Wurfpfeil gegen Expertenwissen: Wer gewinnt?

Wurfpfeil gegen Expertenwissen: Wer gewinnt?

«Propheten und Moneten», Wie wir uns von Prognosen manipulieren lassen (ARD 4.11.2009, 23:30) - Aktien-, Öl-, Gesundheitsmarkt – weltweit werden 200 Milliarden Euro für Prognosen ausgegeben, die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft manipulieren. Was sind all diese Prophezeiungen wert? Wird es im Jahr 2300 nur noch drei Millionen Deutsche geben? Sind wir wirklich so krank, wie uns die Schlagzeilen einreden («Eine Nation verfettet»). Und überhaupt: Geht am 22.12.2012 tatsächlich die Welt unter?

Kommentar von Markus Rüther
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Die Doku von Tilman Achtnich zeigt, dass ein großer Teil der Vorhersagen, die täglich auf uns niederprasseln, an Wahrsagerei grenzt und eher dazu dient, ein Grundbedürfnis des Menschen zu bedienen: in die Zukunft schauen zu wollen. Und: mit Prognosen wird viel Geld verdient, Prognosen dienen Interessen. Kein Wunder, dass kein Prognostiker dem anderen traut. So gibt der berühmte Wetterforscher Jörg Kachelmann auf die Frage, ob er Prognosen Glauben schenkt, die entlarvende Antwort: «Nicht denen, die ich nicht selbst gemacht habe.»

Der Statistiker Walter Krämer betont, dass Prognosen dann funktionieren, wenn man sie nicht braucht, in normalen, ruhigen Zeiten. Beispiel Aktienmarkt: Aktuelle Kurse beinhalten bereits sämtliche auf die Zukunft zielenden Infos, eine Verschiebung setzt Ereignisse voraus, die man jetzt noch nicht kennt. Auch kein Experte. Zur Veranschaulichung lässt Krämer seine Studenten mit Wurfpfeilen auf Kurszettel der Frankfurter Börse werfen, um auf diese Weise zufällig ein Portefeuille zusammenzustellen, das mit den Vorhersagen der Börsenprofis konkurrieren soll. Ergebnis nach fünf Monaten: Punktsieg für den Zufall, die Studenten haben die Experten haushoch geschlagen. Beispiel Gesundheitsmarkt: Der Epidemiologe Stefan Wilm zeigt mit Hilfe der Grundrechenarten, dass Zahlen und Wirklichkeit wenig miteinander zu tun haben. Oder können 131 Prozent der Deutschen chronisch krank sein?

Beliebter Trick: Grenzwerte werden verschoben, ein neuer Begriff wird eingeführt (Früh-Diabetes), und der Kreis der Gefährdeten wird erweitert – die Pharmaindustrie profitiert. Beispiel Bevölkerungsentwicklung: Der Soziologe Thomas Etzemüller belegt an historischen Beispielen die lange Tradition, mit Bevölkerungszahlen Panik zu schüren. So wurde bereits in den 30iger Jahren prognostiziert, dass Deutschland bis 1960 die Hälfte seiner Bevölkerung verliert und im Jahre 1980 von seiner «Altenlast erdrückt» wird. Solche Prognosen sind nicht nur fahrlässig, Politiker nutzen sie für ihre Zwecke.

Wie getrickst, getäuscht und geschummelt wird, berichtet der Statistiker Gerd Bosbach, der viele Jahre für das Statistische Bundesamt tätig war. Warum wird den Deutschen eingeredet, die Rente sei nicht sicher? Antwort Bosbach: um einen Wechsel in der Sozialpolitik zu rechtfertigen und die private Rentenversicherung durchzusetzen. Der Ökologe Josef Reichholf, der zum Schluß der Sendung durch Waldlandschaften spaziert, die längst nicht mehr da sein dürften (Prognose aus den 80igern: «Steppenlandschaft in 20 Jahren»), schlägt vor, dass Prognostiker ebenso wie Ärzte und andere Experten bei Fehleinschätzungen, die den Steuerzahler viel Geld kosten, zur Rechenschaft gezogen werden.

Doch egal ob Wald oder Öl, Gesundheit oder Bevölkerung: Warum sind wir so fixiert auf Prognosen? Warum lässt sich niemand, Intuition und gesundem Menschenverstand vertrauend, von einer Vision leiten, sondern viele von Prognosen in die Irre führen? Die Zukunft macht sowieso, was sie will, und Propheten sind, folgt man dem ursprünglichen Wortsinn, doch nur Leute, die an Stelle der Gottheit zu den Menschen sprechen wollen.