Reflexionen über das Leben in einer liberalen Gesellschaft

Die Familie ist der Ort, wo die Werte wachsen, die für ein geordnetes Miteinander der Bürger entscheidend sind - Dieser Vortrag wurde auf der Internationalen Konferenz der "Home Renaissance Foundation" (London März 2011) von Sergio Belardinelli, Soziologie-Professor an der Universität von Bologna, gehalten.

von Sergio Belardinelli - aus dem Englischen übertragen von Horst Niederehe
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Man hat mich gebeten, über ein ebenso sensibles, wie komplexes Thema zu sprechen: über den Einfluss des Zuhauses auf die soziale Dynamik. Die Organisatoren der Konferenz haben die Frage gestellt: Wieso sind das Zuhause und die Hausarbeit entscheidende Faktoren für das Funktionieren und die Entwicklung der Gesellschaft?

Diese Frage ist in meinen Augen paradox. Sie unterstellt zu Recht, dass Zuhause und Hausarbeit entscheidende Faktoren für die Gesellschaft bedeuten, was wohl auch von der Mehrheit der Männer und Frauen in der westlichen Welt so gesehen wird. Das Paradoxe hierbei ist jedoch, dass die politischen Gegebenheiten dem nicht Rechnung tragen. Arbeit im Haushalt wird als minderwertig angesehen. Und doch beginnt die Einsicht zu wachsen, dass ein großer Teil der Ressourcen einer Gesellschaft von der Familie und ihrem Zuhause abhängen; obwohl viele Menschen mit Hausarbeit solche Aufgaben, wie Kochen, Saubermachen, Abwasch und Betten machen assoziieren, was nicht zuletzt durch die vorherrschende Kultur, die Haushalt und Familie als rein private Angelegenheit deklarieren möchte, begünstigt wird.

Es steht nichts weniger auf dem Spiel, als das Wohlergehen der ganzen Gesellschaft, ihr Funktionieren und ihre Entwicklung. Mit anderen Worten: Es ist wesentlich, die soziale Subjektivität der Familie anzuerkennen, die Tatsache nämlich, dass die Familie zum Einen in der Tat durch ihre private Sphäre, zum Anderen aber dadurch charakterisiert ist, dass in ihr fundamentale ethische Werte herausgebildet werden. Werte, die letzten Endes grundlegend für das Leben in einem geordneten Staatswesen sind. Hier denke ich an Vertrauen, Respekt, Verantwortungsbewusstsein und die Sorge für das Allgemeinwohl, auf die ich später noch eingehen werde. Dies anzuerkennen würde eine radikale Abkehr vom Subjektivismus bedeuten, der unsere Kultur und unsere Wohlfahrtssysteme bestimmt. Dies sehe ich als Grund, warum man das Paradox am liebsten ignoriert, oder sich nicht traut, es zu lösen.

Mangelnde Wertschätzung des Zuhause, ein Fehler, den schon die alten Griechen machten

Ich provoziere natürlich ein wenig, wenn ich behaupte, dass das öffentliche Desinteresse am heimischen Herd, an der Bedeutung tragfähiger Familienbeziehungen für das Gemeinwohl sich bis in das antike Griechenland zurückverfolgen lässt, wo der oìkos, die häusliche Gemeinschaft, der Ort der Frau, der Kinder und der Sklaven war. Das wahre Leben fand außerhalb des oìkos statt: in der agorà oder in der Akademie, also im politischen oder im philosophischen Raum.

Wir müssen Familie und Arbeit besser miteinander versöhnen. Familie braucht Zeit; Arbeit braucht Zeit.

Interessanterweise spiegelt die Entwicklung unserer Gesellschaft in den letzten 30 bis 40 Jahren die geringe Wertschätzung wieder, die die alten Griechen der Familie entgegen brachten. Das Spannungsfeld zwischen Familie und Arbeitswelt wird auch erkennbar am Druck, den Frauen erfahren, Arbeit zu suchen, als ob wahre Selbstverwirklichung nur außerhalb des Zuhause zu finden sei.

Die Familien des sogenannten Mittelstandes, die sich mit fortschreitender Industrialisierung bildeten, waren geprägt durch klare Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Der Mann arbeitete außerhalb des Hauses, um den Lebensunterhalt zu verdienen, die Frau blieb zu Hause, um Haushalt und Kinder zu versorgen. Solche Familien litten oft an der rollenbedingten Unausgewogenheit zwischen Mann und Frau, doch wurde immerhin die soziale und symbolische Bedeutung der Hausfrauenarbeit, insbesondere im Bezug auf die Erziehung der Kinder anerkannt.

Mit der wachsenden Überzeugung jedoch, dass sich der Mensch nur in der Arbeitswelt vollends selbst verwirklichen könne, fand sich immer weniger Zeit für die Anforderungen des Haushalts. Familie und Arbeitswelt bilden dann zwei gegensätzliche Bereiche, die miteinander konkurrieren. Dies beeinträchtigt zweifellos die Versorgung von Haushalt und Kindern, benachteiligt aber auch Gesellschaft und innerfamiliäre Beziehungen ganz erheblich. Hier denkt man einerseits an die Überalterung der Bevölkerung, die in ganz Europa dramatisch ist und andererseits an die wachsende Unzufriedenheit vieler Männer und Frauen, die eigentlich gern mehr Kinder in die Welt setzen würden, doch fürchten, kaum Zeit zu finden, sich um sie kümmern zu können.

Ich möchte mich nicht über die zahllosen Studien verbreiten, die bis heute zu diesem beunruhigenden und komplexen Phänomen veröffentlicht wurden. Anmerken möchte ich nur, dass es hier und heute nötig ist, die Familie aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, der unter besonderer Berücksichtigung ihrer Unabhängigkeit eine Perspektive für das Arbeits- wie das Sozial-Umfeld bietet. Mit anderen Worten: es geht darum, Arbeitswelt und Familie wieder miteinander zu versöhnen, die Zeit für den Job mit der Widmung für die Familie in Einklang zu bringen und sich darüber klar zu werden, dass die Zeit, die wir unserer Familie widmen, dem Wohl der Gesellschaft zugute kommt. Damit komme ich zur Beantwortung der mir gestellten Frage.

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wird fortgesetzt