„Qualitätszeit“ – regierungsamtlich definiert und von einer „Zeitsparkasse“ ausbezahlt? „Memorandum Familie leben"

„Qualitätszeit“ – regierungsamtlich definiert und von einer „Zeitsparkasse“ ausbezahlt? „Memorandum Familie leben"

„Zeitwohlstand gehört zu den grundlegenden Voraussetzungen, um ein funktionierendes Familienleben führen zu können“ – so heißt es in dem „Memorandum“ der Bundesregierung für eine „familienbewusste Zeitpolitik“. Familie könne „nur dann befriedigend gelebt und erlebt werden, wenn ihren Mitgliedern bedarfsgerecht Zeit für gegenseitige Zuwendung und Fürsorge sowie für gemeinsames Tun zur Verfügung“ stehe. Damit „die externen Effekte, die von der Familie als Lebensform für die Gesellschaft erwartet werden, auch erbracht werden“, müssten Eltern daher „Zeitsouveränität“ erlernen (1).

von Stefan Fuchs
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Erforderlich hierfür seien neben neuen Arbeitszeitmodellen für die moderne „24-Stunden-/7-Tage-Ökonomie“ mehr Angebote zur ganztägigen Betreuung von Kindern, „um Familien zeitlich zu entlasten und Erwerbstätigkeit möglich zu machen“. Wichtige Voraussetzungen um Eltern bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der Ermöglichung von mehr Zeitsouveränität zu unterstützen“ seien „flexible Betreuungsarrangements, eine regelmäßige Abfrage des Bedarfs und entsprechende passende Angebote“.

Der Ausbau von Kindertageseinrichtungen schaffe hier neue Möglichkeiten: Als „Dienstleistungszentren“ für Familien könnten sie für „für atypische Betreuungsbedarfe weitere Betreuungspersonen wie Tagesmütter“ vermitteln und Eltern „auch bei der Abdeckung von Krankheitszeiten der Kinder unterstützen“. Darüber hinaus könnte sie auch Familien im „Umgang mit ihrer Familienzeit erheblich unterstützen“, in dem sie den Tagesablauf strukturieren und „Zeitkompetenzen“ vermitteln. Zeiten von Kindern in der Familie wie auch Zeiten in den Kindertagesstätten könnten dadurch „qualitativ“ aufgewertet werden. Auch Ganztagsschulen seien ein „geeignetes Mittel, um Eltern und Kindern Qualitäts- und Optionszeiten im Alltag zu ermöglichen“. Insbesondere für Alleinerziehende und Mehrkindfamilien seien sie eine sehr gute Möglichkeit, die „angestrebte Erwerbstätigkeit zu verwirklichen und insgesamt Qualitätszeit in der Familie dazuzugewinnen“ (2). Ziel einer modernen Zeitpolitik für Familien müsse es sein, die Zeit von Eltern im Alltag und im Lebensverlauf neu zu organisieren und diese darin zu unterstützen, „Phasen der Nichterwerbstätigkeit zu überwinden“ (3).

Eingeräumt wird, dass viele „Männer und Frauen mittlerer Altersgruppen“ an „ihre persönlichen Grenzen gelangen“, wenn sie „neben der Berufstätigkeit in größerem Umfang Fürsorgeaufgaben übernehmen“ müssten. Im Blick auf „besondere Situationen“, etwa wenn Angehörige zu pflegen oder „Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten“ seien, sollte deshalb über „Familienkredite“ nachgedacht werden. Analog zum Bildungskreditprogramm könnte es eine „überschaubare Anzahl von Förderbankangeboten von Familienkrediten geben, die „der Höhe nach auf unterschiedliche Bedarfe und Rückzahlungsmöglichkeiten der Kreditnehmer zugeschnitten sein“ könnten. Allerdings sollte sich der Kredit auf einen „zuvor festgelegten Zeitraum von bis zu einem Jahr“ beschränken, um sowohl die Erwerbsunterbrechungen oder –einschränkungen als auch die Tilgungsverpflichtungen für die Kreditnehmer überschaubar zu halten“. Die Kredite sollten „einfach, zinsgünstig und dem individuellen Bedarf entsprechend flexibel, allerdings explizit zweck- und nicht verwandtschaftsgebunden“ sein. Denn auch „Hilfs- und Fürsorgeleistungen außerhalb familiärer Strukturen“, wie etwa „die Betreuung oder Pflege von nahestehenden Freunden/Bekannten, nichtehelichen Partnern etc.“ seien zu unterstützen.

Um einen solchen Kredit zu erhalten, müssten allerdings „Nachweise der Förderfähigkeit der Unterbrechung bzw. Einschränkung der Berufstätigkeit und deren anschließende Wiederaufnahme erbracht werden“. Um „gezielt wirken“ und „Fehlkalkulationen“ vermeiden zu können, sollten die Kredite „an entsprechend zu definierende familien- und sozialpolitische Voraussetzungen geknüpft werden“ (4). Folgt man dieser Logik müsste es dann auch „Zeitbeamte“ geben, die diese Voraussetzungen definieren und über die „Förderfähigkeit“ der Sorgezeit von Eltern entscheiden. Auszahlen würden die Kredite dann „Zeitbankiers“. Fast könnte man sich an die grauen Herren von der „Zeit-Spar-Kasse“ aus Michael Endes Roman „Momo“ erinnert fühlen – nur handelt sich es hier nicht um ein Märchenerzählung, sondern um Empfehlungen aus einer offiziellen „Expertise“ der Bundesregierung.

Wie die „grauen Herren“ in „Momo“ sehen auch die Regierungsexperten das „Zeitvermögen“ als eine messbare Größe an. Im Gegensatz zu diesen ist ihre „Maßeinheit“ aber nicht einfach die gewöhnliche Uhrzeit. Ihr Maßstab für den „Zeitwohlstand“ heißt „Qualitätszeit“: Diese bemesse sich „in bewusster Interaktion, Fürsorge und Zuwendung mit dem Ergebnis von Wohlbefinden“. Als Qualitätszeit in diesem Sinne seien nur „verlässliche und selbstbestimmte Zeitoptionen, die Familien für gemeinsame Aktivitäten nutzen“ und die bewusst als Familienzeit wahrgenommen werden“, zu betrachten (5). Hierzu gehörten zum Beispiel „gemeinsame Freizeit am Wochenende, Familien-, Spieleabende oder gemeinsames Abendessen am Tisch“ (6).

Dass unter „Qualitätszeit“ hier per Definition ausschließlich Aktivitäten am Abend oder am Wochenende verstanden werden, ist im Blick auf die politisch angestrebte Vollzeiterwerbstätigkeit beider Eltern folgerichtig. Das Spielen von Kindern unter Aufsicht der Eltern ist deshalb ebenso wenig Qualitätszeit wie etwa ein gemeinsames Mittagessen oder „reine Haushaltstätigkeiten“. Letztere würden zwar „für gewöhnlich durch die Mitglieder eines privaten Haushalts ausgeübt“, könnten aber „gegen Bezahlung durch Dritte erbracht“, also „outgesourct“ werden. Für das Familienleben und die Kindererziehung werden sie als irrelevant angesehen, weil hier keine „bewusste Interaktion“ stattfinde. Da es kein „objektiv festlegbares Quantum gemeinsamer Familienzeit“ gebe, sei es auch nicht entscheidend, wie viel Zeit Eltern mit ihren Kindern verbringen, sondern ausschließlich wie sie die verfügbare Zeit nutzten (7). Deshalb schade eine stärkere Erwerbsbeteiligung auch nicht den Kindern, sondern könne ihnen sogar nutzen, wenn ihre Eltern – „durch öffentliche Dienstleistungen unterstützt“ – ein besseres Zeitmanagement lernten (8).

„Zeitmanagement“ ist eine Zauberformel der modernen Wirtschafts- und Arbeitswelt. Durch den Einsatz moderner Technik und organisatorischer Planung wird hier versucht, immer mehr Zeit einzusparen. Gerade dadurch scheint sie aber immer knapper zu werden (9). Diesem (post)industriellen Zeitregime soll sich nun auch das Familienleben anpassen. Die Bedürfnisse von Kindern richten sich allerdings nicht nach den effizienzorientierten Zeittakten des modernen Wirtschaftslebens: Sie haben häufig spontane, schwer aufschiebbare Anliegen und Fragen, die sich nur über direkte „face-to-face“-Kommunikation angemessen beantworten lassen. Selbst der intensive Einsatz von Telefon und Handy kann den „face-to-face“–Kontakt nicht ersetzen.

Ein wichtiger Teil der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern geschieht dabei oft „nebenher“ und spontan, er ist nur begrenzt planbar und zeitlich verschiebbar. So wird etwa ein Vorschulkind, dem eine Frage in den Sinn kommt, kaum auf die Idee kommen, die Frage aufzuschreiben oder abzuspeichern, um sie am Abend während der „Qualitätszeit“ seinen Eltern zu stellen. Solche Mitteilungen des Kindes bestätigen, korrigieren oder auch kommentieren zu können, setzt physische Präsenz voraus. Sind beide Eltern abwesend, läuft die Spontaneität der Kinder ins Leere, die Kommunikation findet dann nicht statt. Wenn Kinder zu ihrer Familie befragt werden, betonen sie deshalb – wie auch die Familien- und Kindheitsforschung zeigt – „in ihren Schilderungen von gelingender Zeit ihrerseits das Moment der unspektakulären Erreichbarkeit und Sicherheit – Eltern müssen und sollen sich nicht dauernd um die Kinder kümmern, aber ansprechbar sein, wenn die Kinder dies wünschen“. Dies gilt selbst für Jugendliche – auch für sie ist dieses „einfach so Zusammensein“ noch wichtig. Aus Sicht der Kinder, aber auch der ihrer Eltern, sind es deshalb weniger geplante Aktivitäten als vielmehr der unspektakuläre, gemeinsam im Haushalt verbrachte Alltag, der entscheidend zum individuellen Wohlbefinden und zum Familienzusammenhalt beiträgt. Für das Gelingen von Familienleben und Erziehung kommt es deshalb nicht allein auf die bewusst geplante „Quality time“ an: Maßgeblich ist auch die – „jenseits von Inszenierung und gezielter Herstellung“ – im Alltag von Kindern gemeinsam mit ihren Eltern verbrachte Familienzeit (10).

Das Schlagwort von der „Qualitätszeit“ sei eine „lahme Ausrede für elterliche Abwesenheit“, analysierte der amerikanische Sozialphilosoph Amitai Etzioni im Blick auf die amerikanischen Verhältnisse der 1980er und 1990er Jahre (11). In Deutschland im Jahr 2009 ist es dagegen mehr als nur eine Ausrede erschöpfter erwerbstätiger Eltern: Es ist eine politische Legitimationsformel. Legitimiert werden soll eine Elternerwerbstätigkeitsförderpolitik, die in der Familie vor allem ein Anhängsel des Arbeitsmarktes sieht, das sich den Erfordernissen einer (post)industriellen „24-Stunden-/7-Tage-Ökonomie“ unterzuordnen hat.

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Anmerkungen

(1) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Memorandum Familie leben. Impulse für eine familienbewusste Zeitpolitik, Berlin 2009, S. 6 sowie S. 58.
(2) Vgl. ebd., S. 58-62.
(3) Ebd., S. 10.
(4) Ebd., S. 56-57.
(5) Ebd., S. 6.
(6) Siehe: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Arbeitsbericht Zukunft für Familie, Kompetenzzentrum für familienbezogene Leistungen im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2008, S. 78. An dieser Stelle wird unter Verweis auf „international vergleichende Zeitstudien“ behauptet, dass „Frauen in Ländern mit höherer Erwerbstätigkeit nicht unzufriedener mit ihrem Familienleben“ seien. Zumindest im Blick auf das häufig wegen seines umfassenden Systems der Tagesbetreuung als vorbildlich geltende Schweden ist diese Auskunft zu bezweifeln: > Mütter, Erwerbstätigkeit und Familienzeit in Europa
(7) Den Kindern – so heißt es – gehe es „meist nicht um eine Quantität der Zeit, sondern um einen Mix aus verschiedenen Zeitqualitäten“. Dass „Erwerbstätigkeit beider Eltern und Zuwendung kein Widerspruch“ seien, sollen die Ergebnisse der Word-Vision-Kinderstudie 2007 belegen. Siehe: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Memorandum Familie leben, op. cit., S. S. 16-17. Tatsächlich zeigt diese Studie, dass nur 6% der Kinder aus „Hausfrauen-Familien“ sowie 8% der Kinder von Eltern mit einer Vollzeit/Teilzeit-Kombination, aber immerhin 18 Prozent der Kinder aus Familien, in denen beide Partner in Vollzeit erwerbstätig sind, von einem Mangel an Zuwendung berichteten. Noch höher war der Anteil unzufriedener Kinder bei den Kindern Arbeitsloser (28%) und am höchsten bei denen erwerbstätiger Alleinerziehender (35%). Auskunft per Email von Ulrich Schneekloth, Leiter des Bereichs "Familie und Generationenbeziehungen" bei TNS Infratest Sozialforschung am 26. Oktober 2007.
(8) Hierzu heißt es wörtlich: „Durch Elternberatungen ergänzte Kita-Angebote können einen Beitrag leisten, diesen Familien mehr Zeitkompetenzen und auf diese Weise Zeitsouveränität zu ermöglichen.“ Ebd., S. 58.
(9) Zum kulturhistorischen Hintergrund dieser Entwicklung siehe: Ferdinand Knauss: Vom Aufstieg und Niedergang der Uhr, Handelsblatt vom 10. April 2009, > Vom Aufstieg und Niedergang der Uhr.
(10) Siehe hierzu: Andreas Lange: Einblicke in die Zeitverwendung von Kindern und ihren Eltern, S. 137-157, in: Martina Heitkötter et al (Hrsg.): Zeit für Beziehungen? Zeit und Zeitpolitik für Familien, Opladen 2009,
S. 137-141.
(11) Vgl.: Amitai Etzioni: Die Entdeckung des Gemeinwesens, Ansprüche, Verantwortlichkeiten und das Programm des Kommunitarismus, Stuttgart 1995, S. 68-70.

Zum „Memorandum Familie leben“, hier: Qualitätszeit

Stefan Fuchs nimmt kritisch Stellung zu der regierungsamtlichen Ausgeburt von einer „familienbewussten Zeitpolitik“.

Noch nie habe ich einen solchen Schwachsinn gelesen! Und der soll allen Ernstes aus den Amtsstuben unserer Regierung kommen? Beschäftigungstherapie für ausgemusterte Ideologen? Wer so ein Geschribsel verfasst, der hat noch nicht einen Tag seines Lebens in einer leibhaftigen Familie zugebracht, wo Kinder Fragen stellen, kuscheln, ausrasten, weinen oder lachen, wenn es jeweils dran ist und nicht, wenn es der Zeitbeamte vorschreibt, abends zwischen 19 und 20 Uhr. Zeitbank! Zeitkonto! Zeitkredit! Zeitkontrolle! Zeitvermögen! Zeitmanagement! Zeitsouveränität....

Wie hat man sich das praktisch vorzustellen? Also: Zeitbeamte prüfen zunächst die Kreditwürdigkeit der Familie und entscheiden, ob und wieviel freie Zeit den Eltern neben der Berufstätigkeit zusteht. Nein, nicht Freizeit, sondern Qualitätszeit! Die Zeitwächter kontrollieren nämlich, ob diese zugestandene Qualitätsabendstunde auch für Interaktion und Wohlbefinden eingesetzt wird. Sie lauschen also an der Haustür oder hinter der Gartenhecke und führen Buch über das Zeitkonto. Für Hausarbeit gibt es keine Zeit, denn die kann outgesourct werden. Dafür machen sich dann Putzfrauen, Wäschepfleger, Köche, Kinderzimmeraufräumer und Gärtner im Haus breit. Sollte mal ein Kind krank werden und zusätzlich Zeit für die Pflege beansprucht werden, dann geht die Mutti zur Zeitbank, holt sich einen Zeitkredit, den sie aber baldmöglichst mit Zeitzinsen wieder abarbeiten muss. Also für fünf Tage Zeitkredit muss sie sechs Tage schuften. Wenn sie das öfter macht, dann bekommt sie schon die erforderliche Routine im Zeitbanking. Sie erlernt also, wie gewünscht, nach und nach optimale Zeitkompetenz und sogar Zeitsouveränität. Die Familie gedeiht prächtig unter dem Diktat von Stoppuhr und Zeitsparbuch!

Stammt dieses Szenario aus dem Witzblatt oder aus einem Gruselfilm? Weder, noch! Denn unser „hochgeschätztes“ Familieministerium stellt sich so und nicht anders die Zukunft von uns und unseren Kindern vor. Weil diese hirnrissigen, realitätsfernen Ideen so unglaublich grotesk sind, drängt sich mit Wucht der Verdacht auf, dass sie nur einzig dazu ausgedacht wurden, um die erwerbsbedingte Abwesenheit von Eltern zu rechtfertigen. Denn offensichtlich plagt die Familienpolitiker (wie sie sich immer noch schamlos nennen) doch das Gewissen, den Kindern das Kostbarste, was sie haben, nämlich die Anwesenheit, die Zeit und die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, zu stehlen.

Die Quadratur des Kreises, Vollzeitjob und Kinderbedürfnisse

Der Artikel von Herrn Fuchs zeigt sehr deutlich, was nicht passt. Kleinkinder benötigen eine innig vertraute Bezugsperson, die da ist, wenn die Kinder Hilfe oder Anlehnung benötigen. Kinder lassen sich nicht effektiv organisieren. Die Hirnforschung zeigt unmißverständlich, was Kinder benötigen. Moderne feministisch geprägte Familienpolitik ignoriert alles, was nicht ins Konzept passt. Arme Kinder. Unglückliche Zukunft. Kosten für die Krankenkassen.