Die Schulreform, die am dringendsten nötig ist

Die Schulreform, die am dringendsten nötig ist

Brauchen wir: Qualifiziertere Lehrer? Intensivere Beteiligung der Eltern? Mehr Computer? Bessere Benotung? Gesünderes Essen? Ja, aber zuerst brauchen wir Schüler, die ernsthaft lernen! Ein Bericht aus Amerika, der auch auf unsere Schulsituation ein interessantes Licht wirft.

von Kevin Ryan (Veröffentlicht in MERCATORNET.com Übersetzung von H. Niederehe, mit freundlicher Genehmigung von MERCATORNET)
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Gespräche über Schulreformen reißen niemanden mehr vom Hocker. Selbst angesichts fallender Testergebnisse, stiller oder lauter Verzweiflung auch engagiertester Lehrkräfte und Beschwerden genervter Arbeitgeber über Schulabsolventen gibt es allenthalben nur resigniertes Schulterzucken. Die Debatte über notwendige Schulreformen dreht sich wie ein Karussell, immer mit den gleichen Themen: Einstellung von mehr und besseren Lehrern, intensivere Einbindung der Eltern, längere Schuljahre, mehr Unterrichtsstunden täglich, PC für jeden Schüler, gefälligere Benotung, bessere Lehrerausbildung. Und so geht es munter weiter, immer im Kreis.

Unterschwellig spürt man in der ganzen Reformdiskussion die Schuldzuweisungen: wir haben nicht die richtigen Lehrer; man sollte am besten die Lehrergewerkschaften verbieten; es wird der falsche Stoff unterrichtet; es gibt Probleme mit den Curricula; wir haben nicht genug PCs und auch keine brauchbare technische Unterstützung; Eltern kooperieren nicht und halten sich am liebsten aus allem heraus. Das liebe Geld spielt natürlich auch immer eine Rolle, der Staat ist knauserig und bestrebt, Bildungskosten möglichst niedrig zu halten.

Was bei der ganzen Reformdiskussion jedoch völlig ausgeklammert wird, ist der Fokus auf das eigentliche Problem: die Schüler und Schülerinnen.

Amerikanische Schüler sind, im Großen und Ganzen, schlimm. Ihre enttäuschenden schulischen Leistungen (z.B. Notendurchschnitte in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern) sind nur einer von vielen Indikatoren. In einer kürzlich durchgeführten Befragung gestanden 64% ein, durch Betrügereien voranzukommen. 30% gaben Diebstähle zu, die Jungen mit 35% etwas häufiger als Mädchen mit 26%. Die groß angelegte Untersuchung brachte auch zutage, dass 20% ihre Freunde und 23% Familienmitglieder bestohlen hatten. Mehr als die Hälfte der älteren Oberschüler sind bereits sexuell aktiv, was den USA die Spitzenposition der westlichen Welt bei der Anzahl der außerehelichen Geburten und bei den durch Sexualkontakte übertragenen Krankheiten beschert. Eines der Hauptmotive für amerikanische Firmen, sich im Ausland anzusiedeln, ist darin begründet, dass junge Amerikaner im allgemeinen keine Vorstellung haben, wie man einen Arbeitstag gestaltet.

Natürlich trifft dies nicht für alle jungen Amerikaner zu. Etwa 15% unserer Kinder haben ihre Ausbildungschancen genutzt und sind dadurch gereift. Sie haben gelernt, sich selbst in die Pflicht zu nehmen und ihr Wissen anzuwenden, um sich Ziele zu setzen und diese auch zu erreichen.

Die große Mehrheit jedoch ist ungenügend gebildet, kaum motiviert und unvorbereitet auf die rauen ökonomischen Bedingungen des 21. Jahrhunderts, denen sie sich nicht entziehen können.

Liebling, ich habe die Kinder verzogen.

Es wäre natürlich falsch, allein den Kindern die Schuld an der Misere zuzuweisen. Aber wir müssen trotzdem festhalten, dass sie es sind, die ihre Hausaufgaben nicht machen, dass sie das Arbeitsethos von Schnecken haben. Sie kommen in erster Linie in die Schule, um sich mit ihren Freunden zu treffen und die größte vorstellbare Katastrophe ist, wenn die Batterien an ihrem iPod leer sind. Sie sind es, die es für Schikane des Lehrers halten, wenn er ihnen z. B. die Frage stellt: „Warum kommst du heute wieder zu spät zum Unterricht“? Oder, schlimmer noch, wenn er ihnen übers Wochenende eine Hausaufgabe gibt. Die Schüler sind diejenigen, für die es das schlimmste Unrecht bedeutet, ihre Privatsphäre verletzt zu sehen. Sie sind es, deren Lebensziel sich auf den ersehnten Tag ausrichtet, an dem sie endlich ihr eigenes Auto bekommen. Alternativ, den Tag, an dem sie die Schule verlassen, um endlich nur noch Parties zu feiern.

Dies bedeutet keineswegs, dass unsere Kinder Geburtsfehler haben, oder dass das genetische Material, welches wir zum Schulbesuch drängen, minderwertig ist. Unsere Familien und Schulen haben in etwa die gleichen Rahmenbedingungen, wie man sie beispielsweise in Finnland, Indien und Taiwan vorfindet. Woher rühren also diese eklatanten Unterschiede?

Das Problem liegt darin, dass unsere Kinder vergnügungssüchtig erzogen sind. Sie sind Tagträumer geworden. Während der vergangenen vierzig Jahre sind unsere Jugendlichen in einer immer weiter zerbröckelnden Kultur aufgewachsen, die ihnen wenig abverlangt hat. Sie schwelgen in einer Scheinwelt sofortiger Bedürfnisbefriedigung. Sie haben keinerlei Pflichten zu Hause und ihre Eltern führen sie nicht zu Selbstdisziplin und zu selbstständigem Arbeiten. Sobald sie etwa zwölf Jahre alt, oder größer als 1,60 m sind, haben Lehrer keinerlei Autorität mehr über sie. Da Schulversagen praktisch ohne Konsequenzen bleibt, können die Jugendlichen beliebig tief sinken und hängen doch weiterhin mit ihren Freunden im Klassenverband herum.

Amerika setzt auf ein Erziehungssystem, das Spaß zur obersten Maxime erhebt. Eltern sind eifrige Verteiler von Glücksgefühlen und tun alles, um nur ja die besten Freunde ihrer Kinder zu sein. Lehrer wurden auf die Funktion des Hortleiters, ohne jedes Durchsetzungsvermögen, reduziert. Erziehung mit so niedrigem Anspruch funktioniert einfach nicht. Kinder sind nicht ausschließlich dazu geboren, Spaß zu haben. Sie verlangen und brauchen Herausforderungen und Ansprüche, um sich zu entwickeln.

Wenn jemand annimmt, dass mit dem Eintritt in das 21. Jahrhundert das „Wassermannzeitalter (*)“ begonnen und Amerika die Welt in ein erneuertes Land, „das fließt von Milch und Honig“ führen wird, der kann beruhigt weiter die Spaßwelt unserer Kinder bedienen. Wenn wir aber glauben, dass die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg eine einzigartige Periode des Wohlstands war und dass der Rest der Welt nun mit uns in aggressive Konkurrenz getreten ist, um den eigenen Anteil am Kuchen zu erhalten, dann müssen wir ernsthaft darüber nachdenken, wie unsere Kinder darauf vorzubereiten sind.

Der Elternurlaub ist vorbei

Es ist sicher ein Allgemeinplatz, dass Menschen in der Lage sind, sich an ihre Umwelt anzupassen. Unsere kulturelle Umwelt ist jedoch von Menschen gemacht und kann demzufolge auch verändert werden. Die Geschichte erzählt uns von vielen Völkern, die sich vom Niedergang wieder erhoben und ihre Größe erneut unter Beweis gestellt haben. Wir können eine Kultur und ein soziales Umfeld gestalten, in dem unsere Kinder frei aufwachsen und sich entwickeln können. Die Orte dieses Kulturwandels sind Elternhaus und Schule.

Eltern sollten ihren Urlaub vom Erzieher-Dasein schnell aufgeben. Wir können nicht länger die Erziehung unserer Kinder ihren Kumpels, den Sozialbehörden oder den Medien anvertrauen. Natürlich bedeutet es Änderungen im Verhalten der Eltern und der Erziehungsziele. Es bedeutet auch, die Augen gelegentlich von Fernseher und Golfspiel ab- und der Welt der Kinder zuzuwenden. Wir müssen uns wieder in ganz fundamentaler Weise um unsere Kinder kümmern, nach dem Motto: Ich bin für dich verantwortlich, bis du selber auf eigenen Füßen stehen kannst.

In Zeiten, als romantische und progressive Vorstellungen über die menschliche Natur noch nicht zum Maßstab der Erziehung avanciert waren, war der Begriff „Unterweisung“ der elterlichen Erziehung zugeordnet. Kinder wurden als kleine Lebewesen angesehen, die in Denken und Verhalten unterwiesen werden mussten. Diese überkommene Weisheit findet man noch in Sprichwörtern, wie: „Wie man den Zweig biegt, so neigt sich der Baum“. Im Konkreten bedeutet dies, dass Eltern vorleben, korrigieren, ermutigen und natürlich auch strafen. Dies macht verantwortliche Elternschaft aus.

Schulische Konsequenzen

Auch Schulen werden die Ausrichtung ändern müssen. Es steht außer Frage, dass den Eltern das Recht zusteht, die für ihr Kind beste Schule auszuwählen. Es wird sich allerdings kaum etwas ändern, solange der „Koloss Schulbehörde“ sich nicht durch Konkurrenz zu Verbesserungen gezwungen sieht. Doch müssen sich alle Schulen neu orientieren. Anstatt sich darum zu kümmern, was der Schüler gerade leistet, sollten sich die Schulen darauf fokussieren, was er leisten könnte. Wenn Erzieher nicht in der Lage sind zu definieren, was ein Abschlussschüler wissen sollte (ein ernstzunehmendes Curriculum) und, noch bedeutsamer, welche Reife er oder sie hat, verdienen sie nicht, sich Erzieher zu nennen. Doch reichen klare Ziele allein nicht aus. Der Lehrer muss wieder mit der notwendigen Autorität ausgestattet werden, die eine überaus wichtige Erziehungsvoraussetzung ist. Wir brauchen keine zahnlosen Lehrer oder „Jon Stewart–Möchtegerns“, die sich als Erzieher produzieren.

Wir brauchen Schulen mit einer starken Kultur, die klare Erwartungen formuliert, wie Schüler sich benehmen sollen. Dies geschieht durch verständliche Regeln und klare Konsequenzen, die notwendige Voraussetzungen für gutes Verhalten sind. Wenn Schüler sich nicht freiwillig in eine Schulkultur einfügen wollen, sollten sie in eine andere Schule versetzt werden, die eine strengere Disziplin (mit Lohn und Strafe) fordert. Wenn schließlich eine Handvoll Unbelehrbarer eine erzieherische Teufelsinsel vorziehen, dann sollen sie die bekommen. Lehrer, Direktorium und Schulträger dürfen nicht länger tatenlos zusehen, wenn undisziplinierte Störer das Lernklima einer Schule bestimmen.

Es wird deutlich, dass Amerika schwierige ökonomische Rahmenbedingungen bevorstehen. Das entspannte Lebensgefühl der achtziger und neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, das zu einem verantwortungslosen und nachgiebigen Erziehungsstil führte, muss aufgegeben werden. Wir müssen die Anhänglichkeiten der Kinder an ihre Süchte aufbrechen und sie auf neue, schwierige Bedingungen vorbereiten. Wenn wir eine Lehre aus der Geschichte ziehen können, dann diese: sie ist grausam zu den Mitgliedern einer Spaßgesellschaft.

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Kevin Ryan gründete das „ Center for the Advancement of Ethics and Character an der Boston University“, wo er als Professor lehrt. Er publizierte und verlegte 20 Bücher. Mailkontakt: kryan@bu.edu