Körperalarm bei Kindern
Stress, seit Mitte der 80iger in der Brockhaus-Enzyklopädie zum Schlüsselbegriff avanciert, erfasst nicht nur immer größere Bevölkerungskreise, sondern durchbricht in Ermangelung intakter sozialer Stützsysteme nun auch die Altersschranke zur Kindheit und Jugend, deren Schutzbattalione – Familie, Freunde, Lehrer – dem Übermaß an Anforderungen und Zumutungen nicht immer standhalten können.
von Markus Rüther
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So sind nach einer jüngsten Studie so viele Schüler in Deutschland gestresst, dass die Anzahl ausreichen würde, die SPD bei zukünftigen Bundestagswahlen zur stärksten Partei zu machen– freilich nur unter der Voraussetzung, das Stress-Syndrom würde die betroffenen Schüler in SPD-Wähler verwandeln, was wir nicht hoffen wollen; außerdem müsste die SPD ihre derzeit noch recht hohen Umfragewerte, die zwischen 21 und 25 Prozent schwanken, bis zur nächsten Wahl halten, was – Hand aufs Herz – eher unwahrscheinlich ist, auch Erwachsene lernen ja.
Wahrscheinlich ist hingegen, dass sich die Anzahl der unter Stress leidenden Schüler bis dahin noch vergrößern wird. Derzeitiger Stand: 33 Prozent. Dieser traurige Zahlenwert ist das Ergebnis einer Studie, die das Institut für Psychologie und das Zentrum für angewandte Gesundheitswissenschaften (ZAG) der Leuphana Universität Lüneburg für die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) durchgeführt hat.
Folgende Stress-Symptome wurden festgestellt:
- Einschlafprobleme (22 Prozent)
- Gereiztheit (21 Prozent)
- Kopfschmerzen und Rückenschmerzen (16 Prozent)
- Niedergeschlagenheit (14 Prozent)
- Nervosität (11 Prozent)
- Schwindelgefühle (9 Prozent)
- Bauchschmerzen (8 Prozent)
Darüberhinaus gaben 10 Prozent der Befragten an, dass sie täglich sogar unter zwei oder mehr Beschwerden leiden.
Regelmäßig negative Gefühle
Das Portal für Bildungsinformationen bildungsklick.de hat die DAK-Studie ausgewertet, aus der hervorgeht, dass viele Probleme offenbar eng mit dem Klassenklima zusammenhängen. «In Schulen mit schlechtem Klassenklima ist der Anteil von Schülern mit regelmäßigen Beschwerden deutlich erhöht.» Mehr als 50 Prozent der Betroffenen beschrieben ihre Gefühle in der Schule mit einem Adverb, das man bei Schülern hier nicht vermuten würde: «verzweifelt» (hoffnungslos, ausweglos). «Insgesamt geben mehr als zwei Drittel der Schüler mit häufigen Beschwerden an, dass sie in der Schule regelmäßig negative Gefühle erleben. Jeder zweite Schüler mit häufigen Beschwerden berichtet ferner von Prüfungsangst. Dr. Cornelius Erbe, Leiter des DAK-Produktmanagements: «Die Gesundheit vieler Jungen und Mädchen leidet unter schulischen Belastungen. Wird falsch auf diese Belastungen reagiert, können ... psychosomatische Beschwerden entstehen. Schweigen und Verdrängen macht alles noch schwieriger.» So berichten Schüler, die der Problematik ausweichend begegnen, mehr als doppelt so häufig von regelmäßigen Beschwerden.
Mädchen scheinbar häufiger betroffen
Mädchen berichten zwar mit 38 Prozent fast doppelt so häufig wie Jungen (21 Prozent) von psychosomatischen Beschwerden, doch die deutlichen Geschlechtsunterschiede täuschen womöglich: Eine innere oder äußere, das Wohlbefinden gefährdende Bedrohung führt bei Jungen eher zum Rückzug nach Innen und zur Abgrenzung von der Außenwelt, während beim weiblichen Geschlecht der Organismus all seine Kräfte konzentriert und zur Bewältigung der Gefährdung schützend einsetzt: Krankheit als Weg. Ferner dürften Jungen auch dort, wo sie psychosomatisch reagieren, weniger offen über ihre Beschwerden berichten als Mädchen, so dass die Prozentwerte auch unter diesem Gesichtspunkt näher beieinanderliegen dürften, als die Studie vermuten lässt.
Weniger Beschwerden bei Gymnasiasten
Wie die Projektleiterin Anica Richardt von der Leuphana Universität Lüneburg betont, geben Gymnasiasten insgesamt seltener an, unter psychosomatischen Beschwerden zu leiden. Vielleicht deshalb, weil das Drangsalieren und Quälen von Schülern, ein inzwischen weit verbreitetes Phänomen, das unter dem Begriff Mobbing sogar einen festen Platz in unseren Duden gefunden hat, unter Gymnasiasten, wo das Recht des Stärkeren nicht ganz so offensiv ausgelebt wird wie auf anderen Schulen, eine geringere Rolle spielt? Wie eine ebenfalls von der Leuphana Universität initiierte Studie ergibt, sind 31 Prozent der Schüler an weiterführenden Schulen schon einmal von einem Klassenkameraden schikaniert worden, womit die Parallelität der Zahlenwerte ins Auge springt: fast jeder dritte Schüler.
Kampf dem Mobbing!
In den letzten Jahren wurde beinahe jeder zehnte Schüler Opfer von körperlicher Gewalt im Schulumfeld. Hierzu erklärte Silke Rupprecht, Diplom-Pädagogin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leuphana Universität, «dass die Auswirkungen von Mobbing genau so schlimm sind wie die von Gewalt». Und: Bedrängte Schüler haben weitaus häufiger mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Doch nicht immer lässt sich beim Mobbing eine klare Grenze zwischen Gut und Böse ziehen. «Es ist ganz interessant zu wissen, dass die Täter häufig auch Opfer sind.» In der Befragung hätten sie häufiger bemängelt, dass Lehrer bestimmte Schüler bevorzugen und sich weniger zufrieden mit den eigenen Schulleistungen gezeigt. Die Pädagogin ruft zum Kampf gegen Mobbing auf und empfiehlt Klassenregeln und Konsequenzen bei Verstößen. Dabei sollten die Schüler einbezogen und zu ihren Erfahrungen befragt werden. «Es muss eine klare Ansage geben, dass so etwas nicht geht, Übergriffe müssen geahndet werden». Wie bei der SPD.
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