Kinder wollen ihre Welt selbst erobern
Aus Angst vor Unfällen und schweren Konflikten räumen Eltern oft ihren Kindern alle Schwierigkeiten und Mühen aus dem Weg. Die Folgen für die verwöhnten und überbehüteten Kinder können gravierend sein. Wenn es regnet, ist es besonders schlimm. Es gibt dann morgens um acht Uhr kein Durchkommen vor den Grundschulen. Ob Feuerwehrzufahrt oder nur die Einfahrt der Anwohner: Die Eltern kennen kein Pardon, wenn es darum geht, den Nachwuchs möglichst nah ans Gebäude zu fahren.
Dr. Albert Wunsch in der WAZ vom 11. 7. 2008
---
Dass Kinder mit sechs Jahren lernen, den Weg zur Schule mit Freunden zu laufen statt mit Papas Auto zu fahren – es ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Zu groß ist die Angst vor Unfällen, Prügeleien oder schlicht dem schlechten Wetter. „Kindern wird eben immer weniger zugemutet”, sagt der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch. Anders ausgedrückt: Viele sind überbehütet und deutlich verwöhnt. „Die Folgen können durchaus verheerend sein”, sagt der Wissenschaflter.
Der nicht bewältigte Schulweg ist nur ein Beispiel. Viele Kinder fahren bis zum Ende der Grundschulzeit kaum mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wenn sie nicht das Glück haben, verkehrsberuhigt im Grünen zu wohnen, gibt es kaum Möglichkeiten, auf der Straße zu spielen. Stattdessen kutschieren die Eltern ihr oft einziges Kind zum Fußballplatz oder Musikschule.
"Kindern wird viel zu wenig zugetraut"
„Dabei wollen Kinder sich ihre Welt selbst erobern”, sagt der Erziehungsexperte Wunsch, „doch ihnen wird viel zu wenig zugetraut.” Etwa auf dem Spielplatz, wo ängstlich darüber gewacht wird, dass Kinder keinen Sand essen, nicht von der Schaukel fallen oder vom Kletterturm. Mütter rüsten sich oft für den Alltagsausflug wie für ein Picknick. Obst, Saft, kleingeschnittenes Gemüse, Kekse, Schokoriegel, Limo – vor lauter Essen vergessen manche Kinder mitunter das Toben, Buddeln und Klettern. „Ein Kind muss nicht pausenlos essen und trinken”, sagt Albert Wunsch. Dafür sollte es zu Hause feste Essenszeiten geben. „Das ist eine strukturelle Hilfestellung”.
Ein Kind sollte eben lernen, zu warten, auch wenn schon der Magen knurrt. Doch Wunschs Erfahrung aus dem Alltag: Viele Eltern springen, wenn Sohn oder Tochter etwas wollen, um Auseinandersetzungen zu vermeiden. Sie sind inkonsequent, „lassen drei eine gerade Zahl sein”. Sie gehen den Weg des geringsten Widerstandes, räumen ihre Zimmer und Schultornister auf, sie tragen die vergessenen Schulbrote hinterher. Sie packen ihre Kinder in Watte bei kleinstem Unwohlsein oder vor anstehenden Herausforderungen in der Schule. „Wer so groß wird, hat es später im Berufs- und Privatleben schwer”, sagt Wunsch. Drei eine gerade Zahl sein lassen – „das geht eben nicht im Betrieb”. Wem nie ermöglicht wurde, Gefahren und Schwierigkeiten zu meistern, „der traut sich auch nichts in der Schule zu”. Die Folge des Massenphänomens Verwöhnung und Überbehütung sei ohnehin schon sichtbar: „Jeder vierte Lehrling bricht seine Ausbildung ab”, klagt der Wissenschafltler. „Leider”, fügt er hinzu, „sieht es bei den Studenten nicht anders aus”.
Viel zu viele, viel zu teuer Geschenke
Und erst die Partnerschaft: „70 Prozent der Scheidungspaare bräuchten nicht auseinander zu gehen, wenn sie andere Konfliktstrategien statt weglaufen gelernt hätten”, sagt Wunsch. Die materielle Verwöhnung – viel zu viele, viel zu teure Geschenke, Markenkleidung, Computer, Fernseher, Spielkonsole – sei in allen Schichten zu finden. Die emotionale Verwöhnung und Überbehütung sei eher ein Phänomen der oberen Schichten, während in unteren Schichten Kinder häufiger völlig ohne Regeln und Normen aufwüchsen. „Diese soziale Verwöhnung kann dann zur Verwahrlosung führen”.
Wie alles miteinander zusammenhängt, bringt die Verwöhnformel des Wissenschaftlers auf den Punkt: Falsches Helfen, fehlende Begrenzung, ausbleibende Herausforderung. „Diese Kombination”, sagt Wunsch, „führt immer zu: Nichtkönnen, Abhängigkeit und Anspruchshaltung”.
---
Kontakt zum Autor: Albert.Wunsch@gmx.de oder: www.Albert-Wunsch.de
Anmelden oder registrieren um Kommentare einzutragen | E-Mail mit Artikel-Link versenden | Druckversion

