Gemeinsam kämpfen, gemeinsam siegen
Als wir kürzlich mit unserem Sohn, der noch in den Kindergarten geht, die heilige Messe besuchten, bemerkte ich, wie er das Austeilen der Hostien mit neugierigem Ernst beobachtete; unsere Blicke trafen sich, und mein Sohn stellte eine von diesen Fragen, wie sie nur Kinder stellen können und die man nie vergisst – er fragte: «Darf ich auch Chips haben?» Auf dem Nachhauseweg habe ich versucht, die Dinge richtig zu stellen; doch wie erklärt man seinem Kind, worum es bei der Hl. Kommunion geht? Wie begründet man die lange Zeit, die noch vergehen muss, bevor er eine Hostie in Empfang nehmen darf?
von Markus Rüther
---
Spätestens hier wurde uns klar, dass es viel leichter ist, über Autos, Flugzeuge und Häuser zu sprechen als über Religion. Begeben wir uns heute in die Mitte belebter Plätze, um Passanten über diese Dinge zu befragen – welche Antworten werden wir erhalten? Werden die Antworten lustig sein? Originell? Wieviele richtige Antworten werden wir am Ende zählen? Und im Jahr 2050, wenn mein Sohn älter sein wird als ich heute: Werden dann vielleicht nicht nur die Antworten, sondern auch die Fragen fehlen?
Berlin als Vorreiter aggressiver Säkularisierungstendenzen?
Solche Überlegungen sind nicht dem Bemühen geschuldet, die Dramaturgie der Worte durch Panikmache zu steigern und Ängste zu schüren – die Fakten sind dramatisch und beängstigend genug: Obwohl der Religionsunterricht als einziges Unterrichtsfach in unserer Verfassung verankert ist, hat der Berliner Senat den verpflichtenden Status dieses Fachs vor zwei Jahren aufgehoben und einem anderen Fach zugeordnet, einer Disziplin, die sicherlich wichtig ist, aber den Religionsunterricht nicht ersetzen kann; denn das Fach Ethik umschreibt, wie schon ein kurzer Blick in den Duden bestätigt, bekenntnisneutrales Terrain.
Ein bekenntnisneutraler Unterricht kann jedoch «nur Sachinformationen über die verschiedenen Religionen geben. Das ist für einen lebendigen persönlichen Bildungsprozess in existenziellen Fragen zu wenig», heißt es in der von der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebenen Broschüre «Argumente für den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen». «Ganz anders der konfessionelle Religionsunterricht. Er muss nicht und will nicht neutral sein, sondern kann in der Begegnung mit einer bestimmten Glaubensüberzeugung und Glaubenspraxis gültige Lebensorientierung vermitteln.» Hier treffen Schüler auf Lehrer, die ihre Glaubensüberzeugung vertreten und sich dem Dialog mit den Schülern stellen. «So erwerben die Kinder und Jugendlichen nicht nur Informationen über Religion, sondern begegnen vor allem auch gläubigen Menschen. Sie können sich mit deren Ansichten auseinandersetzen und schließlich ihre eigene Überzeugung finden.»
Zeichen des Verfalls, Zeichen der Hoffnung
Seitdem Ethik als verpflichtendes Schulfach den Religionsunterricht abgelöst hat und dieser nur noch als Zusatz angeboten wird, was für die teilnehmenden Schüler nichts anderes bedeutet als «Überstunden» zu leisten, haben immer mehr Berliner Eltern ihre Kinder vom Religionsunterricht abgemeldet. «Wir verzeichnen mit der Einführung des Ethikunterrichts einen deutlichen Rückgang der Schülerzahlen», betonte eine Kirchensprecherin. Damit hat der Berliner Senat den Religionsunterricht quasi durch die Hintertür abgeschafft.
Ein Endzeitmanöver oder nur ein munterer Streich von Politikern, die am Wesentlichen vorbeiregieren? Auf jeden Fall ein Zeichen. Immerhin protestierten bereits vor dem Senatsbeschluss zahlreiche Kinder und ihre Eltern, was schließlich zur Gründung des Vereins «ProReli» führte, der nun seinen ersten Erfolg verbuchen kann: Die Initiatoren eines Volksbegehrens konnten die nötige Zahl an Unterschriften, die für ein Volksbegehren nötig sind, nachweisen. Wie WELTONLINE berichtete, hat «der Senat jetzt vier Monate Zeit, entweder ein entsprechendes Gesetz zur Wahlfreiheit des Ethik-/Religionsunterrichtes zu verabschieden oder das Volksbegehren in die nächste Phase zu führen und Unterschriftenlisten auszulegen; sieben Prozent der wahlberechtigten Berliner (rund 170.000) müssten dann beim Volksentscheid ihre Unterstützung mit einer Unterschrift dokumentieren, damit das Ziel erreicht wird: «Wahlfreiheit zwischen Ethik-, Religions- und Weltanschauungsunterricht».
Vermittlung von religiösem Grundwissen mit der Frage nach Lebensorientierung verbinden
«Religion ist ein Teil unserer Lebenswelt», heißt es in der Broschüre der Deutschen Bischofskonferenz zum Thema: «Religion prägt unsere Kultur nicht weniger als Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft.» Der freiheitliche und demokratische Rechtsstaat sei zwar religiös und weltanschaulich neutral, er identifiziere sich mit keiner Religion oder Konfession, «aber auch nicht mit dem Unglauben»! Nur im konfessionellen Religionsunterricht kann deutlich werden, «dass Religion zur Entscheidung herausfordert und dass gültige Orientierung im Leben nur vor dem Hintergrund einer begründeten Entscheidung gegeben werden kann.»
In keinem anderen Fach werden Kinder und Jugendliche als Subjekte ihres Lebens so direkt angesprochen wie im Religionsunterricht, in keinem anderen Fach werden «ihre eigenen Fragen nach einem gelingenden Leben» mit derselben Dringlichkeit gestellt, und in kaum einem anderen Fach ist ihre eigene Meinung so gefragt wie hier. Es geht nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, sondern den Schülern «einen verstehenden Zugang zum Glauben» zu eröffnen, was einen engen Praxisbezug voraussetzt, der im Ethikunterricht nicht geboten werden kann: die Bekanntmachung «mit Formen gelebten Glaubens – Gebet, Liturgie, sozialem Engagement, Gemeindeleben …». Nur in dieser Verbindung werden Schülern eigene Erfahrungen mit Glaube und Kirche ermöglicht.
Liest man diese Sätze und lässt die klare und einfache Gestalt ihrer Inhalte auf sich wirken, stellt sich die Frage, was in den letzten Jahren geschehen ist. Warum sieht sich die Deutsche Bischofskonferenz veranlasst, Argumente für den Religionsunterricht zu sammeln und als Broschüre herauszugeben? Vielleicht ist die Antwort schlichter als die Frage selbst, da doch alles nach einem längst bekannten und schon vor langer Zeit vorausgesagten Plan verläuft; am Ende hat die Glaubenswelt nichts anderes zu tun, als auf die Attacken ihrer Gegenspieler zu reagieren – der ewige Kampf. Der Plan des Gegners ist durchsichtig, und mit der Durchsichtigkeit seiner Absichten wächst die Möglichkeit entsprechender Gegenstrategien.
Der Trick der Dämonen
Der englische Schriftsteller C. S. Lewis hat es im letzten Jahrhundert so formuliert («Dienstanweisung für einen Unterteufel»):
«[Gott] verlangt Menschen, die … an ein Vorhaben sehr einfache Fragen stellen wie: Ist es gerecht? Ist es klug? Ist es möglich? – Gelingt es uns [Satan – Anm. d. Verf.] nun, die Menschen stattdessen fragen zu lassen: Ist es in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Zug unserer Zeit? Ist es fortschrittlich oder reaktionär? Bewegt sich die Geschichte in dieser Richtung? – dann werden sie die eigentlichen Fragen vernachlässigen, und die Fragen, die sie stellen, sind natürlich unbeantwortbar, denn sie kennen ja die Zukunft nicht.
Was aber die Zukunft sein wird, hängt in der Hauptsache gerade von den Entscheidungen ab, die fällen zu helfen, sie die Zukunft anrufen. Dadurch dass sie ihre Gedanken in diesem luftleeren Raum umherschwirren lassen, geben sie uns die beste Gelegenheit, uns einzumischen und sie zu der Handlungsweise zu veranlassen, die wir für sie entschieden haben. Es gab eine Zeit, da wussten sie, dass gewisse Änderungen zum Besseren, andere zum Schlimmeren führen und wieder andere gleichgültig sind. Wir haben ihnen dieses Wissen zum guten Teil geraubt.»
Und was sagen wir? Wir antworten flüsternd, aber mit Nachdruck: Haltet den Dieb!
Anmelden oder registrieren um Kommentare einzutragen | E-Mail mit Artikel-Link versenden | Druckversion

