Ehrenrunde adé, Noten passé
Die Berliner Koalition hat mit einer Änderung des Schulgesetzes die Weichen für radikale Veränderungen im Berliner Schulsystem gestellt: Das Sitzenbleiben kann von den Schulen ebenso abgeschafft werden wie das Probehalbjahr für Realschulen und Gymnasien; selbst auf Zensuren können Schulen, die es wünschen, verzichten - allerdings nur bis einschließlich der achten Klasse.
von Markus Rüther
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Berlin und Hamburg als Vorreiter umstrittener Umgestaltungen
Während ein Sprecher der Linksfraktion nicht nur auf die Kosten verwies - dem Land kosten Sitzenbleiber jährlich 50 Millionen Euro -, sondern auf empirische Untersuchungen, wonach die gesetzlich verordnete Ehrenrunde nicht zur Verbesserung der Leistungen führe, bedeutet die Gesetzesänderung nach den Worten eines bildungspolitischen Sprechers der CDU «eine ungeheuerliche Aufweichung des Schulsystems».
Etwas differenzierter sieht es der Vorsitzende der Vereinigung der Berliner Schulleiter: Auf das Sitzenbleiben zu verzichten sei nur sinnvoll, wenn gleichzeitig Mittel für die individuelle Förderung bereitgestellt würden. Dass man auf das Ziffernzeugnis verzichten könne, zeige das schwedische Schulsystem. «Allerdings haben die Schweden auf die Pisa-Schelte mit einer Wiedereinführung von Noten in unteren Jahrgangsstufen reagiert», warnt der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes Heinz-Peter Meidinger, auf Berlin wie auf Hamburg verweisend, wo nach den Plänen der schwarzgrünen Koalitionsregierung nicht nur eine sechs- bis siebenjährige Primarstufe anstelle der vierjährigen Grundschule eingeführt werden soll, sondern vorgesehen ist, die Gymnasien um weitere zwei Jahre zu verkürzen. Auch hier soll das Sitzenbleiben weitgehend abgeschaft werden.
Ideologisierung der Bildungspolitik?
«Wir erleben derzeit in Deutschland verbunden mit einer Ideologisierung der Bildungspolitik eine zunehmende Abkehr vom Leistungsprinzip. »Entmündigung der Eltern, Preisgabe der Gymnasien, Abnahme der Bildungsqualität – das befürchtet Meidinger. «Hamburger und Berliner Jugendliche werden mit ihren zukünftig entwerteten Abschlüssen erheblichen Wettbewerbsnachteil haben. Vermögende Eltern werden ihre Kinder auf teure Privatschulen schicken. Bildungsgerechtigkeit erreicht man nur über bessere Leistungsförderung von Kindern aus bildungsfernen Schichten und nicht mit einer Absenkung von Leistungsniveaus.»
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