Jungen - Stiefkinder der Moderne (2)

Jungen - Stiefkinder der Moderne (2)

Der archetypische Kern von Männlichkeit, ein tief in der Persönlichkeit verankertes Muster des Rollenverhaltens, ist zu einem negativen Etikett geworden. Männer befinden sich in der Sinnkrise. Und diese Krise beginnt, wie zahlreiche Untersuchungen bestätigen, schon in der Kindheit. Im Teil 2 geht es unter anderem um Bildungsversager und Gewaltneigung.

von Markus Rüther
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Link zu den anderen Artikeln der Serie:

Teil 1
Teil 3

Bildungsversager mit Gewaltneigung?

«Jungen haben heute kaum noch die Fähigkeit, sich selbst in ihrer Körperlichkeit, in ihrer männlichen Durchsetzungsfähigkeit kennen zu lernen», betont Wolfgang Bergmann. «Sie werden mit Teilen ihrer Männlichkeit überhaupt nicht mehr bekannt.» Selbst die wenigen männlichen Pädagogen haben bereits «dieses seltsame Umhüllungs- und Friedensideal soweit übernommen», dass es im Grunde egal ist, ob ein Mann oder eine Frau verantwortlich für die Erziehung ist. Bergmann weist darauf hin, dass Jungs ihre «Sozialisierungs-Erfahrungen» schon im Alter von zwei bis vier Jahren «völlig anders» vollziehen als Mädchen. Die Blockade solcher Entwicklungen führe zur Hemmung der kognitiven und sozialen Entwicklung. «Gleichzeitig werden sie dann eingehüllt in diese weibliche harmonische Lebenswelt, die ihnen unendlich auf den Keks geht.»

Daher fordert Bergmann für die Pädagogik Männer mit Lebenserfahrung und autoritären Zügen und einer starken Biografie, an denen man sich orientieren kann. «Jungs brauchen das. Sie lernen gegenständlicher, materialhafter.» Henning Engeln (SPIEGEL ONLINE): «Sie toben mehr, werden schneller handgreiflich, werfen weiter und treffen besser. Sie sind konkurrenzorientierter, risikobereiter, erkunden gern Unbekanntes, neigen zu Selbstüberschätzung und Imponiergehabe. Das lässt sie in der Schule leichter anecken. Mädchen dagegen sind fürsorglicher, sozial sensibler und kommunikativer – und damit für Lehrer im Umgang angenehmer.» Jungen müssen heute in der Schule Dinge tun, die sie überhaupt nicht können. Bergmann: «Die Jungs werden in dieser Lust von Ordnung schier verrückt. Deshalb lehnen sie dieses System dann einfach unwillkürlich ab. Und wenden sich anderen Dingen zu.» In Ermangelung geeigneter Bezugspersonen orientieren sich Jungen heutzutage weniger an realen männlichen Lebenslagen, sondern an unrealistischen Figuren, was einen erschwerten Zugang zur eigenen Emotionalität zur Folge hat.

«Jungen brauchen Männer»

Väter gehen mit dem Nachwuchs anders um: Im Umgang mit Babys schneiden sie Grimassen, stimulieren stärker mit Geräuschen und optischen Reizen. «Später spornen sie die Kinder zu Bewegungen an: zum Laufen, Fahrradfahren, Fußballspielen, Schwimmen. Sie toben mit ihren Söhnen, vermitteln ‹männliche› Eigenschaften – etwa Durchsetzungsvermögen – und sind Vorbild beim handwerklich-technischen Hobby.» (Henning Engeln) Und: Männer unterscheiden zwischen Sohn und Tochter. Väter gehen mit ihren Töchtern behutsamer um, mit ihren Söhnen hingegen strenger, aggressiver. Ferner fördern sie die Autonomie besser als Mütter, da sie dem Nachwuchs mehr zutrauen. «Väter überfordern Kinder, Mütter unterfordern sie» (stern.de). Bei Müttern ist die Unterscheidung des Geschlechts nicht so wichtig; ob Junge oder Mädchen, für sie sind es in erster Linie «Kinder».

Wie Studien der Universität Oxford an Tausenden von Kindern bestätigen, haben Jungen, die ohne Vater aufwachsen, häufiger Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl, gehen weniger gern zur Schule und neigen eher zu Depressionen oder Selbsttötungen; das Risiko, später kriminell oder obdachlos zu werden, ist deutlich höher. «Die Folgen dieser Entwicklungen», schreibt Henning Engeln «sind heute zu erkennen: Es gibt kein klares oder positives Bild vom Mann

In den vergangenen 30 Jahren wurden Mädchen nachhaltig gefördert. Neben zahlreichen Programmen, die ihnen den Zugang zu naturwissenschaftlich-technischen Fächern erleichterte, wurden weibliche Rollenbilder und Klischees ebenso abgebaut wie traditionelle Hürden im Schulalltag. Die Schwierigkeiten von Jungen – wie etwa ihre Schwächen beim Lesen und Schreiben – wurden in den Lehrplänen und Unterrichtsmethoden hingegen kaum berücksichtigt, und ihre emotionalen Bedürfnisse und Interessen wurden weitgehend ignoriert. «Im Zuge der Frauenemanzipation wurden die Jungen also quasi vergessen oder zumindest vernachlässigt.» Die Leiterin der Abteilung Geschlechterforschung am Deutschen Jugendinstitut in München ist sogar der Auffassung, dass die «feministische Diskussion» dazu geführt hat, dass man die «Jungen so behandelt, wie man sie gern hätte, und nicht, wie sie sind

Paradigmenwechsel in der Neurobiologie: Das Gehirn wird, wie man es mit Begeisterung nutzt

Der Hirnforscher Gerald Hüther stellt in einem FAZ-Interview fest, dass sich schon kleine Jungs stärker im Außenbereich orientieren und deshalb mit besonderer Begeisterung jene Hirnregion nutzen, die dabei aktiv wird. «Deshalb entwickelt sich ihr Hippocampus stärker. Das Gehirn ist ein Organ, mit dem wir uns in der Welt orientieren, aber es wird erst im Kontakt mit dieser Welt geformt.» Das heißt, es entwickelt sich so, wie wir es benutzen, besonders, wenn wir dabei begeistert sind.

Mit einem alten Vorurteil aufräumend, betont Hüther, dass die genetischen Anlagen für die Ausbildung des Gehirns bei beiden Geschlechtern gleich sind. Das zusätzliche Y-Chromosom der Männer sorge lediglich für die Produktion des Hormons Testosteron, so dass die Hirnentwicklung unter anderen Rahmenbedingungen stattfindet. Hüther: «Mann kann das kindliche Gehirn mit einem Orchester vergleichen. Eigentlich ist die Besetzung bei Männern und Frauen gleich. Aber wegen der vorgeburtlichen Testosteroneinwirkung rücken im Orchester der kleinen Jungen die Pauken und Trompeten stärker nach vorne, während die harmonischen Instrumente in den Hintergrund treten. Man könnte auch sagen: Jungs, machen sich von Anfang an mit mehr Antrieb auf den Weg

Durch die verstärkte Orientierung im Raum auf der Suche nach etwas, das ihnen Bedeutsamkeit verschafft, benötigen sie mehr Halt im Außen. «Neugeborene Mädchen haben das weniger nötig. Die haben in sich selbst genug Halt.» Männer, so der Forscher, sind nicht von vornherein aggressiver und gewalttätiger, sondern sie «suchen nur mit mehr Vehemenz nach Halt und Bedeutung in dieser Welt. Dafür werden sie von der Gesellschaft benutzt: Männer haben die kulturelle Funktion, neue Räume zu erschließen und an Grenzen zu gehen

Doch bei diesem Prozess bleibt eine immer größer Anzahl von Jungs auf der Strecke, weil es ihnen nicht gelingt, zum authentischen Mann zu werden: den Halt in sich selber zu finden. Authentisch ist jemand aber erst dann, wenn «Denken, Fühlen und Handeln eine Einheit» bilden. «Menschen, die diese Kohärenz verkörpern, haben eine besondere Ausstrahlung. Das nennt man Charisma.»

«Das Wichtigste wäre ein richtig guter Vater»

Um Bedingungen zu schaffen, die der Entfaltung angelegter Potentiale dienlich sind, müsse ein optimales Ausmaß an Vernetzung im Gehirn hergestellt werden, damit «man ein reicheres, offeneres... Leben führen kann». Gegen Ende des Interviews gibt Gerald Hüther auf die Frage, was ein kleiner Junge braucht, zur Antwort: «Das Wichtigste wäre ein richtig guter Vater und noch ein paar andere Männer im Verwandten- und Freundeskreis, die selbst gern Männer sind, die mit diesem Jungen was unternehmen und ihn so mögen, wie er ist... um ihm die Chance zu geben, seine Potentiale zu entfalten.»

Während die meisten Frauen ihr Leben schon früh flexibel planen, orientieren sich junge Männer an traditionellen Männerbildern, die von der Zeit überholt worden sind, so dass es ihnen zunehmend schwerer fällt, ihre soziale Rolle in der Gesellschaft zu definieren. Der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann ist der Auffassung, dass die Probleme junger Männer mit einem überholten Rollenverständnis zu tun haben: Der archetypische Kern von Männlichkeit, früher ein Motor im männlichen Selbstfindungsprozess, wird in einer Welt, in der die alten Muster keine Gültigkeit mehr haben, ausgebremst.

Hurrelmann schlägt vor, an dieses stereotype, vorwiegend durch Aktivität gekennzeichnete Muster anzuknüpfen, um es letztlich durch ein flexibleres Muster abzulösen. Dazu gehöre zum Beispiel, Jungen mehr Sensibilität für den eigenen Körper zu vermitteln, wobei es stets wichtig sei, die Eigenheiten der Jungen zu berücksichtigen. Es müsse über neue Formen körperlicher Aktivität nachgedacht werden, «transparente, klare Umgangsformen, Rituale und Symbole» müssen gefunden werden.

Andere Fachleute plädieren sogar dafür, den Schulalltag für Jungen einer grundsätzlichen Veränderung zu unterziehen: mehr Pausen und Bewegung, stärkere Strukturierung des Lehrstoffs, mehr Wettbewerb und mehr Anweisungen, sowie klare Rahmenbedingungen und die verstärkte Anregung zum Bauen, Experimentieren und zum Hantieren mit technischen Geräten. Klaudia Schultheis von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt betont, dass Geschlechter entsprechend ihrer Lernstile und Lernbedürfnisse unterschiedlich zu behandeln seien; sie fordert eine «geschlechtersensible» Schule und glaubt, dass es möglich ist, einen Unterrichtsstil zu vermitteln, der auch den Jungen entspricht. Wie der Frankfurter Bildungsforscher Frank Dammasch schreibt, orientiert sich der Unterricht vorwiegend an weiblichen Interessen. Da wissenschaftlich erwiesen ist, dass sich die Leistungen von Jungen verbessern, wenn die Themen sie interessieren, sollten Pädagogen stärker auf die inhaltlichen Interessen der Jungen eingehen.

Gender-Mainstreaming

Doch «wie immer, wenn über weltanschauliche Dinge gestritten wird», schreibt Spiegel-Autor Ralf Neukirch, «gibt es auch in der Bildungsdiskussion handfeste machtpolitische Interessen». In Deutschland existiere ein dichtes Netz von Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten, von Beratungsstellen für Mädchen und Frauen und von Frauengruppen in Gewerkschaften und Institutionen. «Sie leben davon, für die Gleichstellung der Frau zu kämpfen. Spezielle Förderprogramme für Jungen würden das eigene Selbstverständnis und die eigene Arbeit in Frage stellen

So kritisiert der Heidelberger Pädagoge Michael Matzner, dass Projekte für Männer nur selten öffentlich gefördert werden, «wenn sie nicht profeministisch orientiert sind». In vielen Fachbereichen der Universitäten, in den Gewerkschaften und in den Schulbehörden prägt ein feministischer Begriff die Arbeit, der pragmatische Lösungen erschwert und den Blick auf die Wahrheit verstellt. Noch immer ist «Gender Mainstreaming» das Prinzip, das auch für die Bundesregierung Priorität genießt: die Vorstellung, dass es neben dem biologischen Geschlecht ein davon unabhängiges soziales Geschlecht gibt und Weiblichkeit und Männlichkeit rein gesellschaftliche Konstrukte sind. Diese vermeintlich unumstößliche Gewissheit hat dazu geführt, dass deutschlandweit seit den siebziger Jahren eine feministisch inspirierte «Mädchenpädagogik» aufblühen konnte.

«Konsequenterweise dürfen Jungen nicht gefördert werden», schreibt Ralf Neukirch, denn indem man ihren Interessen entgegenkommt, würde typisch jungenhaftes Verhalten ja belohnt. «Im Gegenteil, sie müssen so erzogen werden, dass ihre Interessen sich anpassen. Wenn Jungs sich mehr für Piraten als für Schmetterlinge interessieren, dann muss man sie eben so lange konditionieren, bis sich das ändert. Sonst würde man die Geschlechterstereotypen noch verstärken.» Auch die Leiterin einer Arbeitsgruppe zur Bubenförderung im bayerischen Kultusministerium Anne Blank ist der Auffassung, dass «die feministische Diskussion dazu geführt hat, dass man die Jungen so behandelt, wie man sie gern hätte

Zu Recht stellt Ralf Neukirch gegen Ende seines Artikels die Frage, ob Verfechter einer einseitig auf Mädchen ausgerichteten Bildungspolitik nicht beiden schaden, den Jungen und den Mädchen. Zum einen haben in unserer feminisierten deutschen Schullandschaft auch die Mädchen kaum die Möglichkeit zur Aneignung solcher Fähigkeiten, die sie später im Beruf brauchen: Risikobereitschaft, Konkurrenzdenken, Aggressivität. Zum anderen kann es langfristig nicht im Interesse der Frauen sein, wenn das männliche Geschlecht auf der Strecke bleibt. Schulversagen in Verbindung mit antisozialem Verhalten erhöht das Risikopotential für spätere psychische Probleme und Konfliktsituationen, die nicht nur zur Bedrohung für den Betroffenen werden, sondern unter Berücksichtigung des sprunghaften Anstiegs von Verhaltensstörungen auch das gesellschaftliche Klima zukünftiger Generationen bedrohen. Wir stehen heute vor der Aufgabe, rechtzeitig pädagogisch gegenzusteuern. Diese Aufgabe ist von gesamtgesellschaftlichem Interesse. Die Schule ist nicht nur ein wichtiger, sondern oft auch der letzte Ort, wo Lenkung noch möglich ist.

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(wird fortgesetzt)