Lidumino MaMiMa – SiMSen ist Kult und hat Konjunktur

Lidumino MaMiMa – SiMSen ist Kult und hat Konjunktur

Wie spontan aufwallende Gefühle auf den Punkt bringen, um andere daran teilhaben, sie Freude miterleben und in der Trauer mitleiden zu lassen? Wie die seelische Not und Verlassenheit lindern und das Alleinsein erträglicher machen? Wie den Triumph auskosten, das Glück hinausposaunen und sich im Erfolg sonnen? Wie rasch ein Date verabreden und alle zusammentrommeln? Wie um Rat fragen, wenn eine schnelle Lösung her muss? Wie eine aktuelle Losung ausgeben und allen sagen, wo’s langgeht? Die Antwort ist immer dieselbe: Die Jugend von heute simst.

Manche tun’s überall, manche heimlich, manche für die Politik. Ob die Bundeskanzlerin Angela Merkel als passionierte Simserin so schnell ist wie der 18jährige Amerikaner Ben Cook, wissen wir nicht. Cook hält im Guinness-Buch den Rekord, weil er bei einem Wettbewerb einen komplizierten Satz in 42,22 Sekunden in sein Handy eintippen konnte. Maximal 160 Zeichen stehen für eine SMS (Short Message Service) von Handy zu Handy oder auch vom Mobiltelefon zu einem Computer zur Verfügung. Längst dominiert diese Technologie weltweit den Alltag vieler Menschen. Und bei Jugendlichen ist sie das meistgenutzte Kommunikationsinstrument überhaupt. Mehr als 90 Prozent der 12- bis 19jährigen besitzen ein eigenes Handy. Durchschnittlich 3,9 Kurzmitteilungen versendet jeder Jugendliche für im Schnitt 0,19 EUR je SMS täglich. Die Hälfte des Taschengeldes verwenden Jugendliche jährlich für mobiles Kommunizieren, jeder zehnte Jugendliche ist wegen seiner intensiven Handynutzung verschuldet. Im Jahr 2004 wurden allein in Deutschland mehr als 30 Milliarden SMS verschickt, Tendenz noch immer steigend.

Vom Rauchzeichen zur Webcam

Nachrichten und Informationen aller Art haben Menschen untereinander von jeher ausgetauscht: Auge in Auge, via Rauchzeichen und Buschtrommeln, mit Hieroglyphen und durch Bilder, mit Schriftzeichen in Briefen und Texten in Büchern, auf Tonträgern, via Kabel sowie später drahtlos per Funk und Fernsehen durch den Äther übertragen. Seit den 60er Jahren sendet und empfängt jedermann und jede Frau auch mobil, mit Auto- und dann Kofferradio, Walk- und Discman, mit tragbaren Fernsehgeräten und Laptops. Mit UMTS und anderen Technologien lassen sich Adreß- und andere Dateien, Fotos, Videos und Spiele rasch transportieren, Termine simultan abstimmen sowie Fahrtrouten planen, oder man kann sich via Satellitennavigation lotsen lassen. Mit dem Messenger MSN mit weltweit schon 155 Millionen Nutzern und dem schnellen ICQ-Instant Messaging kann man live miteinander „talken“, neben Chatten im Internet auch Webcam-Konferenzen durchführen und online Spiele spielen.

Längst sind Handys nicht mehr nur nützliche und unverzichtbare „tools“ zum Alltagsmanagement und zur Koordination der persönlichen, familiären und beruflichen Infrastruktur, sondern dienen auch als modisches Accessoire der Individuation und sind zu einem wesentlichen Instrument der sozialen und personalen Identitätsbildung geworden. Das Leben und Aufwachsen in der globalen Welt verlangt Mobilität. Mit dem Handy in der Hand läßt sich in jeder Situation mit anderen eine direkte Kommunikation aufbauen, mit ihm gibt es den permanenten Zugriff auf „alle Welt“. Und damit auch den „Zwang zur Reziprozität“, zur unmittelbaren Antwort auf eine gerade empfangene Nachricht. Der Charme der permanenten Erreichbarkeit ist aber auch der Fluch, immer und allgegenwärtig zur Verfügung zu stehen und „geortet“ zu werden. Diese Kontrollmöglichkeit schmeckt nicht nur dem Pubertierenden wenig, der seinen Eltern mit den Ausreden „Akku war leer“, „im Straßenlärm nicht gehört“ oder „kein Netz gehabt“ den eigenmächtig verlängerten Discobesuch verschweigen möchte. Das „Erreichbarkeitsdilemma“ nötigt zu umständlicher und unangenehmer Rechtfertigung. Auch die Lügen eines untreuen Ehemanns auf vermeintlicher Geschäftsreise oder bei einem angeblichen Businesstermin fallen erst auf, wenn auf dem Voice-Recorder die Ansage eines ausländischen Netzbetreibers ertönt oder die Ehefrau eine nicht für ihre Augen bestimmte SMS auf seinem Handy liest und die nicht für ihre Ohren bestimmte Nachricht auf seinem Voice-Recorder abhört; der Zug zum diskreten Zweit-Handy wird deshalb bei Ehebrechern immer beliebter.

Die Jugend hat ihre eigene Sprache: SMS

Das kostengünstigere Simsen unterstützt aber vor allem das jugendliche Bedürfnis, sich sukzessive von den Eltern abzunabeln und einer verschworenen Peergroup mit spezieller Leitkultur anzuschließen. Mit der Wahl einer Handymarke, die im Trend liegt, und eines originellen Klingeltons wird auch ein ästhetisch auffälliger und kultureller Status dokumentiert. Als „Totzeiten“ empfundene Wartezeiten beispielsweise in Schulpausen oder bei der Nutzung von Verkehrsmitteln können mit sinnlich wahrnehmbaren Aktivitäten überbrückt werden; das Simsen wird für Jugendliche zur Sinn- oder Unsinnstiftenden Betätigung in verschiedenen, zum Teil parallelen Erlebniswelten.

Demgegenüber nutzen Erwachsene – vielleicht mit Ausnahme der virtuosen Kanzlerin und der simsenden Werbeindustrie mit ihren Angeboten vom Baumarkt bis zur Fluglinie – das Handy eher für das (noch) teurere Telefongespräch und scheuen den Aufwand, Nachrichten „eintippen“ zu müssen. Um mit 160 möglichen Zeichen für eine SMS auskommen zu können, benötigt die „Generation Handy“ einen Geheimcode, mit dem sich Standardempfindungen wie „bin verliebt in Dich“ (bvid) oder Wahrnehmungen wie „Pech gehabt“ (Pg) und Tatsachenmitteilungen wie „Du wirst Papa!“ (DUWIPA) oder Appelle wie „melde Dich wieder!“ (MeDiWi) sowie sorgenvolle Fragen wie „liebst Du mich noch?“ (lidumino?) in komprimierter Form übermitteln lassen. Ähnlich dem vor Jahrzehnten entwickelten Morsealphabet hat sich in der Szene ein kryptischer Code herausgebildet. Während Kulturpessimisten über den Niedergang der Sprache und eine zunehmende Entfremdung mäkeln, loben Technikfetischisten die Kreativität der Simser und deren Präzision im Ausdruck, die beispielsweise der schwülstigen Schwafelei in einem umständlich formulierten Brief vorzuziehen sei. Dem „traurigen Verlust“ des handgeschriebenen Briefes stehe der „Reiz des Augenblicks“ gegenüber, weil Gefühle in Echtzeit mitgeteilt werden könnten. Der Ausdruck von Liebe und der Wunsch nach Sex zum Beispiel brauchten nicht viele, sondern deutliche Worte. „Man hat heute eine viel breitere Medienwahl, um romantische Kommunikation zu betreiben“, meint Jannis Androutsopoulos, Sprachwissenschaftler an der Universität Hannover. „Das ist ein Gewinn gegenüber früheren Zeiten. Es ist nicht so, daß die heutigen Kommunikationsmittel die alten völlig ersetzt haben.“

Auf die Mischung kommt es an

Damit aus Medienangebot und -konsum keine ungesteuerte Abhängigkeit („Handyjunkies“) entsteht, kommt es darauf an, die entsprechenden Medien- und Technikkompetenzen als Schlüsselqualifikationen auszubilden. Schon haben „Cyber-Psychologen“ einen Selbsttest mit Warnzeichen für Handy- und Internetsucht entwickelt. Jugendlichen, die stundenlang „hinter dem Computer“ verschwinden oder mit Gameboy und Handy alleingelassen werden, wird es schwerfallen, einen bewußten Umgang mit der elektronischen Technik zu erwerben. Kindern, denen durch Vorlesen aus Büchern und Erzählen von Geschichten nie die Freude am phantasievollen Fabulieren und ästhetischen Formulieren vermittelt wurde, werden als Heranwachsende vielleicht auch nie einen originellen Liebesbrief schreiben können. Auch hier ist es das Vorbild, das zählt. Ein Märchen, eine Weihnachtsgeschichte, ein Brief von einem Freund oder nahen Verwandten und vor allem Briefe von den Eltern können ein erster Anstoß sein, es selbst zu versuchen. Und nichts kann die räumlich-physische Nähe, die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht ersetzen, um die eigene Wirkung auf andere Menschen ganz unmittelbar zu erleben; dazu ist ein „Schau mir in die Augen, Kleines!“ unerläßlich. Der richtige Medienmix ermöglicht dann die gelungene Crossmedia-Nutzung durch digitale Post: „MaMiMa“ (mail mir mal!), „Sdedg“ (schön, dass es Dich gibt!) und „SMS“ (schreib mir schnell!).

(Quelle: KOMMA)