70 Freunde

70 Freunde

Der enorme Wandel des Medienangebots ist das Kennzeichen der letzten zehn Jahre, in denen die von Computern erzeugte Realität einen Kulturschock ausgelöst hat, dessen stärkste Bewegungen zu einer Kette von Erschütterungen führten: Presse, Funk und Fernsehen sind inzwischen «multimediale Realitäten», ihre Inhalte können überall und auf den unterschiedlichsten Endgeräten abgerufen werden, Kommunikation findet auf einer Vielzahl von Ebenen statt, das Ausmaß der Relationen ist hyperinflationär, und die Welt des Internets hat die Wirklichkeit mit einer solchen Dominanz durchdrungen, dass unter der jüngeren Generation Menschen heranreifen, für die der Gedanke einer Welt ohne Internet befremdlicher ist als ein Internet ohne Welt.

von Markus Rüther
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Medienkompetenz ist die Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts

Fehlentwicklungen in Schule und Familie werden häufig in Zusammenhang mit der Mediennutzung diskutiert; der Umgang mit Medien ist ein Thema von ungebrochener Aktualität. Untersuchungen, die das Verhalten Heranwachsender spiegeln, sind daher von vitalem Interesse für unsere Gesellschaft. Die in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung initiierte Studienreihe > «Jugend, Information, (Multi-) Media» (JIM), berichtet regelmäßig über aktuelle Entwicklungen des Medienumgangs junger Menschen in Deutschland und ist inzwischen zu einem Standardwerk geworden. Die Studie enthält Informationen zu Fragen der Medienbindung, zum Stellenwert von Fernseher, Radio, Computer und Internet sowie des Mobiltelefons; sie beleuchtet die alltäglichen Nutzungsgewohnheiten und untersucht problematische Aspekte der Mediennutzung: Datentransfer im Internet, Tausch von gewalthaltigen oder pornografischen Bildern per Handy, das Verhalten von Jugendlichen in Chatrooms und Communities. In der jüngsten, nun vorliegenden JIM-Studie, wurden folgende Schwerpunkte gewählt, von denen der zweite im Zentrum dieses Artikels stehen soll:

  • Konvergente Nutzung (Verwendung unterschiedlicher Geräte für die verschiedenen Medientätigkeiten);
  • Nutzung von Online-Communities (wie bspw. «schülerVZ» oder «Lokalisten»).

Insgesamt sieben Millionen Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren

Das übergroße Medienangebot und die Häufigkeit der Verwendung gipfeln heutzutage bereits in der Frage, «inwieweit die Kommunikation der Jugendlichen untereinander noch real oder schon medienvermittelt virtuell abläuft.» Immerhin geben 91 % der Jugendlichen an, dass sie sich mindestens mehrmals pro Woche tatsächlich von Angesicht zu Angesicht mit ihren Freunden treffen und dass der persönliche Kontakt die wichtigste Möglichkeit der Kontaktpflege zu Freunden ist. Der virtuelle Kontakt im Netz (Instant Messenger, Chat oder Online-Communities) liegt derzeit bei 71 %, und nur 5 % der Befragten sind der Auffassung, das Internet sei die wichtigste Kontaktmöglichkeit. Doch die Zahlen täuschen.

Internetznutzer verbringen pro Tag 120 Minuten im Netz (Hauptschüler: 154, Realschüler: 124, Gymnasiasten 107). Neben der Nutzung von Suchmaschinen stehen folgende Kommunikationsmöglichkeiten im Vordergrund: «73 Prozent nutzen regelmäßig (mindestens mehrmals pro Woche) den Instant Messenger und Online-Communities (57 %), E-Mails (49 %) oder Chats (29 %).» Diese Zahlen ergänzen die Angaben der Jugendlichen, die gebeten werden, die Zeit, die sie im Netz verbringen, Rubriken zuzuordnen: Kommunikation, Spiele, Information und Unterhaltung. «So entfällt die eine Hälfte der Onlinenutzung auf Kommunikation, die andere Hälfte verteilt sich annähernd gleich auf die anderen drei Bereiche.» Entsprechend dieser von zwei Seiten bestätigten Gewichtung sind es im Schnitt täglich also etwa 60 Minuten, die der Online-Kommunikation vorbehalten sind.

Analyse

Wenn aber 91 % der Jugendlichen angeben, dass der persönliche Kontakt die wichtigste Möglichkeit der Kontaktpflege zu Freunden ist und nur 5 % der Befragten der Auffassung sind, das Internet sei die wichtigste Kontaktmöglichkeit: Wieviel Zeit müssten dann, sofern Handeln und Meinung in Zusammenhang stehen, die Jugendlichen an realer Zeit pro Tag miteinander verbringen, wenn berücksichtigt wird, dass sie ja virtuell schon eine Stunde pro Tag verbunden sind? Drei oder vier Stunden? Und wenn es denn tatsächlich drei Stunden wären, die sie außerhalb der Schule miteinander verbringen würden, hätte dann die virtuelle Stunde noch einen Sinn? Wie andere Untersuchungen bestätigen, wird die Zeit, die wir vor dem Bildschirm verbringen, häufig falsch eingeschätzt: einer Stunde subjektiv bewerteter Zeit stehen dann bisweilen zwei oder drei Stunden Realzeit gegenüber. Doch selbst wenn die Zahlen stimmen sollten, warum ist es dann, wie die JIM-Studie ebenfalls belegt, ausgerechnet das Internet, auf das Jugendliche nicht mehr verzichten wollen?

Online-Communities

Nach der Wikipedia-Definition ist eine Online-Community eine Netzgemeinschaft, «eine Sonderform der Gemeinschaft von Menschen, die einander via Internet begegnen und sich dort austauschen.» In der Phase der Abkoppelung vom Elternhaus müssen sich junge Menschen «neu definieren, positionieren und ausprobieren» (JIM-Studie): das Internet bietet hier Spielräume, «wie sie noch keiner Generation vorher zur Verfügung standen. Durch die Vernetzungsmöglichkeiten erweitert sich der persönliche Aktionsrahmen kolossal, er ist nicht mehr nur auf die Klassenstufen der eigenen Schule oder des Sportvereins begrenzt, sondern erlaubt jahrgangs-, schul- oder ortsübergreifend nach interessanten Personen Ausschau zu halten und mit einem relativ hohen Vorwissen auf diese zuzugehen … Das Stöbern in Profilen macht nicht nur viel Spaß, es erleichtert auch den Zugang zu neuen Freunden. Und dabei geht es den Jugendlichen dann vor allem um Authentizität – die potenziell vorhandene Möglichkeit, eine andere Identität anzunehmen oder das eigene Aussehen auszublenden, stößt nur verhalten auf Zustimmung.»

Nach den Erhebungen der JIM-Studie haben fast drei Viertel der Befragten Erfahrungen mit Communities gemacht, 41 % besuchen diese Plattformen täglich, weitere 16 % mehrmals pro Woche. Unter den täglichen Nutzern bewegt sich die Hälfte mehrmals am Tag in der Community. Die bekannteste und am häufigsten genutzte Online-Community ist «schülerVZ». 45 % haben dieses Angebot schon einmal besucht. Es folgen mit großem Abstand «studiVZ» (12 %), «MySpace» (10 %), «ICQ» (7 %) sowie eine Vielzahl weiterer Angebote.

Fremde oder Freunde

Als Hauptgrund für die Nutzung von Online-Communities wurde das Thema Freunde «in all seinen Facetten» genannt:

  • Freunde (wieder) finden;
  • neue Freunde kennen lernen;
  • mit Freunden in Kontakt bleiben.

Austausch und Kontaktaufnahme findet auch auf der bildlichen Ebene statt. Die Autoren der JIM-Studie weisen in diesem Zusammenhang auf die Verletzung von Persönlichkeitsrechten hin: «So bestätigen knapp 40 %, dass Fotos ohne ihr Wissen online gestellt wurden. Etwa jeder Fünfte kann von Streitigkeiten und Ärger im Freundeskreis berichten. Fast genauso vielen ist es schon passiert, dass fehlerhafte oder beleidigende Angaben einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Und besonders sorgenvoll muss es stimmen, wenn ein Viertel berichtet, dass im Freundeskreis schon einmal jemand von Mobbing in einer Community betroffen war.»

Drei Viertel der Internetnutzer haben persönliche Informationen ins Netz gestellt. Auf die Frage, welcher Personenkreis Zugang zu diesen Daten habe, geben 61 % an, dass nur «Freunde» diese Informationen einsehen können. «Allerdings stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage nach der Definition von Freunden», betonen die Autoren der JIM-Studie. Fast sämtliche Jugendliche geben an, dass es sich hierbei um Freunde handelt, die sie «richtig» und nicht aus dem Internet kennen würden, auf der anderen Seite hatten Nutzer von Online-Communities, wie eine Zusatzbefragung ergab, im Schnitt etwas mehr als 70 Freunde, Mädchen sogar um die 90 - «eine erstaunliche Zahl. Es dürfte sich also eher um Bekannte oder Freunde von Freunden handeln und weniger um engere Beziehungen, wie sie der Ausdruck Freund eigentlich impliziert».

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Thomas Rathgeb, Autor der JIM-Studie, wurde von der ZEIT gefragt, ob die Studie etwas darüber aussage, inwieweit sich die Eltern einmischen. Rathgeb: «Wir haben danach gefragt, ob es zu Hause Regeln für die Nutzung des Computers gibt. Nur eine Minderheit (2 %) der Jugendlichen sagt, sie hätte häufiger Probleme mit den Eltern. Für 70 % ist dies jedoch nie ein Streitthema. Nur in einem Viertel der Familien setzten die Eltern überhaupt Regeln fest. Grundsätzlich konnten wir feststellen, dass es umso seltener Regeln gab, je älter die Kinder wurden.»

ZEITONLINE: «Und wie beraten Eltern ihre Kinder, die sich in den sozialen Netzwerken präsentieren?

Rathgeb: «Da Erwachsene die Communities nicht nutzen [und auch nicht nutzen können, da nur Jugendliche auf Empfehlung freigeschaltet werden – Anm. des Verf.], wissen sie dort oft erst recht nicht, was ihre Kinder tun.»

Interessant.