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Zweigliedriges Schulsystem für Berlin - und viele Fragen offen

von Horst Hennert
17/07/2009 - 18:50

Zweigliedriges Schulsystem für Berlin - und viele Fragen offen

Gerade noch rechtzeitig vor den Berliner Schulferien hat der Berliner Senat die Einführung der integrierten Sekundarschule beschlossen. Diese einschneidende Schulstrukturreform führt nach Hamburg auch in Berlin zum zweigliedrigen Schulsystem, in dem es neben der Sekundarschule nur noch das Gymnasium gibt. Ganz beruhigt können aber die Bildungsexperten nicht in Urlaub fahren, denn viele Detailfragen sind noch zu klären.

von Horst Hennert
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Weit reichende Veränderungen der Schullandschaft

Der Berliner Schulsenator Zöllner feiert diesen Schritt als zukunftsweisend für das gesamte deutsche Schulsystem: „Die Abschaffung der Hauptschule und der Schritt in die Zweigliedrigkeit werden vorbildhaft für die Bildungslandschaft in Deutschland werden."
Wie sehen die jetzt beschlossenen Veränderungen im einzelnen aus?

  • An beiden Schularten kann das Abitur abgelegt werden, am Gymnasium nach 12, an der Sekundarschule nach 13 Jahren.
  • In den Sekundarschulen, die allesamt als Ganztagsschulen geführt werden, wird nach Leistungen differenzierter Unterricht mit zusätzlicher individueller Förderung erteilt, sowie eine als „duales Lernen“ bezeichnete praxisorientierte Zusammenarbeit mit Werkstätten und Unternehmen.
  • Die neuen Sekundarschulen erhalten eine bessere Ausstattung, zusätzliche Erzieher und Sozialarbeiter, sowie eine Reduzierung der Klassenrichtgröße auf 25 Schüler, während es im Gymnasium 29 sind.
  • Der Übergang auf die weiterführende Schule – in Berlin im Regelfall nach der 6. Klasse, außer bei den wenigen grundständigen Gymnasien – ist so geregelt, dass bei 70 % der Schüler, die auf ein Gymnasium wollen, der Schulleiter nach noch nicht ausgearbeiteten Kriterien entscheidet, wobei 10 % für Härtefälle (z.B. Behinderungen) vorgehalten werden. Bei einer die Aufnahmekapazitäten der Gymnasien übersteigenden Nachfrage werden 30 % der Schüler durch Losentscheid den Gymnasien zugeteilt.
  • Die Probezeit auf dem Gymnasium in der 7. Klasse wird von einem halben auf ein Jahr erhöht.
  • In der Endausbaustufe ab 2015 sind jährliche Mehrausgaben in Höhe von 22,6 Mio. € vorgesehen und zusätzlich eine einmalige Summe in Höhe von 10 Mio. € für die Umstellung des Schulsystems.

Viele offene Fragen

Die neue Sekundarschule muss in Zukunft dasselbe leisten, wie bisher die Realschule, Hauptschule und Gesamtschule zusammen. Die Befürworter der neuen Schulstruktur versprechen, wie es in einem Papier des Senats heißt, dass „alle Schülerinnen und Schüler den ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechenden bestmöglichen Schulabschluss erreichen sollen - unabhängig von ihren familiären und sozialen Voraussetzungen.“

Die größte Herausforderung besteht darin, künftig in einer Schule die eklatanten Leistungsunterschiede der Schüler aufzufangen. Es ist den einzelnen Schulen überlassen, wie sie leistungsdifferenzierte Lerngruppen einrichten wollen, die dem jeweiligen Niveau der Schüler entsprechen. Das hat schon in vielen Fällen in den Gesamtschulen nicht wirklich funktioniert.

Auch die zusätzlichen Hilfskräfte, die mit eingeplant sind und natürlich weiteres Geld kosten, weisen darauf hin, dass sich die Befürworter der Sekundarschule darüber im Klaren sind, dass hier die Achillesferse der neuen Schule liegt. Da gleichzeitig das „Abitur für alle“, auch an dieser Schulform, propagiert wird, gerät sie von Anfang an unter einen großen Erfolgsdruck. Selbst die geringere Klassenstärke gegenüber dem Gymnasium und die bessere materielle Ausstattung wird die Schüler nicht besser machen können, als sie sind.

Viele Eltern werden weiterhin das Gymnasium für ihre Kinder als Weg zum Abitur vorziehen. Sie müssen sich aber auf eine neu aufgestellte Hürde gefasst machen: Fast ein Drittel der Schüler wird künftig durch Losverfahren auf die Gymnasien verteilt. Bildungssenator Zöller sagte dazu gegenüber spiegel-online: „Ganz allgemein garantiert das Los eine völlige Gleichbehandlung. Das ist die wissenschaftliche Umsetzung des Zufallsprinzips: Bei der Entscheidung spielen andere Faktoren keine Rolle, weder Verdienste noch Leistungen.“ Was man auch anders sehen kann, denn jeder weiß, dass Leistungen auf dem Gymnasium, will man denn das Abitur erreichen, schon eine wichtige Rolle spielen.

Dass alle Sekundarschulen auch Ganztagsschulen werden –einige Gymnasien können ebenso Ganztagsbetrieb beantragen-, zeigt, dass dies der erste große Schritt auf dem Weg zur Einheitsschule ist, die dann für alle im Ganztagsbetrieb geführt wird. Da das gegliederte Schulsystem, mit dem Deutschland einmal Spitze in der Bildung war, vielen „Gleichheits-Ideologen“ ein Dorn im Auge ist, besonders das ihrer Meinung nach „klassenfördernde“ Gymnasium, wird es nicht lange auf sich warten lassen, dass Berlin zum Vorreiter der „einen Schule für alle“ wird.


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