Unternehmen Familie
Zwar tut die Politik nach wie vor kaum etwas für die Familie, aber sie redet wieder davon. Immerhin. Die Politik ist gespalten. Ein Gespür für das wichtigste Bauelement der Gesellschaft ist noch da. Oder wieder da. Schließlich leistet die Familie einen handfesten Beitrag zum Bruttosozialprodukt. Die Familie produziert Humanvermögen.
von Christiane Justin
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Diese Einsicht verdanke ich Martine Liminski. Sie ist Mutter von zehn Kindern und erzählte ihre Geschichte vor zwei Jahren beim Symposium einer Schweizer Stiftung. Irgendwann sei sie es leid gewesen, noch bei den nobelsten Empfängen auf die unausweichliche Frage „Und was machen Sie?“ zu sagen: „Ich bin Hausfrau und Mutter“. „Das ist fast so“, bemerkte Frau Liminski, „wie wenn Sie sagen würden, ich habe Lepra. Sie werden schnell erleben, wie einsam man in der Masse sein kann.“ Frau Liminski, trotz oder gerade wegen der Kinder fesch, eine Dame, hat es sich dann anders überlegt und fortan ihre Nachricht verschlüsselt. Elegante Party, Sektglas, Smalltalk, dann die übliche Frage: Und was machen Sie? „Ich bin mittelständische Unternehmerin.“ Interessiert wenden sich ihr die Nächststehenden zu. Und wieviele Mitarbeiter haben Sie? „Zehn, gerade noch überschaubar.“ Und nun berichtet Frau Liminski von einem besonderen Mitbestimmungsmodell und ihrem innovativen Führungsstil: „Management by everybody“. Es steigere die Motivation, fördere die Identifikation mit dem Unternehmen, schaffe Selbstwertgefühl, forme die Persönlichkeit. Als schließlich jemand nach der Branche fragt, nennt sie - still bestaunt - die Produktion von „Humanvermögen“.
Ich habe die Lektion gelernt. Auch wenn ich als Witwe ärztlich tätig bin, hat Martine Liminski mir aus der Seele gesprochen und meine Prioritäten auf den Punkt gebracht. Tatsächlich „produziert“ eine gute Familie gesunde, lebenstüchtige, individuell trainierte, belastbare, leistungsfähige Träger der Gesellschaft, erbringt ungezählte Sozialleistungen von der Kinderbetreuung über die Krankensorge bis zur Altenpflege, und alle Mitarbeiter arbeiten ohne Pensionsanspruch. Die Mutter verwirklicht sich als Lehrer und als Psychotherapeut, als Köchin und Schneiderin und als noch manches mehr. Mit dem Unternehmen wächst auch dessen Infrastruktur mit Wohnung und Fuhrpark vom Dreirad bis zum MiniVan. Entsprechend ist die Familie nicht nur auf der Produktionsseite ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor, sondern auch auf der Investitions- und Konsumseite. Ununterbrochen zielt die Werbung auf die Eltern und die Kinder.
Dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, dafür sorgen die Mitarbeiter. Sie holen einen schnell wieder auf den Boden. So Mitarbeiterin Antonia, als die mittelständische Unternehmerin einen Familienausflug plant: „Mama, du bist eine unverbesserliche Aktivistin. Man hätte dich schon als Kind behandeln müssen.“ Mitbestimmung eben: Papa und Mama auf der Hausbank, die viermonatige Christl im Kinderwagen, die anderen darum herum. „Na, wieviele Kinder wollt ihr denn haben?“ - Henriette: „Sechs können’s schon sein.“ Antonia, die Älteste, abwehrend: „Höchstens zwei, ich weiß, wie das mit vielen Geschwistern ist.“ Dann Margarete: „Mir egal, nur so klein sollen sie bleiben.“
Wie geht eine christliche Familie?
Wenn schon die Familie Baustein der Gesellschaft ist, sind christliche Familien das Fundament der christlichen Gesellschaft - nicht auf Sand gesetzt, wie es im Evangelium heißt, sondern auf Fels. Welche Kraft hat es mir gegeben, Gottes Anwesenheit in meinem Familienalltag und in meiner Berufung als Mutter zu entdecken! Und dass das ansteckt, verriet mir die kleine Christl, als sie sich plötzlich laut vernehmen ließ: „Lieber Gott, verlier uns nicht!“
Aber auch Beten will gelernt sein. Viktor macht die Erfahrung just im Sommer: „Mama, ich will Schnee haben.“ Denkpause. „Glaubst du, es hilft, wenn ich dem lieben Gott im Himmel sage, es soll schneien?“ Viktor ab zum Herrgottswinkel: „Lieber Gott, lass es Winter werden.“ Stille. Viktor kehrt zurück, entrüstet: „Mama, der gibt mir ja keine Antwort!“ Drei Jahre später hat er dann hinzugelernt: „Mama, ich will heilig werden. Immer probier ich’s, aber es geht nicht. Mama, gibt es eigentlich heilige Buben?“
Das Gebet ist eine Kraft, aus der die Familie zur Wiege der Liebe und des Lebens wird, zu jenem Bollwerk tragender Werte, die, laufend in kleinen Schritten gepflegt, uns ein Leben lang begleiten und uns durch manche Stürme hinüberretten. Die vielbeklagte Gesellschaftskrise ist eben nicht eine Familienkrise, sondern im Gegenteil eine Krise der Liebe, der Freiheit und der Verantwortung. In der Familie werden diese Werte gelebt. Wo sonst soll die Karikatur dieser Werte, die uns heute allenthalben begegnet, zurechtgerückt werden?
Eingespieltes Miteinander
Vor allem bedarf es der guten Kommunikation. Es braucht das Gespräch in der Familie - zwischen den Eltern, zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Kindern, aber auch hin und wieder zwischen Onkeln, Tanten, Omas und Opas. Wie wichtig sind Zuhören, Hinhören, Verstehen und Verständnis. Gerade in Zeiten wie heute, in denen wir alle viel zu tun haben. Kinder müssen wissen, welche Ansichten und Werte ihnen Wege weisen für ihre Entscheidungen: „Management by everybody“. Sonst laufen die Ideen auseinander: Ich muss zur Uni, brauchst du das Auto?/ Ich muss den Florian treffen, kann ich das kleine Auto haben?/ Mir brummt der Kopf, kann ich fernsehen?/ Spielst du mit mir Tischtennis?
Ohne genaue Kenntnis der Begabungen, Schwächen, Eigenheiten der „Mitarbeiter“ im Betrieb und ihrer Belastbarkeit und Zeiteinteilung, und ohne Übersicht darüber, welche Aufgaben sie zu bewältigen haben, scheitern Management und Mitbestimmung. Mitarbeiterin Antonia mit ihrem Fronteinsatz beim Jurastudium an der Uni kann an einem Tag mit 8 Stunden Vorlesungen wirklich nicht noch für das Wochenende einkaufen, drei Taxidienste mit den Kleinen übernehmen und noch über die Hausaufgaben der Jüngsten wachen. Da muß Protest erlaubt sein. Mitarbeiterin Margarete, die sich bequem ein „Füllsemester“ leistet, muss da ran und kann auch noch das Kochen übernehmen. Sie tut das dann auch gern und gut.
Drückeberger gibt’s in jedem Unternehmen. Da muss nicht unbedingt die Chefetage eingreifen. Hierfür herrscht im „Mittelbau“ Gespür. Meist wird dort schon das Problem behoben. Zu dem fanatischen Gerechtigkeitssinn, wie ihn die Kinder haben, bin ich als Mutter gar nicht fähig.
Bis ins dritte Lebensjahr scheint Verantwortung Freude zu machen. Trage ich dem Zweijährigen auf, den Becher in die Küche zu tragen, stahlt er mich selig an dafür, dass ich ihm so Großartiges zutraue. Wenn sie größer werden, durchschauen sie den Trick, wie der erst dreijährige Bub, den der Vater anweist, etwas vom Boden aufzuheben, und der feierlich erklärt: „Papa ich kann dir nicht helfen. Wenn ich mich bücke, wird mir immer so schwindlig." Das ist der Prototyp derjenigen, die bald vorgeben, mit zwei linken Händen ausgestattet zu sein. Und stets erledigen andere die Arbeit - aus Angst, sie werde durch die Ungeschicklichkeit noch größer. Mit 3 Jahren also fängt es an: „Schon wieder ich..“, „immer muss ich den Biomüll wegtragen..“, „heut ist die N dran“: wer kennt die Variationen dieses Themas nicht. Als eine der Meinen enthusiastisch und mit ausgebreiteten Armen äußerte: „Ich liebe es, Verantwortung zu übernehmen“, war ich lieber vorsichtig.
Das Spektrum der lautstarken und der raffinierteren Verweigerer wird noch ergänzt durch die stillen Protestierer. Das Ansinnen, den Geschirrspüler aus- oder das Zimmer aufzuräumen, wird mit „Ja, Mama“ quittiert. Erfolgen tut dann aber nichts. Die Frustrationstoleranz schwindet. Das Kinderzimmer erstickt immer noch im heillosen Chaos. Dazu ist praktisch schon Weihnachten. Mutti sucht einen Fleck, wo sie im Zimmer hintreten kann. Dabei stößt sie den Spieltisch mit den Lego-Bauten um. Triumphal-gelassen erklärt der Dreijährige: „Mama, das hat jetzt das Christkind gesehen.“
Motivation wirkt Wunder
Das strategisches Ziel lautet daher: Motivieren. Mit einer Motivation, die in alle Prototypen dringt. Motivieren zur Hausarbeit zum Beispiel. Aber da läßt sich ja noch manches Auge zudrücken. Zum Lernen motivieren: da wird es prekär. Man kann sich den Mund fusselig reden: Motivation läßt sich nicht überstülpen. Sie muß von innen kommen. „Vertraut ihnen, auch wenn sie euch einmal hintergehen“, hat ein heiliger Priester empfohlen. Und in der Tat: Mit Vertrauen und viel Geduld geht dann doch schließlich der sprichwörtliche Knopf auf. Mitarbeitermotivation bringt es zu unglaublichen Leistungen, zu vernünftigsten Ansichten, zu übereinstimmenden Meinungen, sogar zu Erziehungsautorität, strenger als Frau Mutter. Klappen einer Autotür draußen, 22 Uhr, und Viktor rennt, die Mutter rempelnd, die Treppe hinauf. Die fragt: „warum so eilig?“ Viktor: „Die Toni kommt, und bei der darf ich so spät nicht mehr fernsehen.“
Natürlich ist der Schlüssel zur Motivation das gelebte Vorbild. Es wird im Stillen angenommen, oft erst Jahre später. Oft ist es aber nötig, Dinge jetzt in Bahnen zu lenken. Grenzen sind nötig. Dagegen anzurennen, ist so schmerzhaft wie heilsam. Man muss lernen, nicht immer den eigenen Kopf durchzusetzen und zu tun, wonach einem der Sinn steht. Und natürlich will man den Sinn des Schmerzes nicht verstehen. Das ist ja auch bei uns Erwachsenen so. Heimfahrt vom Zahnarzt, gegen 18 Uhr. Hunger macht sich breit und der Wunsch sich kund, ich solle halten und etwas kaufen. Da ohnehin ein Teil der Truppe, neu verplombt, nichts essen darf, fahre ich weiter. Wieder Viktor, ganz entrüstet und von hinten: „Mama, jetzt weiß ich, warum du so viele Kinder hast. Damit du sie quälen kannst.“
Um nichts in der Welt möchte ich die Mühen missen, wenn ich sehe, wie liebevoll die Kinder mit dem alten Großvater oder der kranken Großmutter umgehen. Oder wenn ich höre, wie der große 11-jährige der kleinen 9-jährigen vorhält, bei der nächsten Schularbeit müsse sie sich aber mehr bemühen. Und dann noch: Was für Anstrengungen - dazu noch sichtbar streng geheim - um eine Überraschungsparty mit 30 Leuten zu Mutters Geburtstag auf die Beine zu stellen.
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