Jungen - Stiefkinder der Moderne (1)
Der archetypische Kern von Männlichkeit, ein tief in der Persönlichkeit verankertes Muster des Rollenverhaltens, ist zu einem negativen Etikett geworden. Männer befinden sich in der Sinnkrise. Und diese Krise beginnt, wie zahlreiche Untersuchungen bestätigen, schon in der Kindheit. In der Schule unterliegen Jungen den Mädchen in vielen Disziplinen, sie erweisen sich als unflexibler, gewalttätiger und anfälliger für Krankheiten. Mädchen zeigen sprachlich deutlich bessere Leistungen als Jungs: «sie verstehen geschriebene Texte besser und können sie besser nutzen» (SPIEGEL ONLINE). Unter Fachleuten kursiert inzwischen sogar die Vermutung, dass vor allem die schlechten Leistungen der Jungen zu Deutschlands Abstieg im Pisa-Vergleich geführt haben.
von Markus Rüther
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Politischer Richtungswechsel oder pädagogische Nebelkerzen?
Noch ist der Punkt nicht erreicht, an dem sich die Eigendynamik der ideologischen Schlachten um die Gleichberechtigung der Frauen und die Rolle des Mannes an der Wirklichkeit bricht. Die Kräfte erlahmen zwar, allein die Streitlust der Ideologen ist unbezähmbar, und so hat sich das Gefecht auf andere Felder verlagert. Eines davon ist die Schule.
Mit ihrer Bildungstour appellierte die Bundeskanzlerin im letzten Hochsommer eher an die niederen Reflexe der journalistischen Zunft: «Bitte gähnen». Das Jungen-Problem spielte keine Rolle, und im Nationalen Bildungsbericht wurde die Verringerung der Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen nicht unter den «zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre» aufgelistet. «Nur ein paar dürre Zeilen», fanden sich, wie das Onlineportal des SPIEGEL seinerzeit lapidar feststellte, in dem voluminösen Werk. Und die damalige Familienministerin ließ erklären, die Schwierigkeiten für heranwachsende Jungen in der Schule fielen nicht in ihre Ressortkompetenz.
Das soll sich nun ändern. Das Bundesfamilienministerium will künftig gezielt Jungen und Männer unterstützen. Darauf haben sich die Familienpolitiker von Union und FDP unlängst geeinigt. Allein ein kurzer Blick auf die vom Bundesministerium für Familie und aus den Mitteln des Europäischen Sozialfonds geförderte Netzwerkinitiative «Neue Wege für Jungs» zeigt, was hier auf die Jungen zukommt: Die Eindimensionalität der bislang in Gang gesetzten Maßnahmen stellt die Problematik auf den Kopf und läuft, wie so oft in der Politik, an den Ursachen der Misere vorbei; «Haushaltsführerscheine» für Heranwachsende, so nützlich sie im Grunde sind, werden hier ebenso wie Schnupperpraktika im Altenheim oder Kuschelrunden im Kindergarten als Allheilmittel unter dem Deckmantel der Förderung von Sozialkompetenzen und der Kommunikations- und Konfliktfähigkeit angeboten. Chancengleichheit und Rollenvielfalt als persönlicher Gewinn für das spätere berufliche und persönliche Leben? Oder doch nur der Versuch, Jungen zu Mädchen und Männer zu Frauen umzuformen?
Das vergessene Geschlecht
Dabei geht die «Wohlfühl-Kuschel-Pädagogik den Jungs gewaltig auf die Nerven», wie der Kinderpsychologe und Buchautor Wolfgang Bergmann unlängst betonte. Antigewalt-, Antikörperlichkeit- und Antimännlichkeitserziehung schadet nicht nur den Jungen, sie schadet der ganzen Gesellschaft. Wir erleben schon seit Jahrzehnten eine fortschreitende Feminisierung der Schullandschaft. Das Verschwinden männlicher Bezugspersonen aus den pädagogischen Zentren erschwert gerade den Jungen die Auseinandersetzung mit der eigenen Rollenidentität und hemmt die Ausbildung eines ausgereiften Geschlechtsbewusstseins; denn auch zu Hause wachsen Jungen überwiegend unter weiblicher Regie auf, da Väter, sofern vorhanden, häufig stark von ihren Jobs beansprucht werden.
Ausgehend vom Kindergarten, wo der Anteil männlicher Erzieher unter drei Prozent liegt, erreicht der Anteil männlicher Erzieher in keinem einzigen Bundesland mehr als zehn Prozent. Es sind nicht nur diese Zahlen, die für sich sprechen, vielmehr hat sich die Gesellschaft jahrzehntelang zu sehr auf die Förderung von Mädchen konzentriert und dabei die Jungen vergessen. Der Unterricht ist eher an weibliche Formen des Lernens und Gestaltens angepasst. Wenn sich Jungen wie Jungen verhalten, laufen sie Gefahr, trotz gleichwertiger Kompetenzen schlechtere Noten zu erhalten als ihre Mitschülerinnen.
Eine im Frühjahr publizierte Studie des Aktionsrates Bildung bestätigte, dass Jungen in der Schule «massiv» benachteiligt werden. Auch eine Untersuchung des Bundesbildungsministeriums vor zwei Jahren kam zu einer ähnlichen Einschätzung: Schlechtere Noten sind oftmals die Quittung für eigenwilliges Verhalten. Der Bildungsforscher Jürgen Budde kam in dem Bericht zu dem Schluss, dass trotz gleichwertiger Noten Lehrerinnen Jungen seltener für das Gymnasium empfehlen. Der Bozener Entwicklungspsychologe Wassillos Fthenakis hält es inzwischen sogar für erwiesen, dass Lehrerinnen Jungen «systematisch» benachteiligen und bei gleicher Leistung schlechter benoten. Kurz: Unangepasstes Verhalten wird bestraft, während das sozial zumeist angepasstere Verhalten der Mädchen mit in die Note einfließt. Der Aktionsrat Bildung fordert daher für das pädagogische Personal die gezielte Schulung geschlechterspezifischer Kompetenzen.
«Böse Buben, kranke Knaben»
Jungen sind die Verlierer des Bildungssystems. Der Tenor einer Vielzahl von Untersuchungen ist einhellig: Es besteht akuter Handlungsbedarf. Eine Auflistung der in den letzten Jahren bei deutschen Schülern konstatierten Defizite zeigt, dass schon das quantitative Ausmaß einer solchen Aufzählung beängstigend ist:
- Jungs bleiben doppelt so oft sitzen wie Mädchen, fliegen doppelt so häufig vom Gymnasium und landen doppelt so oft auf einer Sonderschule. An Haupt-, Sonder- und Förderschulen machen Jungen heute rund 70 Prozent der Schüler aus;
- Schätzungen zufolge leiden zwei- bis dreimal so viele Jungen unter Leseschwäche;
- 62 Prozent aller Schulabgänger ohne Abschluss sind Jungen;
- 47 Prozent aller Mädchen gehen auf ein Gymnasium, bei den Jungen sind es nur 41 Prozent;
- Ein Drittel der Mädchen macht Abitur oder Fachabitur, aber nur ein knappes Viertel der Jungen;
- Abiturnoten von Jungen sind im Schnitt eine Note schlechter als die ihrer Mitschülerinnen;
- Junge Frauen stellen die Mehrheit der Hochschulabsolventen und brechen ihr Studium seltener ab;
- 95 (!) Prozent der verhaltensgestörten Kinder sind männlichen Geschlechts;
- Jungen stellen zwei Drittel der Klientel von Jugendpsychologen und Erziehungsberatern;
- Aggression ist ein Problem, das vor allem Jungs betrifft: Unter den Tatverdächtigen bei Körperverletzungen sind 83 Prozent Jungen;
- Unter «jugendlichen Patienten, die wegen der berüchtigten ‹Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung› (ADHS) behandelt werden müssen», sind laut SPIEGEL ONLINE «überdurchschnittlich viele Jungen: Auf sechs bis neun Zappelphilippe komme, meldet das Universitätsklinikum Lübeck, lediglich eine Zappelphilippine».
Die Beeinflussung der Erwerbsbiografie durch den Schulabschluss zeigt, dass sich die Benachteiligung bis ins Arbeitsleben ausdehnt: junge Männer sind deutlich häufiger arbeitslos als junge Frauen. Tendenz steigend. Da Frauen vom Ausbau der Dienstleistungsbranche profitieren, vertieft die Wirtschaftskrise die Kluft. Aus einem individuellen Problem wird ein gesellschaftlicher Missstand. So ist die wachsende Gewaltkriminalität weniger ein Jugend- als ein Jungenproblem, ebenso wie der Rechtsradikalismus. Männlicher Anteil: 95 Prozent!
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(wird fortgesetzt)
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