen, ohne explizit religiös zu sein ("Danke für diesen Guten Morgen" oder "Wo Menschen sich vergessen" sind eben zwei gute Beispiele). Teilweise werden moderne Liedstrukturen (modern hier aus Sicht der Sechziger zu sehen und selbst damit im Hinterkopf kommen mir ganz andere Sachen modern vor) benutzt, die an Liedermacherzeugs, Country o.ä. erinnern. Ich persönlich finde, NGL wird, bei allen Schwächen, die diese Musik hat, zuviel Böses angetan. Sicher, wenn in der Hl. Messe statt dem guten alten Vaterunser auf einmal eine Mädchenstimme „Du unser Vater, der Du bist im Himmel“ anstimmt, dann frag ich mich auch, was das soll. Sicherlich wird diesen Liedern manchmal im Gottesdienst zu viel Platz reserviert, aber wenn man gerade mit Kindern zu tun hat, haben diese Lieder ihre Berechtigung. Und es ist auch für Jugendliche und Erwachsene schön, Lieder zu kennen, die unser Gedankengut tragen, ohne per se liturgischen Charakter zu haben! Ich erinnere mich da noch gut an einen Abend, als die Mutter eines Freundes von mir Geburtstag hatte, und wir gemeinsam unter anderem „Möge die Straße uns zusammenführen“ gesungen haben; meiner Ansicht nach nicht gerade das erzkatholischste Lied, aber schön! Ähnliches lässt sich, wenn wir hier schon an Irland denken, über "Lord of the dance" sagen...
"Du bist ein Gott, der seine Kinder liebt..."
Wenden wir uns nun dem Lobpreis zu. Was ist Lobpreis? Ich glaube, es ist nicht ganz falsch, wenn man erstmal festhält, dass wirklicher Lobpreis eben zum Loben & Preisen animieren soll, also nicht nur einfaches Singen frommer Lieder, sondern das Gebet, den liebenden Dialog mit Gott zum Ziel hat. In der Hinsicht könnte man sagen, dass es zweitrangig ist, mit welcher Musik der Musiker das in die Tat umsetzen will, aber in der Praxis sind sanfter Rock, Gitarrenpop oder akustische Balladen größtenteils die Basis für Lobpreismusik. Das ist meiner Meinung nach auch kein Wunder, da diese sanfte Musik eine gewisse romantische Note in sich trägt – es muss schon ein komisches Diner bei Kerzenlicht sein, wo man extremsten Industrial Noise auflegt. Ich habe bisher auch keine ernste Liebeserklärung in rotzigstem Metal, Punk o.ä. gehört.
Von den Texten her ist Lobpreis oft an den Psalmen orientiert, wenn auch nicht unbedingt an den eher schwierigen Aussagen in diesen, wie „Zerschlage Babylons Kinder am Felsen“ – auch hier ist Lobpreis an den eher positiven Psalmen orientiert (Der Herr ist mein Hirte etc.). Probleme im Leben mit Gott kommen nicht zur Sprache, sollen auch eben nicht – es geht in der Musik ja nicht darum, das religiöse Leben objektiv zu beschreiben oder gewisse moralische Aufrufe zu starten (wie es beim NGL durchaus passieren kann), sondern eben aktiv nun in diesem Moment eine tiefere Gottesbeziehung aufzubauen. Genau aus diesem Grund sind die Texte auch oft direkt an Gott gerichtet. Weiter fällt auf, dass die Texte eher kurz sind, und dafür öfter wiederholt werden. Man soll halt nicht wie die Heiden plappern und was soll man sonst noch sagen, wenn man Gott sagt, dass man sich ihm hingibt? Einem Liebsten muss man auch nicht lang und breit einen Vortrag über den philosophischen Wert der Liebe halten, wenn man ihm sagt, dass man ihn liebt.
Lobpreislieder haben ähnlich wie NGL ihren Weg in die Messe gefunden. Anders als bei NGL finde ich es hier sogar teilweise zu begrüßen und nicht nur aus Liebe zum Jungen Volk zu akzeptieren, da diese Lieder durchaus spirituell sein können. Mehr noch ist der Platz hierfür in Gebetsgruppen; beispielsweise wenn eine Gruppe Jugendlicher und ein Priester eine Eucharistische Anbetung organisieren, kann ruhiger Lobpreis mit seinen teilweise recht mystischen Texten wirklich einen positiven Effekt haben – aber bitte: Tanzen und Klatschen muß vor dem Tabernakel oder der Monstranz nicht sein!
Shema Israel... Die Lieder des Neokatechumenates
Zum Abschluss möchte ich noch kurz auf eine dritte recht junge Form von christlicher Musik eingehen, nämlich auf die Lieder des neokatechumenalen Weges. Wer erinnert sich nicht an diese Massen an jungen Leuten speziell aus Spanien und Lateinamerika, wie sie in großen Kreisen zu Gitarre und Tamburin auf dem Weltjugendtag in Köln getanzt haben?
Die Lieder der Neokatechumenalen sind recht häufig fast eins zu eins aus den Psalmen übernommen – ja, auch die eher schwierigen Passagen „Herr, vernichte doch die Feinde!“, auch die werden übernommen! Finde ich persönlich gar nicht so schlecht, da es meiner Meinung nach falsch ist, schwierige Parts aus der Bibel einfach mal zu ignorieren. Die Musik hat, da von dem Gründer Kiko Argüello komponiert, ziemlich spanische Einflüsse, was absolut kein Negativum ist! Ein wenig melancholisch klingen selbst die Lieder, zu denen man klatscht (bspw. "Gracias a Yahweh", "Balaam" oder "Vamos ya pastores"). Niemandem muss die Musik der Neokatechumenalen gefallen, aber meiner Meinung nach ist diese Art der Musik die eigenständigste christliche Musik neben Gospel (und Gospel mag ich nicht) – mir kam recht schnell als Vergleich Nyabinghi und Reggae, die mehr oder weniger religiösen Musikstile in Sachen Rastafari. Dass es anscheinend einen ziemlichen Haufen solcher Lieder gibt, rundet die Sache natürlich noch weiter ab.
Suche nach weiterem
Bevor ich abschließe und dem geneigten Leser einige Links und Namen von Artists nenne, habe ich persönlich noch eine Frage: Gibt es irgendwelche christlichen Liedermacher, die sich beispielsweise der katholischen Geschichte verschrieben haben – also über Jeanne D’Arc, Franziskus oder Ereignisse wie die Schlacht von Lepanto singen? Wäre ja cool und würde mich interessieren...
Links:
Hier noch einige Artists, die Erwähnung finden sollten:
Lobpreis:
Albert & Andrea Frey
Conny Reusch
Lothar Kosse
Don Potter & Morning Star Ministries
Brian Doerksen
Petra
NGL:
Gregor Linßen
Tomas Gabriel
Martin Gotthard Schneider
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