Zur Reform der Lehrerausbildung
Unter dem vorkantisch anmutenden Titel „Mehr Praxisnähe“ durchläuft derzeit die Lehrerausbildung einen neuen Abschnitt ihrer Aushöhlung auf fachlichem wie auf didaktischem Gebiet, droht mithin der Beruf des Lehrers weiteren Schaden auch an seinem Image zu nehmen.
von Norbert Westhof
---
Führten schon die Reformierung der gymnasialen Oberstufe und des Lehramtsstudiums vor mehr als drei Jahrzehnten zu einem eklatanten Bildungsverfall unter Schülern, Studenten und Lehrenden, so potenziert sich dieser Folgezustand einer sich als human in einem wesentlich anderen Sinne verstehenden, indes antihumanistischen Schul- und Bildungspolitik seit den späten Siebzigerjahren durch deren Neuauflage in unseren Tagen unter dem Diktat des amerikanischen Modebegriffs einer ’sozialen Gerechtigkeit’, welcher aktuelle politische Maßstab guten Handelns um so weniger plausibel scheint, als die Ergebnisse hierzulande, nicht seltener denn dort, de facto eben nicht allgemeiner Wohlstand, sozialer Friede und internationale Waffenruhe heißen.
Statt dessen stirbt mit dem letzten Rest an kultureller Bildung in westlichen Kreisen auch das Sensorium für diesen Mangelzustand des allgemeinen Kulturverfalls ab, und eine Maschinerie des Rufens kommt in Gang, welche fordert, was sie verhindert, und verhindert, was sie fordert – ein Apparat, dessen paradoxale Grundstruktur Stigmata einer neuen Hybris hinterlässt, deren Protagonisten zu garantieren vermeinen, es werde schon alles gut, wenn nur alle kräftig genug in deren Horn bliesen. Wähnen diese Sozialingenieure sich ’unter sich’, geben sie einander zu erkennen, daß sie häufig genug auch selbst nicht mehr an ihr Apostolat eines Neuen Menschen glauben. Ihr Sachzwangargument nach außen gilt indes weder in diesem noch in jenem anderen Zusammenhang: Man habe keine Alternative; man müsse den Apparat aufrechterhalten.
Von allem Segen der Moderne ist so denn auch kaum noch etwas übrig- geblieben, denn der Fluch herrscht. Manische und depressive Tendenzen bestimmen eine weitgehend narzißtisch ausgerichtete Gesellschaft im ganzen sowie eine immer weiter anwachsende Anzahl einzelner Menschen. Infolge dessen mutiert eine bislang mutmaßlich seligmachende Fortschrittsideologie zum Kreislauf eines hektischen und zum Fatalismus eines „Wenn nicht so, dann gar nicht“ sowie zu auf dieser Stufe des globalen Showdowns bereits sichtbar werdenden Neuen Atavismen verpflichteten Selbstreparaturdenkens, welches die ganze Negativität von Selbstliebe und Selbsthaß auf sich vereinigt, sei es nun durch die Inkomensurabilitäten erstens eines ungesunden Lebensstils mit einer immer raffinierter werdenden Apparatemedizin, zweitens einer oftmals gar an magische Selbstbeschwörung heranreichenden psychologischen Durchstrukturierung des modernen Lebens von Sauna über Airbag zum virtuellen Cyberspace elektronischer Autonomieerklärungen unpersönlicher Individuen im ’Weltnetz’ mit der Tatsache, daß immer weniger Menschen und diese immer seltener das Gefühl haben, wirklich jemand zu sein, in ihrer jemaligen Eigentümlichkeit wirklich ernstgenommen zu werden, oder aber drittens einer Bildung für alle, welche nur auf Kosten der Bildung des einzelnen realisierbar scheint.
Fachleute wie Prof. R. Dollase (emerit.) und Dr. W. Holzapfel haben seit Jahren vor den Anzeichen zur Kernentleerung und Fragmentarisierung des Lehrberufs durch Maßnahmen der Reformierung der Lehrerausbildung in Vorträgen, öffentlichen Anhörungen sowie mit Beiträgen zu Presse, Funk und Fernsehen gewarnt. Ihre Beiträge sind im Rahmen des Modellzwangs einer demokratischen Gesellschaft gehört worden, die alle Wege gehen können will, weil sie ’richtige’ nicht mehr kennt.
Das konstruktivistische Dilemma einer selbstreferentiellen Anthropogenese des modernen wie des postmodernen Menschen steht heute aber an einer Schwelle, die deutlicher nicht offenbaren könnte, was es heißt, ohne Gott leben zu wollen: Was die Erde zusammenhält, ist die Komplementarität von Himmel und Erde. Mit der Thesaurierung von natürlichem Liebesempfinden und Verantwortungsgewissen durch anthropozentrischen Freiheitswahn und Herrschaftskult scheint jene existentielle Matrix eines spirituellen, geschöpflichen Wesens ihre Konturen, der Zeichner Mensch seine Landkarte verloren zu haben, mithin sein Gedächtnis sowie seine Identität.
Bildungspolitik, so klein ihr produktiver Anteil an einer Rekultivierung dieses Gedächtnisses und dieser Identität auf den ersten Blick denn zu sein scheint, stellt indes die äußeren Weichen für eine Umkehr des Menschen zu Gott.
- Vor allem die sprachlichen Fächer, hier allen voran das Fach Deutsch sowie die klassischen Sprachen: Latein, Griechisch und Hebräisch, aber auch die Fächer Geschichte, Religion und Philosophie müssen im Stundenplan enorm aufgewertet werden, weil ihre Inhalte den geistigen Kit einer herkunftsstarken und wahrhaft diskursfähigen Gesellschaft darstellen.
- Es muß wieder verpflichtend werden, daß jeder Lehrer sich mit sol- chen Wissensgebieten mehr oder weniger intensiv beschäftigt hat und darin nach besten Kräften und Gelegenheit auskennt.
- Es darf nicht länger ’kompetenzorientiert’, wie der Mogelbegriff heißt, unterrichtet und dadurch Faktenwissen materialiter wie prozeduraliter verhindert werden; entsprechend darf die Ausbildung der Lehrer nicht auf jenes, im Falle jahrgangshöherer Schulklassen mit- unter angebrachte, sonst aber weitgehend kontraproduktive didaktische Paradigma fokussiert oder gar eingeschränkt werden.
Wissensbasierter Unterricht dient der Erinnerungsfähigkeit. Diese ist von größter Bedeutung für die kognitive als auch für die soziale Entwicklung des Individuums, somit für die Gesellschaft insgesamt. Wie oft erinnern wir uns an einmal Erlerntes, wenngleich seinerzeit vielleicht noch Un- verstandenes, und erleben, daß wir nun in der Lage sind, zu verstehen, weil wir auf Inhalte zurückgreifen können, deren trockene Aneignung uns in fortgeschrittenem Alter und bei zunehmender Auslastung des beruflichen wie privaten Alltagslebens nur mit größter Mühe möglich wäre?
Die Kanonisierung von ’Wissen’, welche auf dem Wege der individuellen wie sozialen Memorierung und lebensbiographischen wie kultursoziologischen Habitualisierung – denn Wissen ist bekanntlich mehr als der ’Inhalt’ von Kognition – zu erreichen ist, trägt wesentlich zur Identitätsbildung einer komplexen Gesellschaft bei, ohne daß diese dadurch ihre innere Differenziertheit aufzugeben hätte. Mit einer Habitualisierung der – an sich begrüßenswerten – Diskursfähigkeit allein schaffen wir den Unfrieden unter den Menschen aber nicht ab, weil im Strudel dieser Soziogenese ein solches Individuum brillieren soll, daß vor allem alles ’anerkennen’ können soll. Diese schrankenlose Toleranz gilt als Ausweis hoher Sozialkompetenz und wird ineins als Nachweis einer angeblichen Omnipotenz nach dem Kompetenzmodell verstanden. Statt daß sich jemand auskennt, erkennt und be- kennt, hat ein jeder vor allem und bald sicher einzig und allein anzuerkennen. Wer aber alles anerkennt, fühlt sich alsbald auch zur Beliebigkeit vollends berechtigt.
Jenen Mythos aus den Siebzigerjahren, denjenigen des Verlusts an Handlungsspielraum durch die Wahrung von Traditionen, sollten wir im 21. Jahrhundert überwunden haben können. So muß denn auch eine Bildungspolitik, welche modern genannt zu werden beanspruchen darf, sich von jenem heute reaktionären und auch seinerzeit bloß scheinbar revolutionären Grundsatz abstoßen, Hergebrachtes sei Überholtes resp. zu Überholendes, und zur Erkenntnis durchringen, daß wer seine Herkunft verweigert, auch keine Zukunft hat.
Die Lehrerausbildung muß da wieder anknüpfen, wo sie nach 1968 abgebrochen wurde; nicht weniger denn die Schulentwicklungspläne sowie die Richtlinien für den Unterricht und die Erziehung, soweit diese in der Schule stattfinden kann und darf. Was wir an Neuem hinzulernen durften während- dessen, dieses Wenige, hat einen zu hohen Preis gefordert. Gleichwohl dürfen wir auch dieses nicht ’vergessen’, sondern müssen zu einer maßvollen und wechselseitig befruchtenden Einheit von Tun und Denken gelangen – vielleicht nach dem Grundsatz Fausts in Goethes gleichnamiger Tragödie (V. 682 f.):
„Was du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen.“
Es gab in den späten Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts Anlaß, diesen Grundsatz außer acht zu lassen. Diese Zeit ist vorbei. Die Lehren dieser GENERATION 68 sind überholt. Es ist höchste Zeit, das Goethewort wieder ernstzunehmen, um die Trümmer der Moderne zu entsorgen und die Schätze zu heben.
---
Link zur WebSite des Autors> www.westhof.org
Anmelden oder registrieren um Kommentare einzutragen | E-Mail mit Artikel-Link versenden | Druckversion

