... Vater sein dagegen sehr?

... Vater sein dagegen sehr?

Vor einiger Zeit traf ich auf einem größeren Familienfest eine Kusine, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Unsere Wege kreuzen sich aus beruflichen und anderen Gründen nur selten; noch seltener aber treffen wir im Familienkreis mit Kindern zusammen. Daher hatte sie meine Söhne, die nun schon fast alle erwachsen sind, zuletzt vor etlichen Jahren gesehen. Zu vorgerückter Stunde setzte sich meine Kusine mit erkennbarem Mitteilungsbedürfnis neben meine Frau und mich. Den ganzen Abend über habe sie unsere Söhne beobachtet, wie sie sich verhielten und mit den vielen Verwandten und vor allem untereinander austauschten. Das habe ihr sehr gut gefallen, es sei schön zu sehen, wie sie geworden seien. Da hätten wir doch wirklich alles richtig gemacht...

von Bert Strieman
---

Ein beunruhigendes Kompliment

Zunächst war das für mich das schönste Kompliment, das ich mir denken kann. So etwas zu hören, tut Eltern gut und entschädigt auf der Stelle für viele Sorgen und Mühen. Aber ein wenig später wurde ich doch nachdenklich. Was hatten meine Frau und ich denn eigentlich „gemacht“ mit unseren Kindern? Wir hatten doch kein besonderes pädagogisches Programm „durchgezogen“ oder irgendwelche speziellen „Strategien“ verfolgt. Jedenfalls was mich selbst betrifft, fiel mir keine passende Antwort ein; ich hatte eigentlich gar nichts „gemacht“... Einleuchtend erschien mir in diesem Zusammenhang die Rolle meiner Frau, die von Anfang an mit Hingabe die Aufgabe einer Mutter und Hausfrau angenommen hatte und sie mit großer Konsequenz und Geduld ausfüllt – vom ersten Lebensjahr der Kinder über den Schulabschluss und weit darüber hinaus.

Ich erinnerte mich dagegen an nichts „Besonderes“ zu meiner Rolle als Vater, mir fielen vielmehr gerade die weniger erfreulichen Fälle ein – viel zu lange Arbeitstage außer Haus, an denen die Kinder morgens, als ich das Haus verließ, noch schliefen und abends, bei meiner Rückkehr, schon wieder im Bett waren; unerfreuliche abendliche Übungsstunden vor Klassenarbeiten, wobei sich nicht selten zeigte, dass Väter als Nachhilfelehrer zu befangen und viel zu ungeduldig sind. So fiel es mir noch schwerer zu sagen, was ich denn im Verhältnis zu meinen Kindern aktiv und objektiv „richtig gemacht“ hatte, so dass sie keinen Schaden nahmen und sich gut entwickelten. Das bloße Minimieren der negativen Einflüsse unserer Arbeitswelt und Gesellschaft allein konnte es nicht sein. Schließlich bekam ich ein seltsames Gefühl, als sei mir durch das nette Kompliment plötzlich meine Unbefangenheit und Spontaneität abhanden gekommen. So ginge es wohl, dachte ich, einem Tausendfüßler, der gedanklich zu durchdringen versuchte, wie er eigentlich seine Füße im Einzelnen bei jedem Schritt zu setzen hätte – das arme Tier käme nicht mehr vom Fleck.

Die Motorik der Erziehung

Ich erinnerte mich dunkel an das Werk des berühmten Pädagogen Theodor Litt, mit dem vielsagenden Titel „Führen oder wachsen lassen?“, oder an Bruno Bettelheims Standardwerk „A Good Enough Parent“. Leider konnte ich aber nicht mehr sagen, ob ich diese Werke überhaupt je gelesen hatte, jedenfalls habe ich keine Ahnung, was sie aussagten und auch nie ein explizites Erziehungsprogramm verfolgt. So musste es doch eher am Intuitiven gelegen haben. Aber gibt es so etwas wie eine unterbewusste „Motorik der Erziehung“?

Da ich selbst keine bruchlose und unbeschwerte Kindheit hatte, sondern die Nöte von „Scheidungswaisen“ kennenlernen musste, hatte ich zumindest immer ein tief verwurzeltes Empfinden dafür, wie wichtig es für Kinder ist, ihre Eltern zusammen und harmonisch zu erleben. Natürlich geht es dabei nicht um völlige Konfliktlosigkeit (eigentlich erübrigt sich dieser Hinweis, er sei der Vollständigkeit halber dennoch gemacht); es geht vielmehr darum, wie zwischen den Eltern Konflikte angenommen und bewältigt werden. Vielleicht ist das entscheidende Element dabei dieses: Durch Handeln - nicht nur durch Worte – glaubhaft zu machen, dass man sich selbst nicht über den Anderen stellt, dass man sich selbst nicht ernster nimmt, als die Bedürfnisse, Nöte, Hoffnungen und Anliegen der Frau und der Kinder. Mein Vater liebte einen Sinnspruch, den er als Student einmal gelernt und verinnerlicht hatte: „Fragen, sich fragen lassen und sich selbst in Frage stellen“. In der Familie wurde er dafür mit den Jahren immer ein wenig verspottet; aber mir gefällt der Spruch noch heute.
Simulieren lässt sich das nicht, deshalb muss niemandem bange sein, dass Eltern sich Zwang antun oder Theater spielen müssten. Sie hätten keine Chance auch nur durch den ersten Akt zu kommen, ohne dass ihre Kinder das Schauspiel durchschauten.

Etwas scheinbar Selbstverständliches, das leider nicht mehr selbstverständlich ist, gehört auch zu den Voraussetzungen für eine glückliche Kindheit und für ein herzliches Einvernehmen zwischen Geschwistern: Dass wirklich beide Elternteile bei ihren Kindern sind.
Gerade für Jungen ist bekanntlich auch die Nähe des Vaters unabdingbar – mittlerweile eine pädagogische Binsenweisheit, die ich als Vater von vier Söhnen, aber auch aus eigener Kindheits-Erfahrung bestätigen kann. Obwohl ich nie sonderlich gerne zur Schule gegangen bin, sind mir zum Beispiel viele lange, getrennte Ferienreisen in unguter Erinnerung, in denen ich meinen Vater schmerzlich vermisste. Für einen Jungen sind Ferien keine Erholung, in denen nur Mutter, Schwester, Tanten und innerlich fern stehende belehrende Onkel als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Vielleicht hat sich daher in mir auch ein Rest unausgelebten Spieltriebs erhalten, ein Kind im Manne, das mit ehrlichem eigenem Vergnügen (und nicht aus pädagogischer Überzeugung) an den Spielen seiner Söhne teilnahm.

So etwas verbindet. Wenn meine inzwischen schon großen und erwachsenen Söhne von Zeit zu Zeit „wieder zu Hause“ sind, dann fühle ich mich wohl.Wir können im selben Zimmer sitzen, oder in verschiedenen, einer mag Zeitung lesen, ein anderer ein Computerspiel machen, die Unterhaltung mag gehaltvoll sein, oder banal. Trotzdem tut es einfach gut, dass sie da sind. Wir liegen nicht mehr wie früher stundenlang zusammen auf dem Teppich und bauen Lego-Burgen oder Raumstationen; wenn wir in freier Natur sind, brauchen wir nicht mehr im Unterholz Cowboyspiele zu machen oder im Wald Baumhäuser zu bauen (nur die Schneeballschlachten und Ballspiele sind noch immer wild und spaßig). Aber wir haben das alles zusammen erlebt, wir sind ein Team und vertrauen einander.

Dabei war ich nie ein Anhänger kumpelhaften Umgangs mit meinen Kindern. Kinder als kleine Erwachsene „auf gleicher Augenhöhe“ zu behandeln, ist genauso schlimm, wie sie als Fremde zu behandeln – es ist wie die Weigerung, Vater oder Mutter sein zu wollen. Auch darüber habe ich keine Studien angestellt. Ich erinnere mich jedoch, wie selbstverständlich mein eigener Vater für mich immer Autorität und Beschützer war – und das wollte ich immer und unbedingt auch für meine Söhne sein. Wenn ich ihn als Kind nicht an meiner Seite gehabt hätte, wenn es mir schlecht ging, wenn es in der Schule nicht klappte, wenn ich eine Dummheit begehen wollte oder schon begangen hatte, wenn ich Unrecht und Gemeinheit erleben musste, wie hätte ich allein zu der Überzeugung kommen können, dass das Leben trotzdem schön ist und das Gute siegt? Ein Vater, der nicht Geborgenheit durch Autorität gibt, ist ein Fahnenflüchtiger, oder – schlimmer noch – einer, der seine Kinder im Lebenskampf allein lässt.

Die Eins vor dem Komma

Mit kühlem Kopf und kaltem Herzen betrachtet ließe sich sicher das meiste von dem Gesagten auf eine Art in Frage stellen, dass am Ende nur Banales übrig bliebe, blasse, abgedroschene Lebensweisheiten und hohle Sprüche, deren Mehrwert in unserer heutigen Gesellschaft mit pluralen „Lebensentwürfen“ und polyvalenten „Beziehungskonstellationen“ gegen Null tendiert. Also alles Quatsch, Null und Nichtig...? In der berechnenden Art und Weise unseres heutigen Umgangs mit Ehe und Familie, Kindheit und Leben mag das so erscheinen. Aber es kommt doch noch etwas hinzu, was für mich aus Alltäglichem Wesentliches macht und aus Wunschdenken Zuversicht: Der gemeinsame Glaube und das Vertrauen, nicht etwas „machen“ zu müssen, was eigentlich nicht „machbar“ ist. Ohne Gottvertrauen wäre Selbstvertrauen vermessen. Dieses Wissen und diesen Glauben mit meinen Söhnen zu teilen, war daher mindestens ebenso wichtig wie alles andere und sicher wichtiger als pädagogische Konzepte.

Ein weiser Mann (und großer Heiliger) hat einmal gesagt, dass zwar Vieles von dem, was wir täglich tun letztlich ohne wirklichen Wert, also „Null“ sein möge, dass aber Gott vor all diese Nullen eine Eins schreibe, wodurch das Ganze auf einmal einen gewaltigen Wert annehme. Aber selbst wenn ich nur hoffen dürfte, dass vor all die Nullen meiner Bilanz als Vater und Erzieher zumindest eine Eins mit einem Komma gesetzt wird, dann könnte ich schon ruhig und zufrieden sein.