Fluchtpunkt Parallelschule

Fluchtpunkt Parallelschule

Deutschland erlebt einen Nachhilfe-Boom; bereits jeder dritte bis vierte Schüler kommt nicht ohne Nachhilfe durch seine Schulzeit, und es sieht so aus, als habe sich «neben dem öffentlichen Schulwesen ein privates etabliert, das Eltern mit dem entsprechenden Einkommen zusätzlich in Anspruch nehmen» (bildungsklick.de). Zwar gehört der Nachhilfeunterricht schon seit dem 19.Jahrhundert zur Schulrealität, doch das Thema wirft gerade angesichts stetig sich ändernder Umstände viele Fragen auf, die in der erziehungswissenschaftlichen Forschung bisher kaum beachtet wurden.

von Markus Rüther
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Nachhilfeunterricht im Wandel der Zeiten

Vom Bildungsministerium, das in diesen Tagen die Ergebnisse eines wissenschaftlichen Gutachtens präsentierte, über diverse Verbände und Fakultäten bis zum TÜV Rheinland – eine ganze Armee von Akteuren (Politiker, Bildungsforscher, Hochschulprofessoren) ist dem Phänomen auf der Spur. Ergebnis: Ratlosigkeit.
Halten wir uns an die Fakten:

  • Neben Lehrern, Studenten und Schülern gibt es inzwischen den so genannten professionellen Nachhilfemarkt mit rund 3000 Nachhilfeschulen. Umsatz: bis zu 1,2 Milliarden Euro jährlich;

  • Seit einiger Zeit testet der TÜV Rheinland die Seriosität und Qualität privater Nachhilfeschulen und vergibt Qualitätssiegel. Stand 2007: jede zehnte Schule hat das Siegel;
  • Nachhilfe wird hauptsächlich in den Fächern Mathematik, Englisch und Deutsch erteilt;
  • Kinder und Jugendliche einkommensstarker Schichten nehmen häufiger Nachhilfe als andere;
  • Während früher die Nachhilfe dazu diente, eine Versetzung oder den Übergang zu einer weiterführenden Schule zu garantieren (Soforthilfe), erfüllt der Nachhilfelehrer heute eher die Funktion eines Coachs (langfristige Erfolgsorientierung): Vorbereitung auf Klassenarbeiten, Ausgleich von Wissenslücken, Verbesserung der Noten.

Wenn es aber, wie die Ergebnisse der Untersuchungen bestätigen, eher um die Verbesserung der individuellen Ausgangsbedingungen im Wettlauf um Lehrstelle oder Studienplatz geht, muss die Frage erlaubt sein, ob es nicht Aufgabe des öffentlichen Schulwesens sein sollte, Nachhilfe in dieser Form verzichtbar zu machen, zumal die ohnehin schon benachteiligten Kinder einkommensschwacher Eltern, die diese Hilfe nicht in Anspruch nehmen können, noch weiter ins Abseits gedrängt werden.

«Nachhilfelehrer schöpfen Lern- und Entwicklungspotenziale besser aus»

Durchschnittlich braucht inzwischen jeder zweite Gymnasiast Privatunterricht. Was geht im öffentlichen Schulwesen schief? Eine Studie zur «Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Nachhilfeunterricht» kommt zu dem überraschenden Ergebnis, dass ein Großteil der befragten Schüler im Vergleich zur jeweiligen Fachlehrkraft in der Schule den Nachhilfelehrkräften weitaus höhere Kernkompetenzen zuweist: d. h. didaktische, Sach-, Diagnose- und Klassenführungskompetenz. Mehr noch: «Der betreffenden Fachlehrkraft sprechen fast ein Drittel der Befragten diese Kompetenzen entweder teilweise oder sogar vollständig ab!» (bildungsklick.de).

Kein Wunder, dass die Wissenschaftler dieser Studie positive Folgen des Nachhilfeunterrichts nachweisen konnten, Stichwortkette: zensurenmäßig abbildbare Leistungsverbesserung – Entwicklung der Fähigkeit zu selbständigem Lernen (Vermittlung von Lernkompetenzen) – Verbesserung von Disziplin und Vergrößerung des Lernwillens – Steigerung von Interesse und Selbstbewusstsein – Abbau von Leistungsangst.
«Viele Schüler seien durch den Nachhilfeunterricht mehr vom eigenen Können im Fach und in der Schule insgesamt überzeugt», heißt es abschließend.

Den Befragten falle das Lernen leichter und sie trauen sich nun auch zu, mit höheren Anforderungen zurechtzukommen. Endloser Applaus? Stehende Ovationen? Offensichtlich, denn die Front der Kritiker bröckelt. Die Leute haben sich mit der Parallelwelt arrangiert, und beinahe ein ganzes Land ruft nach Zugaben …

Bei so viel Beifall wagt man dann auch gar nicht mehr zu fragen, wie wir das öffentliche Schulwesen so organisieren können (wollen?), dass private Nachhilfe zum absoluten Ausnahmefall wird, weil sich das System sonst selbst in Frage stellt. Aber wir wollen keine Spielverderber sein ... die Musik spielt …