Heute Nachhilfe – morgen Doping?

Heute Nachhilfe – morgen Doping?

Wie wir vor kurzem berichteten, hat sich neben dem öffentlichen Schulwesen ein privater Sektor etabliert, der von den Eltern jährlich mit bis zu 3 Milliarden Euro finanziert wird. Bei dieser Summe denkt man zuerst an Düsenflugzeuge oder an Privatschulen mit Parkanlagen, doch gemeint ist der gegen Entgelt erteilte zusätzliche Unterricht, die Nachhilfe. Während ursprünglich der Nachhilfeunterricht dazu diente, schwache Schüler zu fördern, um die Versetzung zu garantieren (Soforthilfe), geht es heute eher um dauerhafte Hilfe oder um langfristige Erfolgsorientierung (Coaching).

von Markus Rüther
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Über eine Million Nachhilfeschüler

Ein Drittel aller Nachhilfeschüler ist nicht versetzungsgefährdet; der Zusatzunterricht dient hier zur Vorbereitung auf Klassenarbeiten, dem Ausgleich von Wissenslücken sowie überhaupt der Verbesserung der Noten. Diesen Schülern (Eltern!) geht es im Grunde nur darum, die Ausgangslage im Karrierewettlauf zu optimieren. Die meisten Schüler jedoch, die Nachhilfe in Anspruch nehmen, sind dem Schulpensum nicht mehr gewachsen; sie benötigen professionelle Unterstützung, für die ihre Eltern viel Geld zahlen. Wie die FAZ auf ihrem Online-Portal kürzlich berichtete, holt sich fast jeder zweite Schüler irgendwann auf dem Weg zum Abitur-, Real- oder Hauptschulabschluss fachmännische Unterstützung. Stellt sich das öffentliche Schulsystem nicht selbst in Frage, wenn Nachhilfe in dieser Form unverzichtbar wird? Warum können die Schulen keine professionelle Hilfe leisten? Und werden die ohnehin schon benachteiligten Kinder einkommensschwacher Schichten, die den Zusatzunterricht nicht finanzieren können, damit nicht noch weiter ins Abseits gedrängt?

Nachhilfe wird zum Normalfall

Bislang haben sich bereits 3000 Nachhilfeschulen in unserem Land zu einer Parallelwelt gruppiert, die einen eigenständigen, auf Boom programmierten Wirtschaftszweig bildet: Nachhilfe als ständiger Begleiter, um den normalen schulischen Anforderungen gerecht zu werden. Wenn das inzwischen als Normalfall gilt, wie sieht dann der Ausnahmefall aus? Wo sind die Ursachen für das Phänomen zu finden? Suchen wir überhaupt? Typisch für Entwicklungen, die mit dem Absurden kooperieren, ist eine Konstellation, in der so viele Missstände miteinander konkurrieren, dass sich in dem Bemühen, das Bündel des Übels zu entwirren und die eigentlichen Ursachen aufzuspüren, Orientierungslosigkeit einstellt. Hier die Missstände:

  • Wachsender Leistungs- und Konkurrenzdruck. Außerdem muss seit Einführung des achtstufigen Gymnasiums der gleiche Stoff in kürzerer Zeit vermittel werden;
  • Pädagogische Defizite bei Lehrern: abnehmende didaktische, Sach-, Diagnose- und Klassenführungskompetenz.
  • Charakterliche Defizite bei Lehrern und Eltern. Liberale, beschönigende und daher in die Irre führende Konzepte in der Erziehung – Verlust an Autorität;
  • Wertediffusion.

Die aufgelisteten Mängel sind mehr oder weniger miteinander verquickt, der zuletzt genannte umreißt aber sicherlich einen Kernpunkt, mit dem wir uns gründlich auseinandersetzen müssen, denn wo es keine verlässlichen Werte gibt, geht Orientierung verloren. Und wo Orientierung fehlt, können keine Lösungen erarbeitet werden. Jede Diskussion kreist dann um einen toten Punkt. Es ist ja auch interessant, auf welcher Ebene die Medien sich mit den Missständen auseinandersetzen. Der Ton, mit dem die Redakteure das Dilemma beleuchten, ist derselbe Ton, mit dem sie über das Wetter oder die neue Frisur von Boris Becker berichten. Melodie: Alles egal. Refrain: Hauptsache neu.

Sandra Maischberger im Olympia-Kommentar: «Seele ist Kitsch»

In einer Welt, in der die Geistlosigkeit zum Lebensprinzip erhoben wird und Moderatoren, wie jüngst im ersten deutschen Fernsehen geschehen, den Begriff Seele als veraltet und kitschig deklarieren, stimmen die Koordinaten der Wirklichkeit nicht mehr: alles Lebendige und Seelische erscheint in unserer Kultur wie entwurzelt, Zahlen (Noten) sind wichtiger als Inhalte (Wissen). Leben findet an der Oberfläche statt. Hier hat nur das einen Wert, was gezählt, gewogen und gemessen werden kann. Warum drängen immer mehr Eltern ihre Kinder zu Bestnoten? Weshalb gelten Kinder, die für das Gymnasium nicht geeignet sind, weniger als andere? Haben wir unseren moralischen Kompass verloren? Und: Wo sind die Ursachen für die Ursachen zu suchen? Fragen für einen Artikel, der noch geschrieben werden muss …