Weihnachten nonstop - Eine Weihnachtsgeschichte von Mark Rinasky


Dass sich Weisheit im Einfachen offenbart, haben wir in der Schule gelernt, dass sie bisweilen zu recht drastischen Mitteln greift, lernen wir im Leben. Und wie sie sich dabei selbst besiegt, möchte ich mit einer kleinen Geschichte illustrieren, deren Zeuge ich beim letzten Weihnachtsfest wurde.

von Mark Rinasky
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Kurz vor dem Weihnachtsfest, das kleine Dorf unweit der Stadt lag tief verschneit im Gebirge, traf ich bei der Familie ein, mit der ich entfernt verwandt war, denn die junge Mutter, die schon ihre Kindheit in dieser malerischen Gegend verbracht hatte, war meine Cousine zweiten Grades und ihre Kinder die einzigen Nichten und Neffen, die ich hatte.

Im Trubel der Begrüßung bemerkte ich zuerst nicht, dass in dem kleinen Haus bereits alles so hergerichtet war wie am Heiligen Abend, von dem uns noch anderthalb Tage trennten: der Küchenduft erfüllte sämtliche Räume, und in der Wohnstube, in die ich nun geführt wurde, brannten die Lichter am Baum. Die größeren Kinder, ein Mädchen und ein Junge, die gewiss schon die dritte oder vierte Klasse besuchten, begrüßten mich flüchtig, während mich die anderen, zwei Buben im Vorschulalter, nicht einmal bemerkten. Die Kinder waren allesamt damit beschäftigt, Geschenke auszupacken, was sie offenbar schon eine ganze Weile taten; im Umkreis des Weihnachtsbaums stapelten sich die verschiedensten Spielzeuge, und überall lag Weihnachtspapier wild verstreut. Verwundert blickte ich hinüber zur Mutter, die meine stumme Frage wohl verstand, aber nur mit einem Lächeln beantwortete, während sie ihrem jüngsten Kind, ein Säugling noch, der schwebend in ihren Armen lag, zunickte.

Als sich die Mutter für einen Moment entschuldigte, beschloss ich, die Kinder selbst zu fragen und wandte mich an meine Nichte, die gerade ein Kinderbuch gelangweilt zur Seite legte. Ohne auf meine Annäherung zu achten, griff sie nach dem nächsten Geschenk. «Ist denn heute schon Weihnachten?», flüsterte ich in das Rascheln des Geschenkpapiers hinein, das fix abgestreift wurde. «Klar doch!», gab meine Nichte zur Antwort, während sie den freigelegten Karton begutachtete, um ihrer Antwort noch rasch eine Frage hinterherzuwerfen: «Weißt du, was das ist?» Dabei schubste sie den Karton zu mir herüber und blickte auf. «Ein Bastelkoffer», sagte ich, «mit goldenen Gelenkklammern, Fotopappe und einer holographischen Folie.» Die Kleine gähnte, dann sagte sie: «Bitte such du ein Geschenk für mich aus.» «Vielleicht das hier?», fragte ich und reichte ihr ein kleines Päckchen.

«Oh nein, das geht nicht!», mahnte plötzlich eine Stimme. Es war meine Cousine, die sich eilig näherte und dem Mädchen das Geschenk aus der Hand nahm. «So war das nicht abgemacht – keine fremde Hilfe!» Dann bat sie mich über eine Geste, ihr zu folgen. «Denkt daran», wandte sie sich im Gehen an die Kinder, «bis zum Abendessen muss alles ausgepackt sein!» Nun konnte ich mir ein Lachen nicht mehr verkneifen, was der Mutter wohl missfiel, die ihren Mittelfinger auf die geschlossenen Lippen hob und mich zur Küche begleitete, wo schon der Vater auf uns wartete.

Hier erfuhr ich alles, was ich erfahren musste, um das Unbegreifliche zu verstehen und gutzuheißen, auch wenn ich den Optimismus der Eltern, die das Risiko ihrer erzieherischen Maßnahmen ein wenig unterschätzten, nicht vollständig teilte. Zwar hatte der Vater die besten Argumente, um meine Befürchtungen zu zerstreuen, aber eine gewisse Unsicherheit, die den Ausgang der Sache betraf, vermochte ich nicht abzustreifen, was ich allerdings verschwieg, immerhin hatte ich selbst keine Kinder. Auch waren die Möglichkeiten, das Fest in normale Bahnen zu lenken, schon nicht mehr gegeben.

Der Heilige Abend kam. Es war der dritte Tag, an dem die Kinder nichts anderes taten, als im Eiltempo Geschenke zu öffnen. Und sie hatten auch allen Grund, sich zu beeilen, denn die Vereinbarung, die sie mit ihren Eltern getroffen hatten, sah vor, dass bis Mitternacht sämtliche Geschenke ausgepackt sein mussten. Blieb auch nur ein einziges Geschenk im Papier, hätte nicht nur das, was noch nicht geöffnet war, sondern auch alles Übrige zurückgegeben werden müssen.

Mögen sich die meisten Kinder einer solchen Aufgabe auch entgegensehnen, die Begeisterung unserer Kinder, aus der sie noch zu Beginn so viel Kraft geschöpft hatten, war anderen Empfindungen gewichen. Dennoch gingen sie nicht ohne Erwartung in das große Zimmer, in das sie am Ende des Tages geführt wurden. Es war ein unmöblierter Raum, der offenbar als Waschküche diente. Da die Wohnstube ebenso wie die Kinderzimmer mit Geschenken übersät war, musste das Finale an diesem Ort stattfinden. Es war schon acht, als die beiden größeren Kinder den Raum betraten; die Vorschulkinder waren von der Pflicht, den Schlussteil zu bestreiten, befreit worden.

Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass ich beim Anblick der Geschenke, die sich vor uns auftürmten, schockartig zurückfuhr. Die Paketmasse, deren Gipfel für die Kinder unerreichbar schien, hatte selbst an den unteren Stellen zwei bis drei Lagen. Als ich bemerkte, wie meine Nichte fast zu weinen anfing, versuchte ich, ihren Kummer zu bremsen, indem ich meine Vermutung, dass sich in diesem Berg sicherlich ein paar Attrappen befinden würden, offen aussprach. «Schließlich können deine Eltern so viele Spielsachen gar nicht bezahlen», ergänzte ich. Doch mein Beschwichtigungsversuch prallte an meiner Nichte ab. «Das müssen sie auch nicht», versetzte sie leise, «mein Vater hat einen Deal mit dem Spielzeughändler am Ort.» «Einen Deal?», fragte ich ungläubig, worauf meine Nichte erklärte, dass sie neulich Zeugin eines Telefonats wurde, das ihr Vater mit dem Händler, den er schon seit der Schulzeit kenne, geführt habe. «Ich konnte nicht alles verstehen, aber ich glaube, meine Eltern müssen nichts zahlen oder erheblich weniger. Auch können die meisten Spielsachen zurückgegeben werden.» «Nun, das werden wir zu verhindern wissen», versetzte ich ruhig, in Gedanken eine Strategie zurechtrollend. «Aber sag mir zuerst, womit Ihr Eure Eltern so verärgert habt, dass sie zu solchen Mitteln greifen.» Obwohl ich die Antwort kannte, wollte ich es von meiner Nichte selbst hören, die freimütig gestand, dass die Kinder genau das gewünscht hatten, was sie jetzt so fürchteten. «Die Frage, was Weihnachten ausmacht, erschien uns so harmlos anfangs, dass wir unsere Antwort für ebenso harmlos hielten.»

Spätestens in diesem Moment beschloss ich, den Kindern zu helfen. Auch wenn sie die Geschenke selbst auspacken mussten, anfeuern durfte ich sie schon. Und ist der Beifall im Stadion nicht der Motor, der auch müde Spieler zu Höchstleistungen treibt? Mosaik-Rätsel, 3D-Objekte, Turbo-Knete, Zeichenkoffer, Puppenschminke, Zoomleuchten, Motiv-Folien und Wackelaugen – ich tauchte ein in eine Art Parallelwelt voller Wortschöpfungen, in der ein Versprechen das nächste jagte. Da sehnte ich mich fast schon nach dem obligatorischen Polizeiauto. Aber vermutlich war es bereits von den kleineren Kindern ausgepackt worden. Schließlich, etwa anderthalb Stunden vor dem Ziel, wurde uns klar, dass wir das Zeitlimit nicht einhalten konnten: immer noch lag der Gipfel in unerreichbarer Ferne.

Traurig senkten sich die Lider meiner Nichte, bis mir endlich der rettende Einfall kam. Ich rief beide Kinder zu mir und flüsterte meine Idee in ihr Ohr. Da sprang meine Nichte im Reflex zurück und lachte. Auch ihr Bruder lachte jetzt. Schließlich tauschten die Geschwister ihre Blicke. War es Erschöpfung oder Überzeugung? Beide Kinder umarmten mich.

Nach einer kurzen Beratung gingen wir mit ernsten Mienen, aber innerlich triumphierend, zu den Eltern, die mit den anderen beim Spiel verweilten. Sämtlichen Fragen zuvorkommend stellte sich meine Nichte in die Mitte, hob ihre Hände wie zur Ermahnung, so dass die letzten Stimmen verstummten, und begann mit einer Erklärung an die im Halbkreis Versammelten:

«Wir danken dem Christkind für die vielen Geschenke, auch wenn wir nicht alles behalten können. Taucht an einem Ort so viel auf wie bei uns, dann wurde ein anderer Ort vergessen. Welcher Ort mag es sein? Wollen wir nicht nachsehen, ob es das Waisenhaus ist, von dem du uns, Mutter, neulich erzählt hast? Wenn wir aber schon nachschauen, sollten wir dann nicht gleich die Geschenke mitnehmen? Nehmen wir aber die Geschenke mit, müssen sie dann nicht eingepackt sein? Wenn sie aber eingepackt sein sollen, dürfen wir sie dann öffnen? Wann wollen wir gehen?»

Da blickte die Mutter abwechselnd zu mir und wieder zum Kind, und eine lange Träne, wie wir sie aus alten Erzählungen kennen, rollte, kaum dass sie unsere Seelen berührt hatte, ins Land.

Es war Weihnachten geworden.