Einst verpönte „alte Zöpfe“ kehren wieder
Die 68er-Generation hat sie belächelt und gehasst. Doch längst hat man ihre Notwendigkeit und Attraktivität neu entdeckt. Aber Umgangsformen sind mehr als Etikette und „Benimm-Codes“. Sie sind an eine innere Haltung und ein Menschenbild, an Tugenden und Traditionen gebunden.
Der Junge ist etwa 14 Jahre alt. Mittags treffe ich ihn in der Bahn, hingeflegelt, die Füße auf dem gegenüberliegenden Sitz. „Nimm mal deine Füße da runter, bitte“, sage ich lächelnd. „Wieso denn das?“ fragt er freundlich-unschuldig und rührt sich nicht. „Ich möchte hier nicht neben deinen Füßen sitzen, und außerdem werden die Sitze dreckig.“ „Werden sie nicht, und Platz haben Sie hier genug“, mault er, und nun beginnen seine Schulkameraden, sich auch für die Sache zu interessieren. Jetzt muss es schnell gehen, sonst verliere ich. „Ihr seid hier nicht zu Hause im Wohnzimmer, sondern mit vielen anderen zusammen in einer öffentlichen Bahn. Du benimmst dich wie ein billiger Wichtigtuer. Schon mal was von Umgangsformen gehört?“ Offensichtlich nicht, aber mit einem ehrlichen und gequälten „Eigentlich haben Sie ja recht“ rutschen die Schuhe langsam vom Sitz. Die Schüler schweigen. Die Erwachsenen nicken oder schauen weg.
Eine Freundin einer meiner Enkelinnen, 15 Jahre alt, ist bei uns zum Mittagessen eingeladen. Ich treffe sie im Esszimmer. Sie wird mir vorgestellt und ich bitte sie an ihren Platz. Sie setzt sich sofort. Wir stehen alle noch, um zu beten. Sie springt erschreckt auf und fühlt sich sichtbar unwohl. Als das Schweinefilet mit Bananen sie erreicht, weist sie mit dem Löffel auf die Bananen und fragt mich: „Sind das Bananen?“ „Ja, das sind Bananen.“ „Die esse ich aber nicht“, teilt sie uns allen mit. Ich schlage ihr vor, sich das Fleisch zwischen den Bananen herauszusuchen, was sie mit einem freundlich lächelnden „Na, gut!“ quittiert. Ein wirklich nettes Mädchen, Einzelkind aus einer wohlhabenden Familie. Die Eltern sind seit Jahren beide volltags berufstätig. Ihr fehlt die Routine im Umgang mit solchen doch recht einfachen Situationen. Beiden Kindern fehlen Umgangsformen.
In Deutschland war es der berühmte Freiherr von Knigge, der sich im 18. Jahrhundert zum ersten Mal mit Umgangsformen befasste. In seinem berühmten Buch „Über den Umgang mit Menschen“ ging es ihm keineswegs nur um Fisch und Kartoffeln mit oder ohne Messer, sondern um den ganzen Menschen. „Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur soviel, wozu er sich selbst macht.“ Das ist sein Leitmotiv und das gilt auch heute noch.
Persönlichkeitsmerkmale
Umgangsformen waren immer selbstverständlich, allgemeingültig und wurden nicht hinterfragt, solange Elternhaus, Schule, die eigene Umgebung und auch die Gesellschaft eine konfessionell oder weltanschaulich relative Einheit bildeten.
Erst nach 1945 und vor allem in der Studentenrevolte der 60er Jahre wurden sie als altmodisch, sinnlos und als gesellschaftliche Zwänge verworfen und der großen Freiheit geopfert.
Heute erkennt man wieder, dass jedes Zusammenleben, sei es in der Familie, in der Schule oder in der Gesellschaft, überall im Leben an Normen und Regeln gebunden sein muss, wenn es harmonisch sein soll. Die Rituale kehren zurück, und keine Manager-Akademie oder Traineeausbildung verzichtet heute auf eine gründliche Belehrung über Umgangsformen.
Gute Umgangsformen sind Persönlichkeitsmerkmale und Ergebnisse einer gelungenen Erziehung. Sie sind an eine innere Haltung, an Tugenden oder Traditionen gebunden. Werden sie nicht verstanden oder gar innerlich abgelehnt, bleiben sie hohl und leer, sinnlos und aufgeklebte „Etikette“. Modern gesagt, ein Benimm-Code. Mehr nicht.
Erziehungsziele
Eine ausgezeichnete und einleuchtende Beschreibung der Erziehungsziele gibt der bekannte Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka in seinem Büchlein „Erziehungsziele der Gegenwart“. Schon vor 20 Jahren wies er auf die Gefahren unserer Lässigkeit in der Erziehung hin. Er stellt für Eltern fünf Erziehungsziele vor, und nennt zu jedem Ziel die Gegenpositionen, d.h. die Folgen der Nichtbeachtung. Gerade das macht sein Programm so einsichtig und klar. Seine Erziehungsziele:
1. Vertrauen zum Leben und zur Welt
2. Bereitschaft zur Selbsterhaltung durch eigene Anstrengung
3. Realistisches Welt- und Selbstverständnis
4. Kultur des Herzens
5. Selbstdisziplin
Die Gegenhaltungen zum Erziehungsziel Selbstdisziplin sind beispielsweise Sichgehenlassen, Selbstverwöhnung, Verantwortungsscheu, Willensschwäche, Rücksichtslosigkeit, Unbeherrschtheit, Unzuverlässigkeit, immer verbunden mit einer anmaßenden Überschätzung des eigenen Ichs und einer Geringschätzung der Mitmenschen, ihrer Leistungen und ihrer berechtigten Erwartungen.
Gerade an diesen Negativfolgen, die uns, wenn wir ehrlich sind, nicht fremd sind, können wir die Umgangsformen fast besser festmachen als an den positiven Elementen seiner Erziehungsziele.
Mehr Freiheit und Verantwortung
Die Ziele zu kennen bedeutet noch nicht, sie auch umsetzen zu können. Viele Elternhäuser bleiben, auch bei konfessioneller Gebundenheit in Erziehungsfragen, isoliert und in ihrem Handeln auf sich selbst gestellt. Unabhängig von Großfamilie, Nachbarschaft, Gemeinde, und abgeschnitten von verpflichtenden Traditionen der Weltdeutung und Lebensführung müssen Eltern heute ihre Entscheidungen oft alleine treffen. Das alles bedeutet sehr viel mehr Freiheit, aber auch sehr viel mehr Verantwortung.
Staat und Kirche nehmen Einfluss auf die Erziehung und bieten Hilfen an. Der Staat versucht gerade in diesen Ta- gen, mehr Einfluss auf die Erziehung der Kinder zu bekommen. Er beansprucht nicht nur die „Lufthoheit über den Kinderbetten“, sondern will auch flächendeckend Ganztagsschulen anbieten. Für eine religiös oder weltanschaulich spezifische Erziehung kann der Staat keine Hilfe sein, denn wir leben in einer pluralen Gesellschaft. Verschiedene Weltanschauungen, Religionen und Auffassungen sind erlaubt, werden gleichrangig angesehen und toleriert. Alle Gruppierungen versuchen, sich Einfluss auf die öffentliche Meinung zu verschaffen. Die Stärksten und Lautesten ergeben dann den Trend der Zeit.
Religionsgemeinschaften haben ein „Menschenbild“, die plurale Gesellschaft hat das nicht. Durch den langsamen Rückzug der Religionsgemeinschaften aus dem öffentlichen Leben ist die Einflussnahme der Kirchen gering. Schon die Internationale Wertestudie des Allensbach-Institutes zeigte vor Jahren, dass die Mehrheit der Christen in den entscheidenden Fragen der Werte und Normen nicht urteilsbereit ist. Die Verunsicherung und Orientierungslosigkeit ist groß und die nichtwertende Gleichgültigkeit der Gesellschaft schädlich. Geben wir doch zu, dass wir selbst oft nicht wissen, was wir der jungen Generation in Sachen Anstand und moralisches Verhalten sagen sollen. Hinzukommt, dass viele Eltern heute nicht die Zeit und die Ruhe haben, sich intensiv um Erziehung und Umgangsformen zu kümmern, und auch das moderne Familienleben infolge des reichlichen Fernsehkonsums dafür wenig Raum lässt. Die Medien selbst zeigen täglich, dass es sich doch eigentlich recht gut leben lässt ohne Werte und ohne Moral.
Kindern und Eltern mehr zumuten!
Trotz allem: Der Mut zum Leben mit ethischen Werten, guten Umgangsformen und deren Weitergabe an die junge Generation müssen zurückgewonnen werden. Das wissen wir nicht erst seit der „Ruck-Rede“ von Roman Herzog im Hotel Adlon in Berlin. Aber zu dieser Erkenntnis gehört auch die Kraft zum Handeln. Muten wir unseren Kindern bewusst mehr an Erziehung zu. Und muten wir uns mehr Einsatz und mehr Zeit für eine gute Erziehung zu. Denn Tugenden müssen nicht nur diskutiert werden, sie müssen gelebt werden; von den Eltern vorgelebt, Tag für Tag. Sie müssen von den Kindern verstanden, nachgeahmt, gewollt und verinnerlicht werden.
Dieser Einsatz lohnt sich, denn genau davon, wie wir heute unsere Kinder erziehen, wird es abhängen, wie die Welt morgen aussehen wird, wenn sie die Verantwortung übernommen haben.
(Quelle: Komma n.15)
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