Neue Medien, neue Kultur. Wie Mobiltelefon und Internet Beziehungen und Bildung bestimmen
Ich beschäftige mich seit Jahren mit den Neuen Medien und ihrem Einfluss auf Sprache, Beziehungskultur und Meinungsbildung. Ich glaube, dabei einige Probleme identifiziert zu haben, die für die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, Folgen zeitigen.
von Josef Bordat
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Schülerinnen und Schüler nutzen die Neuen Medien in Beziehungs- und Bildungskontexten. Damit ist die kritische Auseinandersetzung mit Mobiltelefon und Internet ein relevantes Thema für die Pädagogik, für die beide Aspekte wichtig sind: Die ganzheitliche Bildung von Menschen zu mündigen Persönlichkeiten und die sozialen Beziehungen von Kindern und Jugendlichen als Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung.
Ausgangspunkte
Mediennutzung und Beziehungskultur sind eng miteinander verwobene Komponenten des Sozialverhaltens von Schülerinnen und Schülern. Sie beeinflussen das Lernen und den Umgang der Kinder und Jugendlichen mit Gleichaltrigen sowie Eltern, Lehrern und Erziehern.
1. Kommunikation wird heute vornehmlich über Neue Medien (Mobiltelefon, Internet) gestaltet. Dies betrifft vor allem Menschen unter 25, die in Kindergarten, Schule und Universität ausgebildet werden und damit die Zielgruppe der Pädagogik im engeren Sinne darstellen. Diese Generation ist mit dem PC groß geworden („Generation C64“) und nutzt Neue Medien nicht als Ergänzung zu „alten Medien“ (Zeitung, Radio, TV), sondern als Medien schlechthin. Der Ausstattungsgrad mit Mobiltelefon und/oder Internetzugang liegt in dieser Generation nahezu bei 100 Prozent.
2. Die Neuen Medien führen zu einer neuen Beziehungskultur. Kinder und Jugendliche chatten mit Menschen in Australien, sie schauen sich die Familienfotos eines kenianischen Internet-Bekannten in einer der vielen „social communities“ an, sie schreiben Kommentare in einem koreanischen Blog – und wenn sie ihren Nachbarn treffen, dann grüßen sie ihn nicht.
3. Die Qualität der Beziehungen ändert sich. Kurze Befindlichkeitsmeldung via „Twitter“ oder in den „social communities“ ersetzen die problemorientierte persönliche Kommunikation.
So ließe sich die Beziehungskultur vieler Schülerinnen und Schüler polemisch zuspitzen. Dass sich daraus Probleme ergeben, liegt auf der Hand.
Probleme für die Beziehungen
Die Neuen Medien bestimmen die Art und den Umfang von Beziehung, auch in der „realen Welt“, in die sie durch die Mobilität der Nutzungsmöglichkeit hineinragen.
1. Der Augustiner-Chorherr Alipius Müller, einer der herausragenden katholischen Blogger (ehemals: „Rom, Römer, am Römsten“, neuerdings: „Klosterneuburger Marginalien“) analysiert treffend die weit über die Verarmung des zwischenmenschlichen Kontakts hinausgehenden Folgen dieser verkümmerten Form sozialer Interaktion: „Wer im Zeitalter schneller und weltweiter Kommunikation sich hauptsächlich in Nachrichten von 140 Zeichen austauscht [...] und nicht in längerer Textform Gedanken-Gerüste aufbaut, verkommt zu einem Meister der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne, der erzwungenen Zusammenhänge und der löchrigen Schlußfolgerungen. So werden weitere Generationen von Konsumenten herangezüchtet, die vielleicht nicht jeden Gedanken teilen wollen, sich komischerweise aber dazu berufen fühlen, jede Meinung mitzuteilen und – schlimmer – jeder daherkommenden Meinung anhängen können.“ Wo die SMS oder der Twitter-Tweet an die Stelle einer detaillierten Auseinandersetzung treten, entstehen in der Tat nicht nur sozialpsychologische Probleme auf der Beziehungsebene, sondern handfeste Schwierigkeiten für die Bildung von Kindern und Jugendlichen zu mündigen Bürgern. Letztlich erwächst daraus ein Problem für die Demokratie.
2. Doch zurück zum zwischenmenschlichen Miteinander. Dieses ist nicht nur durch die neue Kommunikationsform bestimmt, sondern auch durch die Mobilität. Man ist heute immer erreichbar. Damit ist man immer auch teilweise nicht da. Nicht erreichbar für die Situation, in der man de facto gerade ist. Man lebt nicht „im Augenblick“. Aufmerksamkeit und Konzentration (nicht nur in Bezug auf Beziehungen zu Personen, sondern auch zu Sachzusammenhängen) sind nur sehr begrenzt vorhanden. Das Dilemma von partieller An- und Abwesenheit, von der Trennung des körperlichen Hier und des seelischen Dort offenbart sich. Beziehungen werden oberflächlicher und fragmentarischer, weil eine Begegnung nicht mehr beendet wird, wenn sie „gesättigt“ ist, sondern wenn sie durch neue Kommunikationsmöglichkeiten unterbrochen wird (so etwa in Chats oder bei Anrufen auf dem Mobiltelefon, die „selbstverständlich“ Priorität haben). Am Ende steht die Schizophrenie fragmentarischer Raum- und Zeiterfahrung. Die Diskrepanz zwischen physischer und psychischer Anwesenheit ist häufig Ursache für fehlende Zufriedenheit mit realen Beziehungen, weil der Andere nur durch den Schleier des Telefon-Klingelns und der potentiell gegebenen anderen Kommunikationsmöglichkeit in Chats bruchstückhaft wahrgenommen wird. Man ist nicht bei sich, auch nicht bei dem, der vor einem steht, sondern man wartet stets auf die andere Option.
3. Daraus resultiert eine allgemeine Unverbindlichkeit. Die Angst, Optionen zu verpassen, führt zur Bindungsschwäche und verhindert Beziehungstiefe. Man will sich nicht festlegen, man will flexibel sein und offen bleiben. Durch die permanente Erreichbarkeit ist es zudem konkret möglich, immer und überall Pläne zu ändern. Die Technik verstärkt damit den Trend zur Unverbindlichkeit. Denn wenn es so ist, dass jederzeit doch noch alles geändert werden kann (teilweise ist es schon im Vorhinein so angelegt – „Wir telefonieren vorher noch mal.“), welche Motive hat man dann noch für Verbindlichkeit und Verlässlichkeit? Ein Versprechen muss man halten. Soweit ein Grundsatz abendländischer Ethik, eine Kardinaltugend. Heute muss man nur dafür sorgen, dass das Mobiltelefon betriebsbereit ist.
Diese Probleme determinieren die Beziehungen und limitieren ihre Qualität. Doch die Neuen Medien sind auch hinsichtlich der Tätigkeit von Schülerinnen und Schülern ambivalent: Lernen geht nur scheinbar leichter.
Probleme für die Bildung
Schule muss die Neuen Medien einbinden und tut dies ja auch schon seit Jahren. Daran geht kein Weg vorbei. Doch unproblematisch ist ihr Einsatz nicht.
1. Das große epistemologische Problem der Neuen Medien scheint mir darin zu bestehen, dass nicht mehr zwischen Information und Wissen bzw. zwischen Wissen und Wahrheit unterschieden wird. All diese unterschiedlichen Modi menschlicher Orientierung in Welt und Wirklichkeit werden im Konzept des Datums zusammengezurrt. Daten speichern, was es zu wissen gibt und was wahr ist – extra datum nulla veritas. Sie und nur sie sind Träger dessen, was ist. Was sich nicht als Datum ausdrücken lässt, etwa religiöse Erfahrung, kann in diesem Denken nicht nur unmöglich in mehr als rein subjektivem Sinne „wahr“ sein, es kann überhaupt nicht sein. Die Neuen Medien perpetuieren damit einen naturalistischen Zugang zur Welt, der Wahrheit an sinnliche Erfahrbarkeit bindet und die Sinnfrage – wenn sie denn schon gestellt werden muss – im Rahmen dieser Wahrheit beantwortet. Damit laufen sie tendentiell dem Konzept ganzheitlicher Persönlichkeitsbildung zuwider.
2. Ein weiteres methodologisches Problem ergibt sich aus der (scheinbar) leichten Verfügbarkeit dieser Daten. Man sucht, man findet. Das hat man früher auch (etwa in der Bibliothek), aber man war sich stets darüber im Klaren, dass das Finden nur der notwendige, keineswegs aber der hinreichende Schritt auf dem Weg darstellt, etwas über eine Sache zu erfahren, weil man wusste, dass Information interpretiert werden muss, um Wissen zu bilden. Der Weg beginnt mit dem Fund, er endet nicht dort. Heute ist das anders: „Es steht bei Wikipedia!“ – Ende der Diskussion.
Hinzu kommt die Mogelpackung „Freiheitszuwachs“. Das Internet (etwa „Wikipedia“) ist insoweit demokratischer als die Print-Medien (etwa der „Brockhaus“), als im Netz jeder zu allem eine Meinung äußern darf und diese dann sehr leicht publizieren kann, es weist aber ähnliche expertokratische Strukturen auf wie die „reale Welt“, ohne dass dabei jedoch klar wäre, worauf sich das Expertentum stützt. Bei Wikipedia ist es die Masse. Das ist aber ein sehr problematisches Kriterium. Das Prinzip „Irgendjemand wird etwaige Fehler schon korrigieren.“ funktioniert nur, wenn man Werturteilsfreiheit unterstellt (also im Paradigma des Naturalismus denkt) und „Interessen“ (Habermas) weitgehend ausschließt. Bei vielen Themen gibt es jedoch diese „Neutralität“ nicht (es gibt Wissenschaftsphilosophen bzw. –soziologen, die sogar meinen, diese Neutralität gäbe es nie). Dort muss man unterschiedliche Meinungen sorgfältig zusammentragen und bewerten und dabei eigene „Interessen“ deutlich machen. Das ist möglich, wenn ein Klima des Dialogs herrscht.
3. Das führt mich zum allergrößten, dem stilistischen Problem, also der Art und Weise, wie Diskussionen im Internet geführt werden. Wir wissen aus der umfangreichen militärpsychologischen Forschung im Zusammenhang mit „moderner Kriegsführung“, dass es wesentlich „leichter“ ist, über einer Stadt, deren Bewohner man nicht sieht, einen Bombenteppich abzuwerfen, durchaus im Bewusstsein der Tatsache, dass man damit Tausende tötet, als einen einzelnen Menschen zu töten, dem man dabei in die Augen blickt (man kennt das aus vielen Schlusseinstellungen im „Tatort“ – der Mörder, der eine weitere Person bedroht, lässt weinend die Waffe sinken: Er kann nicht schießen.). Man könnte sagen, dass die Hemmschwelle, einem Menschen zu schaden, mit dem räumlichen Abstand sinkt, den man von ihm hält. In der Anonymität des World Wide Web lässt es sich quasi folgenlos beleidigen, mit Unterstellungen arbeiten, Dampf ablassen (Wo ist der eigentlich vor 1990 gelandet? Gingen die zur Anzeige gebrachten Beleidigungen im realen Leben zurück?). Wie es dem Anderen dabei geht, scheint egal, da der Andere gerade nicht mehr als der Andere, der Gesprächspartner, das Gegenüber angesehen wird, sondern als ebenso anonymer „User“. Das „Du“ verschwindet und wird zum „Es“ – ganz schlechte Voraussetzungen für einen echten Dialog, der nicht nur der eigenen Profilierung, sondern der Sache dient. Damit verändert das Internet nicht nur unsere Problembewältigungsstrategien (Lasset uns „googlen“!), unsere Sprache („CU 2morrow!“), sondern auch unsere Fähigkeit, auf den Anderen als Partner in derselben Angelegenheit einzugehen.
Der Stil der Auseinandersetzung in Beziehungen verändert sich – nicht nur virtuell. Der Ton wird schroffer. Bildung droht von der Ausprägung kritischer Persönlichkeiten zur Züchtung von Reproduzenten unhinterfragt übernommener Online-Daten abzurutschen. Wissensvermittlung qua Internet befördert fragmentarische Ansätze, nicht ganzheitliche.
Konsequenzen
Aus der Tatsache, dass Neue Medien nicht zu ersetzen sind sowie aus den Problemen, die sich aus deren Einsatz für Beziehungen und Bildung ergeben, erwachsen Konsequenzen für eine pädagogische Praxis, die sich nicht im Vermitteln von Lerninhalten erschöpft, sondern der es um die Beziehungen zum Lernenden und der Lernenden untereinander geht, also um eine „Pädagogik in Beziehungen“, die ganzheitlich Persönlichkeiten formen will.
1. Fest steht: Es gibt nicht weniger, sondern andere Beziehungen. Was heute virtuell erprobt wird, bestimmt morgen die Realität des Miteinanders. Deswegen ist der soziale Habitus im virtuellen Raum genauso ernst zu nehmen wie das Verhalten in der Schulklasse. Dazu gehören sowohl negative Formen (etwa Gewaltsprache oder „cyber mobbing“), als auch positive Erscheinungen wie virtuelle Lerngruppen.
2. Die Veränderungen der Beziehungskultur müssen wahrgenommen und angesprochen werden. Die Schülerinnen und Schüler müssen zur Reflexion über eigene Verhaltensweisen angeregt und befähigt werden. Die positiven Möglichkeiten der Unbegrenztheit von Kommunikation und Interaktion sollten fokussiert werden, etwa der Beitrag des Internet zu einer globalen Beziehungskultur, in der neue interkulturelle und -religiöse Kontakte Verständnis, Versöhnung und Frieden fördern – mit positiven Rückwirkungen auf die „reale Welt“. Aber auch das Negative – Suchtpotential, Oberflächlichkeit, Zerrissenheit – ist als Aspekt der Nutzung Neuer Medien zu problematisieren.
3. Für das Thema Kommunikation in der Schule sowie für die dort praktizierte Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern muss gelten: Zurück zu den Wurzeln. Kommunikation kommt von communio – Gemeinschaft. Eine fragmentarische, aggressive Kommunikation läuft also ihrer eigentlichen Bedeutung zuwider.
Kommunikation als gemeinschaftsbildendes Phänomen ist eng mit Religion und Kirche verbunden. Tatsächlich besteht in der Art, wie wir miteinander kommunizieren, eine ganz besondere Herausforderung nicht nur für die Pädagogik, sondern auch für die Pastoral. Franz-Josef Overbeck, Bischof der Diözese Essen, und als 1964er Jahrgang ohne Berührungsängste gegenüber modernen Kommunikationsmitteln, hat die diesbezügliche Ambivalenz der Neuen Medien erkannt und mahnt: „Zu den Menschen zu gehen bedeutet nicht, alles mitzumachen, was Menschen heute umtreibt. In diesem Sinne gehört die Entdeckung der Langsamkeit und des Suchens von Ruhe und Stille zu den Aufgaben der Kirche. Deshalb gilt: Was von Bedeutung ist, das braucht einen besonderen Ort, eine besondere Begegnung und eine besondere Beziehung. Dieses zu pflegen heißt oft, sich in die Distanz zu unserer sich in vielen Beschleunigungsprozessen befindlichen Welt zu begeben.“
Bildung und Erziehung setzt zurecht auf die Neuen Medien. Der Einsatz von Computer und Internet sollte in der Schule eine Selbstverständlichkeit sein. Doch die dabei zu erlernende Methodenkompetenz schließt auch die Entwicklung der Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Medien ein, was bedeutet, Distanz aufzubauen, wo es nötig ist. Diese Distanz muss als eigenständiger Modus der Mediennutzung ernst genommen, ihr Aufbau erlernt werden. Mir scheint, dass darin eine große Herausforderung für Lehrerinnen und Lehrer liegt.
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