Studie 59.501: «Sitzenbleiben ist teuer und unwirksam»
Vorausgesetzt, wir wären imstande, die geistig-kulturelle Talfahrt, die unsere Zivilisation in bislang nie geschaute Abgründe führen könnte, zu stoppen: Was würde sich auf jeden Fall von heute auf morgen ändern? Antwort: Es würde, von wenigen Ausnahmen abgesehen, so gut wie kein Geld mehr für Studien ausgegeben. Endlich könnte gehandelt werden! Auch zum Wohle der Schüler.
von Markus Rüther
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«2 mal 3 macht 4... »
Zumindest in der derzeit praktizierten Form dienen Studien eher dazu, der Wirklichkeit auszuweichen, anstatt die Voraussetzungen für bessere Entscheidungen zu liefern. In den vorgenommenen «Untersuchungen» geht es häufig weniger um Aufklärung als darum, bestimmte Standpunkte durch gezielt herbeigeführte Ergebnisse zu stützen oder, wenn Stagnation das Ziel ist, Verwirrung in den Köpfen der Bürger zu stiften. In diesem Verdacht steht auch die jüngste, von der Bertelsmann Stiftung initiierte Studie zum Thema «Sitzenbleiben». Nach der Studie ist die Ehrenrunde teuer und unwirksam. «Statt einer frühen schülerorientierten Förderung verschieben wir den Zeitpunkt wirksamer Unterstützung und verpassen ihn dabei», unterstreicht Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Wie jedoch zahlreiche Leser- und Expertenkommentare sowie Umfragen belegen, beurteilt die Mehrheit die Lage anders. Besonders pointiert brachte es ein WELT-Leser in diesen Tagen auf den Punkt – Zitat: «Zahl mich und sag mir, welches Ergebnis die Studie bringen soll, und ich schraube sie dir so zusammen wie du es gerne möchtest frei nach Pippi Langstrumpf: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.» Dass der Auftraggeber stets den Ausgang der Studie bestimmen kann, glauben auch andere Leser: «Hören Sie doch endlich auf mit diesen ‹Studien›», polterte einer der zahlreichen Kommentare durchs Netz, gekoppelt an die Zusage: «Ich bringe Ihnen morgen auf Wunsch eine gegenteilige «‹Studie.›»
« ...plus 3 macht Neune»
Nach Berechnungen der Bildungsforscher, die im Auftrag der Studie ermittelten, geben die deutschen Bundesländer jährlich insgesamt knapp eine Milliarde Euro für Klassenwiederholungen aus. Dieses Geld (für zusätzliche Personalausgaben, laufenden Sachaufwand und Investitionsausgaben) sei offenkundig schlecht angelegt, da die Untersuchung deutlich mache, dass Sitzenbleiben pädagogisch wirkungslos ist: Sitzenbleiben bewirke keine Verbesserung der schulischen Leistungen bei den Betroffenen, und auch die im Klassenverbund verbliebenen Schüler profitieren nicht davon, dass die Schwächeren nicht versetzt und die Leistungsfähigkeit in der Klasse dadurch homogener wird. Stattdessen empfiehlt ein Verantwortlicher, das nach der Abschaffung von Ehrenrunden freigesetzte Geld in die gezielte individuelle Förderung zu investieren. Mit dieser Empfehlung ist der erste Denkfehler ebenso aktenkundig wie die doppelbödige Argumentationsweise entlarvt: Denn glaubten die Initiatoren selbst an Effektivität und Wirksamkeit ihrer Empfehlungen, könnte man das Geld ja ohne Risiko investiv vorschießen, um schon im nächsten Jahr, wenn die neuen Maßnahmen greifen und weniger Schüler sitzenbleiben, die Summe durch Einsparung der Kosten zurückzuholen. Offenbar ist das Vertrauen in die propagierten Maßnahmen nicht sehr groß, und es geht auch weniger um die Verbesserung von Förderung und Unterstützung als um Einsparung von Kosten, und nicht zuletzt geht es natürlich darum, ausbleibenden Steuereinnahmen, verursacht durch einen verspäteten Berufseinstieg, zu begegnen. Im Zweifelsfall sogar auf Kosten der Schüler.
Leserkommentar: «Wenn Sitzenbleiber vorrücken dürfen, bremsen sie alle anderen in der Klasse aus. Das dürfte deutlich mehr als eine Milliarde kosten.»
So hat sich der Deutsche Philologenverband gegen eine Abschaffung des Sitzenbleibens ausgesprochen. Die Maßnahme helfe «schwachen Schülern, den Abschluss doch noch zu erreichen», sagte der Verbandsvorsitzende Heinz-Peter Meidinger WELTonline. Die ganze Diskussion bezeichnete er als «verlogen». «Wenn auf das Instrument des Sitzenbleibens verzichtet wird, muss man gleich das komplette Schulsystem ändern!» (siehe erziehungstrends vom 25.06.08: «Ehrenrunde und Styropor»). Meidinger verweist auf England, wo zwar alle Schüler Jahr für Jahr versetzt werden, doch später haben nur die besten Zugang zu bestimmten Universitäten. Für das deutsche Schulsystem spreche ferner, dass mindestens ein Viertel der Sitzenbleiber im nächsten Schuljahr deutlich bessere Leistungen zeige. «Sitzenbleiben ist ein pädagogisch sinnvolles Instrument», glaubt auch Josef Kraus vom Deutschen Lehrerverband: «Da darf man nicht in Euro aufrechnen». Überdies besteht inzwischen die Möglichkeit, auf Probe in die nächste Klasse vorzurücken. Darüber entscheide am Ende des Schuljahres die Lehrerkonferenz. «Ein generelles Abschaffen des Sitzenbleibens ist nicht opportun», betonte auch Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle auf WELTonline, da auf Dauer schwache Schüler mitgeschleppt würden, was zur Senkung des allgemeinen Niveaus führen würde (schlechte Leistungen werden verdeckt, gute Leistungen verschwimmen). Der Bayerische Kultusminister betonte ferner, dass über die Hälfte der bayerischen Sitzenbleiber die Ehrenrunde freiwillig ansteuere. Um die Quote weiter zu senken, wolle er sich mit den anderen Bundesländern beraten.
Leserkommentar: «Was mir an der Diskussion Angst bereitet... dass man überhaupt auf solche Ideen kommen kann.»
Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2006 schätzen 66 Prozent der Deutschen das Sitzenbleiben als sinnvoll ein und wollen es als pädagogische Maßnahme beibehalten. Die Bildungsexperten von FDP und den GRÜNEN, geübt darin, sich über Mehrheiten hinwegzusetzen, sehen ihre Position, wonach die Ehrenrunde abgeschafft werden müsse, durch die Ergebnisse der Studie bestätigt. Diese Auffassung teilt auch die NRW-Schulministerin Barbara Sommer. Immerhin versucht man in Nordrhein-Westfalen seit 2008 durch gezielte Förderungsmaßnahmen lernschwächere Schuler frühzeitig zu erkennen und ihre Schwächen zu beheben. Sommer: «Die Verminderung der Klassenwiederholungen darf dabei auf keinen Fall mit einer Minderung der Leistungsanforderungen erkauft werden. Gute Schulen zeichnen sich dadurch aus, dass sie beides schaffen: Begabung zu fördern und Unterstützung zu bieten, wo immer dies nötig ist.» Sie verweist auf die Erfolge seit dem Regierungsantritt im Jahre 2005 und auf beständig sinkende «Sitzenbleiberquoten» (aktuell 2,7 Prozent). Das ist gut und erfreulich. Denn wenn die Zahlenwerte Richtung Null marschieren, müssen wir über die Abschaffung der Ehrenrunde ja nicht mehr debattieren, da sich das Problem von selbst erledigt hätte.
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