Wer ist eigentlich der Experte?
Hat schon einmal ein Journalist einen Epidemiologen gefragt, ob der Papst recht haben könnte, dass Kondome ungeeignet sind, die AIDS-Epidemie in Afrika zu bekämpfen? Wir haben es getan!
von Jokin de Irala - Interview mit > Mercatornet - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Papst Benedikt XVI. hat zu Anfang vergangener Woche einen Flächenbrand kontroverser Diskussionen ausgelöst. Auf seinem Flug nach Kamerun, wo er nach seiner Ankunft von einer begeisterten Menge begrüßt wurde, gab er eine Pressekonferenz. Ein französischer Journalist befragte ihn zur AIDS-Epidemie in Afrika.
Der Papst sagte dazu nur einen halben Satz, doch war der Widerhall in der westlichen Presse geradezu explosiv: „Diese Geißel kann nicht durch die Verteilung von Kondomen eingedämmt werden; ganz im Gegenteil, man läuft Gefahr, das Problem zu verschlimmern“.
Statt nun auf den Zug der Entrüstung aufzuspringen und betroffen die Ignoranz des Papstes zu verurteilen, möchte MercatorNet mit der Suche nach Evidenz-basierter Ethik zur Meinungsbildung beitragen. Wir befragten ausgewiesene Experten über Strategien zur AIDS-Vorsorge. Hier die Antwort von Dr. Jokin de Irala, einem spanischen Epidemiologen.
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MercatorNet: Der Papst sagte: „Diese Geißel kann nicht durch die Verteilung von Kondomen eingedämmt werden“. Können Sie diese Aussage bestätigen, oder ist der Papst zu weit von der Realität des täglichen Lebens abgehoben?
Jokin de Irala: Die Aussage ist absolut richtig; jeder Gesundheitsfachmann, der die epidemiologischen Daten kennt, weiß, dass bisher keine HIV-Epidemie irgendwo auf der Welt allein mit Programmen der Promotion und Verteilung von Kondomen eingegrenzt werden konnte. Erfolge durch Rückgang der Infektionsraten bei HIV konnten nur dort verzeichnet werden, wo die Schlüsselelemente „Enthaltsamkeit“ und „Treue“ in einen Dreiklang, dessen drittes Element der Gebrauch von Kondomen ist, implementiert wurden. Mit anderen Worten, nur solche Programme sind erfolgreich, die Jugendlichen ernsthaft anempfehlen, mit sexuellen Aktivitäten zu warten und monogam zu leben, also einander treu zu sein.
MercatorNet: Der Papst sagte des Weiteren: „man läuft Gefahr, das Problem zu verschlimmern, wenn AIDS-Vorsorge sich auf Verteilung von Kondomen beschränkt“. Kann man das wirklich so sagen?
Jokin de Irala: Die Aussage reflektiert den Kenntnisstand der Volksgesundheitsfürsorge und der Epidemiologie. Programme, die auf Prävention durch Kondome setzen, senden die falsche Botschaft an die Bevölkerung und speziell an die Jugendlichen. Die Botschaft lautet: egal, welchen sexuellen Praktiken man anhängt, alles ist absolut sicher und ohne jegliches Risiko; man muss nur Kondome benutzen. Dies ist einfach falsch. Eines der Ergebnisse des Vertrauens in die Wirksamkeit von Kondomen ist Risiko-Kompensation. Wenn Leute sich durch ein Kondom 100% sicher fühlen, werden gern größere Risiken eingegangen.
Wenn junge Leute, die bisher keinen Sex hatten, damit beginnen, und nach und nach immer mehr Partner haben, ist dies die beste Voraussetzung, die Epidemie anzuheizen. Risiko-Kompensation ist in der wissenschaftlichen Literatur klar beschrieben. Kondome reduzieren, eliminieren aber das Risiko nicht, das wäre die wichtige und eigentliche Botschaft. Wir haben repräsentative Gruppen von Jugendlichen auf den Philippinen, in El Salvador und nun auch in Spanien untersucht. In jeder dieser Gruppen haben die Jugendlichen, die an die 100%-ige Sicherheit von Kondomen glauben, früher sexuelle Kontakte. Risiko-Kompensation ist deshalb ein Tatbestand.
MercatorNet: Es wird oft behauptet, der wichtigste Faktor bei der AIDS-Bekämpfung in Afrika sei die Reduktion der Anzahl der Sexualpartner. Weshalb wird Monogamie empfohlen? Ist Monogamie nicht eine zu harte Forderung für Afrikaner? Findet man in Afrika nicht eine größere Verbreitung sexueller Freizügigkeit?
Jokin de Irala: Monogamie ist, nach christlichem Verständnis, Treue zum Partner. Jeder Mensch kann treu sein. Treue ist wesensnotwendig für eine wahre Liebesbeziehung, denn alle Menschen wurden aus Liebe und für die Liebe geschaffen.
Viele Afrikaner haben uns im Westen sehr deutlich gemacht, dass sie die Empfehlungen für Treue in der Partnerschaft nicht nur verstehen und wertschätzen, sondern auch, dass sie willens sind, diesen Empfehlungen in der breiten Öffentlichkeit Gewicht zu verleihen und so beitragen zu können, an vielen Orten der Weiterverbreitung von HIV Einhalt zu gebieten. In diesem Zusammenhang kann der Westen einiges von den Afrikanern lernen. In den USA planen wir die Herausgabe eines Buches mit dem Titel: Avoiding AIDS, Affirming Love: What the West Can Learn From Africa. (Vermeidung von AIDS, Stärkung der Liebe: Was der Westen von Afrika lernen kann.)
MercatorNet: In Ihrer Argumentation betonen Sie die Notwendigkeit von Treue und Enthaltsamkeit. Haben Sie in den vergangenen Jahren wissenschaftliche Unterstützung für Ihre Empfehlungen gefunden? Gibt es weitere Experten, die Zweifel an der Propaganda für Kondome geäußert haben?
Jokin de Irala: Epidemiologische Hinweise gibt es in der Tat immer mehr, so viele, dass sogar UNAIDS begonnen hat, statistische Daten zum Alter des ersten sexuellen Kontakts und zur Anzahl der Sexualpartner zu erheben, um festzustellen, ob die Präventionsprogramme in den verschiedenen Ländern wirksam sind. Wie bereits ausgeführt, konnte bislang keine Epidemie ohne Reduktion der Anzahl der Sexualpartner eingegrenzt werden. Viele Wissenschaftler haben in der Tat genau das gesagt, was der Papst jetzt ausdrückt. Der Papst steht also auf besserem wissenschaftlichen Grund, als viele seiner Kritiker.
MercatorNet: Aber sind nicht Programme, die zur Änderung von Verhaltensweisen und Treue ermuntern, in Umgebungen, wo vielfach Armut, Aufruhr und Unsicherheit herrschen, zum Scheitern verurteilt?
Jokin de Irala: Sie sind es nicht. Es gibt viele Erfolgsgeschichten aus Gebieten, wo Armut verbreitet ist.
MercatorNet: Fördern die Katholische Kirche und andere Glaubensgemeinschaften, Ihrer Meinung nach, den Kampf gegen AIDS im südlichen Afrika, oder behindern sie ihn eher?
Jokin de Irala: Die Katholische Kirche empfiehlt seit vielen Jahrhunderten sexuelle Enthaltsamkeit vor, und Treue in der Ehe. Die Kirche hat zweifelsohne große Erfahrung bei diesem Thema. Da nun auch immer mehr wissenschaftlich fundierte Belege die Wirksamkeit von Enthaltsamkeit und Treue beim Kampf gegen HIV bestätigen, sollte man die Kirche unterstützen, anstatt sie dafür zu kritisieren, dass sie den Gebrauch von Kondomen nicht empfiehlt. Die Kirche verbreitet die Botschaft von der wahren Liebe auf der ganzen Welt und man sollte nicht vergessen, dass die Kirche eine positive Sicht der Sexualität propagiert, die wirkliche Liebe, Erfüllung und Glück mit sich bringt.
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Dr. Jokin de Irala ist stellvertretender Direktor der Abteilung für Präventive Medizin und Volksgesundheit an der Universität von Navarra, Spanien. Er ist „Master of Public Health“ und promovierte in Medizin, Biostatistik und Epidemiologie.
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