Tom Sawyer & Co: vom Aussterben bedroht
Im folgenden geht es um das Buch „Children at Play“ von Howard P. Chudacoff. Simone Rüssel hat eine ausführliche Rezension von Francis Phillips ins Deutsche übersetzt. Der Buchautor beschäftigt sich mit dem Spielverhalten amerikanischer Kinder. Ergebnis: es gibt beängstigende Fragen darüber, wie wir unsere Kinder behandeln.
Wir kennen vielleicht alle das Sprichwort: „Arbeit allein macht nicht glücklich“ (im Englischen: „All work and no play makes Jack a dull boy“). Es bedeutet: Es muss auch Abwechslung geben, im Fall von Kindern also das Spiel. Die Frage ist jedoch: wie definieren wir „Spiel“ und warum ist es so wichtig? Der Autor des Buches „Children at Play“, Howard P. Chudacoff, ist Professor für Amerikanische Geschichte an der Brown Universität. Er hat eine interessante Studie über dieses schwer fassbare Thema geschrieben. Sie bezieht sich auf den Zeitraum von 1600 bis heute. Die untersuchten Kinder sind zwischen 6 und 12 Jahre alt, also zwischen der frühen Kindheit und dem erwachsen werden. Der Schwerpunkt liegt natürlich auf dem 20. Jahrhundert, „in dem die wichtigsten und gegensätzlichsten Entwicklungen in der Geschichte des kindlichen Spiels geschahen.“
Spielen ist alles das, was man nicht tun muss
Chudacoff zitiert zustimmend die Worte des Helden und Schlitzohres, Tom Sawyer: „Spielen ist alles das, was man nicht tun muss.“ Damit sind all die freien und spontanen (unstrukturierten) Spiele gemeint, die sich Kinder von je her ausgedacht und geliebt haben, sobald sie außerhalb der direkten Obhut der Erwachsenen waren. Laut Ilona und Peter Opie, Historiker, die sich mit Kinderspielen befasst haben, waren immer die Aktivitäten am beliebtesten, die die Erwachsenen entweder nicht verstanden oder nicht gemocht haben. Es zeigt sich, dass die Sorge der Erwachsenen über die Art und Weise wie Kinder ihre Freizeit verbringen eine lange Geschichte hat. Chudacoff widerlegt auch den Mythos von der „sorglosen Kindheit“, den einige Schriftsteller eines bestimmten Zeitalters so gern in Erinnerung rufen. Da er eine ganze Gesellschaft in die Studie einbezog und nicht nur die Welt von Christopher Robin, musste er die vielen negativen Faktoren in den Blick nehmen, die die Kindheit beeinflussen: Armut, Tod der Eltern, Krankheit, Gefangenschaft und gewalttätige Eltern.
Bei dieser Liste denkt man schnell an die Bücher von Charles Dickens – vor allem David Copperfield. Chudadoff, wie auch Dickens, erzählen von der außergewöhnlichen Fähigkeit von Kindern, aus ihren düsteren Lebensumständen zu flüchten und eine Fantasiewelt zu erschaffen, die von der realen Welt nicht eingeholt werden kann, wobei sie dafür die Freiräume nutzen, die ihnen geblieben sind, seien es Wälder und Felder oder Straßen und Parks. Er bezieht sich dabei auf viele verschiedene Quellen, wie z. B. Tagebücher von Kindern und Autobiographien. Der Autor stellt fest, dass Jungen und Mädchen selten friedlich miteinander gespielt haben, wenn es die Möglichkeit gab miteinander zu spielen. Puppen, Schlitten, Pfeil und Bogen waren lange Zeit normale Gegenstände in der Kindheit. „Spielzeug“ als extra produzierte Gegenstände für die Kleinen ist ein relativ junges Phänomen.
Historisches
Zwischen 1600 und 1800 überrascht es nicht, dass Kinder viel Zeit mit Erwachsenen verbrachten und bereits früh wichtige Aufgaben übernahmen. Das Lesen der Bibel war ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens und es wurde von den Erwachsenen erwartet, dass sie eine grundlegende Verantwortung trugen, die natürliche Entwicklung der Kinder zu unterstützen und schlechte Gewohnheiten zu regulieren. Die Lebensumstände der Kinder waren sehr unterschiedlich. In der Kolonialzeit z. B. führten die Indianerjungen ein freies Leben, wobei sie in ihrem Spiel die Fähigkeiten nachahmten, die sie später als Jäger benötigen würden; und Kinder von Sklaven hatten ein sehr hartes Leben – aber sie fanden liebevolle Ersatz-“onkel“ und „-tanten“ unter den Afro-Amerikanern.
Privilegierte weiße Kinder hatten Schaukelpferde, Puppenhäuser, Drachen, Stelzen, Reifen, Murmeln und Bausteine. Es gab keine Spielzeugindustrie als solche und die Kinder improvisierten das, was ihnen für ihr Spiel fehlte. In den Erinnerungen ist auch noch viel mehr das draußen sein enthalten – ein Wort, das für heutige Kinder und ihre besorgten Eltern eher fremd ist. Es gab den Kinder die Möglichkeit umherzuwandern, in Gruppen oder alleine, aus reiner Freude an der Freiheit, ohne sich dabei unsicher zu fühlen.
Zwischen 1800 und 1850 waren die Arbeitsplätze zunehmend vom Wohnort getrennt. Die mittlere Gesellschaftsschicht wohnte mehr und mehr in Häusern mit Keller und Dachboden, und mit separaten Schlafzimmern für Kinder. Höfe, freie Plätze und Weiden waren immer noch die Orte, an denen die Kinder aller Gesellschaftsschichten ihre Spielkultur pflegten. Ab ca. 1850 betrachtete man die Kindheit zunehmend als eine Zeit für das Spiel und nicht als eine Probezeit für das Erwachsen werden.
Zwischen 1850 und 1900 wurde es üblich, dass die Kinder in die Schule gingen. Eine ganze Schar von Erziehern fing an, die Bedürfnisse der Kindheit zu untersuchen und erkannte, dass die Kinder ein Bedürfnis nach Freiheit hatten. Ab 1880 entstanden die ersten Spielplätze in den Städten und Spielzeug wurde Massenware. Obwohl die Spielzimmer nun gefüllt waren mit Spielen, Spielzeug und Büchern, stellt Chudacoff fest, dass „Kinder das taten, was sie schon immer getan haben; sie hatten ihre eigene Spielart, bei der sie die Plätze, Dinge und Spielkameraden auf ihre eigene Weise miteinbezogen.“
Im Hinblick auf die Jahre von 1900 bis 1950 sagt der Autor Robert Paul Smith: „Ich glaube, die Behauptung stimmte, dass Erwachsene die natürlichen Feinde der Kinder sind, weil wir wissen, dass sie nur ein Ziel hatten, nämlich dass wir werden sollten wie sie.“ Spielen wurde gefördert aber nicht das Herumwandern; Turnhallen und Jugendclubs wurden für die Mädchen aus Arbeiterfamilien errichtet; es gab Parks, Kinos, Spielhallen, Süßigkeitsläden und Spielzeugmassenware, wie Monopoly und Modelleisenbahnen; in den 30er Jahren kamen die Springseilspiele auf, die vor allem von den ärmeren afro-amerikanischen Stadtbewohnern gespielt wurden. Das Syndrom der „behüteten Kinder“ war noch im Anfangsstadium. Es überrascht nicht, dass die Kinder unüberwachte Seitenwege, Höfe und freie Plätze für ihre Spiele bevorzugten. Kinderpsychologen wurden aufmerksam auf das Spielverhalten der Kinder und Walt Disney dominierte immer mehr die kulturelle Welt der Kleinen. Laut Chudacoff war das eine „goldene Zeit“ für die Kinder.
Seine letzte Zeiteinteilung, von 1950 bis heute, ist für die Leser besonders interessant. Das Aufkommen und der Einfluss des Fernsehers war – vorhersehbar - groß. Der Autor unterteilt das Spiel der Kinder in die Zeit vor Einführung des Fernsehers und danach. Das Spielzeug, für das im Fernsehen geworben wurde, revolutionierte die Spielzeugindustrie; die Marktführer und nicht mehr die Eltern entschieden nun immer öfter, welches Spielzeug die Kinder haben wollten – wie z. B. die Barbie-Puppe. Anders als frühere Puppen war die Barbie ein Abbild des glamourösen Konsumismus. Ihre Figur, Kleidung, Stil und ihre allgemeine Art der heiratsfähigen Frühreife brachten ein neues und nicht gerade unschuldiges Element ins Spiel. Chudacoff führt weiter aus, dass auch die gesellschaftliche Entwicklung ihre Schatten auf das „goldene Zeitalter“ warfen: viele verheiratete Frauen wurden berufstätig, es gab mehr Scheidungen, Alleinerziehende, sog. Schlüsselkinder und kleinere Familien – all das stand in krassem Gegensatz zu früheren Generationen.
Die Situation heute
Nun kommen wir zu den Kindern von heute und zu dem, was der Autor die „gefährdete Kindheit“ nennt. Er vertritt die Meinung, dass das kindliche Spiel „mit der Zeit ausgehöhlt wurde“ und zwar mit gefährlichen Konsequenzen. Eltern haben heute mehr Angst davor, dass ihren Kindern auf der Straße, auf dem Spielplatz und im Umgang mit Fremden etwas zustoßen könnte. Deswegen halten sie sie auf Rufweite oder im Haus, wo sie mit elektronischen Spielen spielen, Fernsehen und das Internet nutzen können, oft unüberlegt und unbeaufsichtigt. „Ab den 70er Jahren, gab eine ganze Gesellschaft, die früher kinderfreundlich und wohlhabend war, Millionen von Dollar aus für teure elektronische Spiele.“ Improvisiertes Spielzeug und das Herumstromern und Wandern, das frühere Generationen auszeichnete, gehörte nun zur Vergangenheit.
Der Druck der mittleren Gesellschaftsschicht, erfolgreiche und talentierte Kinder zu haben, wirkte sich bis in die Freizeit der Kinder am Nachmittag aus mit Musikschule, Schauspielgruppe, Karate und Tennis, so dass die Kinder immer weniger Zeit hatten herumzualbern und „nichts zu tun“. „Hubschrauber-Mütter“, die immer über den Aktivitäten der Kinder wachten und sich schuldig fühlten, wenn sie außer Haus arbeiteten, waren nicht mehr in der Lage zu ihren Kindern zu sagen: „Kümmere dich nicht um mich. Geh und spiel etwas draußen.“ Überstrukturierte Spiele, die kaum Bewegung erforderten, führten zu einer Unmenge von unsportlichen und oft übergewichtigen Kindern, deren Vorstellungskraft von einer elektronischen, fernsehgelenkten und virtuellen Wirklichkeit geprägt ist. Sie sind es nicht mehr gewohnt, von ihrer direkten Umwelt zu lernen, von spannenden Erlebnissen und Gefahren, und diese Erfahrungen umzusetzen. Was passierte mit der Welt von Tom Sawyer und Co.?
Der Autor hat auf faszinierende Weise die soziale Geschichte der letzten 400 Jahre dargestellt. Die letzten Jahrzehnte bereiten Unbehagen beim Lesen. Es wird hervorgerufen durch die vielen Artikel und Leserbriefe von Mitgliedern des Establishments, die eine Rückkehr zur Freiheit und Unschuldigkeit in der Kindheit fordern. Mit „Freiheit“ ist gemeint, dass die Kinder nicht ständig überwacht und eingeschränkt werden, damit sie sich gut entwickeln können. Es ist so wichtig wie gesunde Nahrung. Mit „Unschuldigkeit“ ist gemeint, dass die Kindheit nicht durch politische und markttechnische Kräfte ausgebeutet wird. Wir müssen den Kindern wieder mehr Raum und Zeit zum draußen Spielen geben, damit sie umherwandern können und ihre eigenen Spielsachen entdecken. Sonst wird Jack wirklich bald ein lustloser, übergewichtiger, teilnahmsloser und depressiver Junge sein.
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