Reflexionen über das Leben in einer liberalen Gesellschaft (3)

Die Familie ist der Ort, wo die Werte wachsen, die für ein geordnetes Miteinander der Bürger entscheidend sind - Dieser Vortrag wurde auf der Internationalen Konferenz der "Home Renaissance Foundation" (London März 2011) von Sergio Belardinelli, Soziologie-Professor an der Universität von Bologna, gehalten. Zweiter Teil des Vortrags ...

von Sergio Belardinelli - aus dem Englischen übertragen von Horst Niederehe
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Die “traditionelle Familie” ist eine unersetzliche Ressource - Hier werden Beziehungsfähigkeit und Sozialisation eingeübt

Im Folgenden möchte ich aufzeigen, dass die Familie heute eine veritable Ressource, einen sozialen und individuellen Aktivposten allerhöchsten Ranges für die Gesellschaft darstellt.

Ich bin mir natürlich wohl bewusst, dass in jüngster Zeit eine Reihe von Verantwortlichkeiten den sozialen Instituten - dazu zähle ich auch die Familie- abgenommen und Individuen übertragen wurden, und dass es nun diese Individuen sind, auf die Risiken und Chancen unserer Gesellschaft bezogen werden. Aber diese individualistisch geprägte Lebensorganisation berücksichtigt in keiner Weise die Beziehungsbedürfnisse der Menschen, insbesondere derer, die sich um ihre Familien und da besonders um ihre Kinder kümmern wollen. Dies steht ganz im Gegensatz zu dem von Individualisten jeglicher Couleur häufig zitierten Spruch: „Niemand ist eine Insel“. Nur die Familie umfasst die anthropologische Bedeutung des Menschen ganzheitlich. Würde man die Bedeutung von Beziehungen und Familienbindung missachten, verkäme der Mensch zu einem abstrakten, hypothetischen, entnaturalisierten Wesen, einem Individuum, das nie in der Wirklichkeit leben könnte. Die liberalistische Kultur und ihre Institutionen müssen deshalb revitalisiert werden, um die Wichtigkeit der Familie hervorheben zu können und darauf hin zu weisen, dass die Familie der eigentliche und grundlegende Gesichtspunkt der Gesellschaft ist.

Der Grund, warum die Familie einen Aktivposten allerhöchsten Ranges für die Gesellschaft darstellt, ist ihre Fähigkeit, Vertrauen zu bilden

Eine pluralistische und liberale Gesellschaft kann keinesfalls allein auf Basis von Verträgen überleben. Verträge stehen natürlich für Unabhängigkeit und Freiheit; was man ebenso gut über Gesetze sagen kann, die nicht mehr von einer höheren Macht Legitimität erhalten, sondern durch Diskussion und Abstimmung zwischen den Beteiligten.

Man darf jedoch nicht vergessen, dass eine Grundvoraussetzung für vertragliche Bindungen darin besteht, dass die Parteien Vertrauen zueinander haben. Das Vertrauen ist ein besonderer Geist, der dem Partner Verlässlichkeit „zutraut“, ebenso wie ein Gespür für das Allgemeinwohl, für Toleranz, Verantwortungsbewusstsein und gegenseitiges Verstehen. Vertrauen lässt sich jedoch nicht durch Verträge produzieren, es wird in der Familie grundgelegt und wächst im langsamen Prozess der Sozialisation auch in Kindergarten, Schule und in den weiterführenden Bildungseinrichtungen mit ihren Sozialkontakten.

In diesem Sinn und unabhängig von allen Schwierigkeiten, denen sich die Familie heute ausgesetzt sieht, ist sie nach wie vor der unübertroffene Trainingsort, wo Kinder von den ersten Lebenstagen an lernen, mit anderen umzugehen, Konflikte zu bewältigen, unterschiedlichen Interessen und Gesichtspunkten zu begegnen und so von Anfang an zu verstehen, dass man Toleranz üben und sich mit anderen einigen muss, um Einheit und Liebe entstehen zu lassen, und das Gefühl, in einer Welt zu leben, die aller Probleme zum Trotz, dennoch liebenswerte Heimat für alle Menschen ist. Nur in der Familie entsteht die Beziehungsfähigkeit, das Bewusstsein dafür, dass die anderen Menschen einen wichtigen und fundamentalen Anteil am eigenen persönlichen Sein und an unserer Freiheit haben.

Ihre Fähigkeit, Vertrauen zu bilden, Vertrauen in die Welt und in das Leben sind die Gründe, warum die Familie einen Aktivposten allerhöchsten Ranges für die Gesellschaft darstellt.

Interesse am Leben bewahren

In einer lesenswerten Passage ihres Buches: "The Human Condition schreibt Hannah Arendt:

Das Wunder, das die Welt, den Gestaltungsraum menschlichen Schaffens, vor der „natürlichen“ Zerstörung bewahrt, liegt in der Tatsache der Geburt begründet, in der die Fähigkeit zur Aktion ontologisch wurzelt. Mit anderen Worten: Die Geburt eines Menschen und der damit verbundene Neubeginn löst neue Wirkungen aus, einfach auf Grund der Tatsache der Geburt. Nur das völlige Ausschöpfen dieser Fähigkeit wird dem menschlichen Tun Glauben und Hoffnung schenken, die beiden essenziellen Tugenden menschlichen Lebens, die die alten Griechen ganz und gar verachteten. [...] Es ist dieser Glaube an, und die Hoffnung für die Welt, die ihren wohl herrlichsten und ebenso prägnantesten Ausdruck in den Worten der Verkündigung der frohen Botschaft findet: „Ein Kind ist uns geboren.“ (Arendt 1958).

Jeder neue Erdenbürger ist Zeichen der Hoffnung und des Glaubens an die Welt und an das Leben; ein Zeichen dafür, dass trotz des Gespürs für die eigene Hinfälligkeit, wie auch die der Gesellschaft, etwas Neues immer wieder möglich ist, und mit ihm einhergehend die Freiheit und die Chance, etwas zu beginnen, was sonst nie begonnen worden wäre. Doch wenn dies wahr ist, ist es auch nötig, dem sogenannten „demografischen Winter“ mehr Aufmerksamkeit zu widmen, der viel gravierender ist, als nur ein weiteres soziales Problem. Er ist vielmehr eine wirkliche Tragödie, die sich negativ auf ein ganzes Spektrum gesellschaftlicher Aspekte auswirkt. Damit meine ich, dass die Geburtenraten gegen Null tendieren und eine Umkehr der Alterspyramide im Gange ist, (mit vielen Großeltern und wenig Enkeln, statt vielen Enkeln und wenig Großeltern), was bereits heute beträchtliche Auswirkungen auf die sozialen Netze hat und künftig noch verstärkt spürbar wird, (worauf ich später noch eingehen werde). Doch die schwerwiegendste Bedeutung ist eine Andere: es ist vor Allem die gefährliche Lethargie, die nach und nach die Herzen erfasst und die weit verbreitete Indifferenz gegenüber den Chancen von Erneuerung und Freiheit, unsere schlecht bemäntelte, bedrückende Komplizenschaft mit dem Tod.

Wenn es wahr ist, dass wir in einer komplexen Gesellschaft leben, einer Gesellschaft, deren gewachsene Werte heute zerstört sind, einschließlich der Familie und dem natürlichen Wunsch nach Kindern, so sollte doch der Zuwachs an Freiheit und die Möglichkeit, beliebige Lebensvorstellungen zu wählen, nicht damit bezahlt werden, dass die Lust am Leben erstirbt, da so paradoxerweise unsere Freiheit geschwächt wird; wir werden immer egozentrischer, fühlen uns zunehmend alleine und sind deshalb leicht in der Gefahr, ausgenutzt zu werden. Wenn in der Vergangenheit unsere Freiheit manchmal von einem Zuviel an sozialen Kontakten beeinträchtigt war, so leidet sie heute oft an einem Mangel derselben, da viele Menschen es immer schwerer finden, gute Beziehungen mit ihren Mitmenschen zu etablieren.

Generationenübergreifende Beziehungen

Hier wird wieder einmal, deutlich, was unbestritten eine der wichtigsten sozialen Funktionen von Familien mit Kindern und der Arbeit, die sie leisten, darstellt: die Fähigkeit nämlich, Bewusstsein für die Bedürfnisse anderer Menschen zu bilden und so das Gemeinwohl der Gesellschaft zu fördern.

Man hört heutzutage häufig Klagen über eine Gesellschaft, die immer mehr den Bezug zu ihrer eigenen Tradition und auch den Glauben an die Zukunft verliert. Besonders Jugendlichen ist oft der Gedanke fremd, sich als Glied in der Generationenfolge zu sehen und so fehlt ihnen auch das Verständnis für die Bedeutung der „Weitergabe des Lebens“. Was immer die Gründe hierfür sein mögen, die wohl mit Individualismus, Narzissmus und der Fragmentierung zu tun haben, die unsere Gesellschaft durchdringen, eines ist sicher: die Familie ist in der Lage, einen Raum für die Bewahrung der Bedeutung von Weitergabe des Lebens zu bieten. Vereinfacht könnte man sagen, dass es für jemanden, der isoliert lebt, schwer fällt, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen.

Jemandem, der isoliert lebt, fällt es schwer, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen

Das Leben mit Anderen im gemeinsamen Zuhause, das Teilen von Besitz und von Emotionen, stärkt die Beziehung mit Nachbarn, Freunden und Bekannten und befähigt den Menschen, sich als unabhängiges Individuum zu emanzipieren. Die spezifische Identität einer Person hängt von ihrer Fähigkeit ab, die eigene, unverwechselbare Persönlichkeit auszudrücken, die eigene Geschichte, mit der sie in andere Geschichten eingebunden wird. Mit den treffenden und geschliffenen Worten von Alasdair MacIntyre könnten wir auch sagen, dass die Epik eines jeden Lebens Teil einer Serie verbundener Erzählungen ist (MacIntyre 1984), ohne die unsere persönliche Geschichte autistisch, unwirklich, vergänglich, eine losgelöste Episode ohne Belang wäre.

Unser individualistisch geprägtes Zeitalter scheint den Sinn des Lebens aus dem Auge verloren zu haben, doch die schier endlosen Stammbäume, die uns die Bibel vorlegt, verdeutlichen, dass auch unsere Identitäten in der Generationsfolge wurzeln. Unsere Wurzeln zu vergessen, macht uns allerdings weder unabhängiger noch freier, und gerade junge Leute sind sich dessen wohl bewusst. Sie wuchsen vielfach in einem Umfeld auf, das historisch (und deshalb auch ethisch) neutral ist, oft ohne Geschwister, mit Eltern, die sich selbst verloren vorkommen und die, wie ihre Kinder, verzweifelt nach ihren Wurzeln suchen. Auch aus diesem Grund, so bin ich überzeugt, beginnt sich heute wieder ein Gespür für die Notwendigkeit der Familie durchzusetzen; sodass die Familie mit Kindern, ja mit vielen Kindern, nicht mehr als Zeichen kultureller Rückwärtsgewandtheit, sondern vielmehr als eine Art Statussymbol in der kollektiven Vorstellung wahrgenommen wird.

Sobald eine Familie die generationsübergreifenden Bindungen stärkt, erfüllt sie eine weitere, wichtige soziale Funktion: sie trägt dazu bei, die Tradition der Gesellschaft zu bewahren. Nach einer langen Periode der Verdächtigungen und Anfeindungen gewinnt das Bewusstsein für Traditionen zu recht wieder eine gewisse Anerkennung in der westlichen Kultur. Wir verstehen besser, dass diese Rückbesinnung wenig oder gar nichts mit dem sogen. „Traditionalismus“ zu tun hat, sondern mit Erinnerung, Identität und Hoffnung für die Zukunft einer Gesellschaft. In einer schönen Passage aus den 1930er Jahren, schrieb der portugiesische Autor Fernando Pessoa, dass er „einer Generation angehört, die allen Respekt vor der Vergangenheit ebenso verloren hat, wie allen Glauben an und alle Hoffnung auf die Zukunft“, und dass er deshalb „die Gegenwart mit der Gier und dem Angstgefühl eines Menschen erlebt, der kein anderes Zuhause hat“. (Pessoa, 2002). Man muss jedoch anerkennen, dass mit dem wachsenden Angstgefühl auch ein neues Bewusstsein gewachsen ist, ein Bewusstsein dafür, dass wir gut daran täten unsere familiären Bindungen zwischen den Generationen wieder neu zu knüpfen.

Auf diese Weise gewinnen wir ein neues Bewusstsein für unsere individuelle Realität. Die Familie besinnt sich auf die Vergangenheit (Großeltern) und plant auf die Zukunft (Enkel). Und genau dort liegt der Sinn der Tradition. Er liegt nicht, wie einige meinen, in einer narzisstischen Verklärung der Vergangenheit, sondern vielmehr im Bewusstsein, dass der Horizont in unserem Leben nicht mit unserem Tod endet. Die Menschheitsgeschichte endet nicht mit uns, es gab sie schon vor uns und sie wird nach uns weitergehen: Genau das beschreibt Tradition. Wir sind keine abgekapselten Mini-Welten für uns selbst, sondern offene Welten, eingebunden in Gemeinschaften, die uns, ein Wort, was in gewisser Weise auch die Vorfahren und die künftigen Kinder einschließt, tragen.