Legasthenie – Lese- und/oder Rechtschreibweise (2)

Legasthenie – Lese- und/oder Rechtschreibweise (2)

Wenn Schüler in der Schule als Legastheniker erkannt worden sind, führt das bei Eltern oft zu Verunsicherungen, da sie die Lese- und/oder Schreibschwäche ihres Kindes leicht mit mangelnder Intelligenz in Verbindung bringen. Wie falsch und schädlich das ist und wie wirksam betroffenen Kindern geholfen werden kann, darüber klärt dieser Artikel eines Fachmannes auf. Im zweiten Teil geht es um konkrete Hilfsmaßnahmen.

von Dr. Johannes Georg Schramm, Diplom-Pädagoge und Schul- und Erziehungsberater
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Link zu den anderen Artikeln der Serie:

Teil 1

5. Wie kann Schülern und Schülerinnen mit einer Lese- und /oder Rechtschreibschwäche geholfen werden?

Zunächst geht es darum, die SS davon zu überzeugen, dass ihre Misserfolge nicht an mangelnder Intelligenz liegen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, ihre Fähigkeiten in den Bereichen zu betonen, die direkt von ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit abhängen. Die Bereiche, für die vornehmlich eine gute Ausprägung der logischen Denkfähigkeit wichtig ist, sind z.B. die Fächer Mathematik, Physik, Chemie und in einem gewissen Sinn auch Latein, wenn man die für das Fach Latein notwendige Automatisierung von Vokabeln außer Acht lässt.

Es muss den SS mit einer LRS-Schwäche immer wieder begreiflich gemacht werden, dass ihre schulischen Misserfolge nur auf eine partielle Lernschwäche für den LRS-Bereich zurückzuführen sind und nicht auf eine generelle. Gelingt dies nicht, besteht die Gefahr der Entstehung von Gefühlen der Hilflosigkeit, der Schwächung des Selbstwertgefühls bzw. der Entstehung von Gefühlen der Selbstunwirksamkeit und eines generellen Schulversagens. SS sagen sich dann: „Es hat doch keinen Zweck!“ „Es lohnt sich nicht zu üben!“ „Ich kann sowieso nichts!“„Ich bin dumm!“

Welche methodischen Maßnahmen sind für Legastheniker von Bedeutung?

SS mit einer LRS-Schwäche benötigen zum Abbau ihrer Schwäche im LRS-Bereich besondere methodische Vorgehensweisen.
Dazu gehören vor allem:

  • die Visualisierung
  • die Segmentierung
  • und die Automatisierung von Wörtern (Wortbuchstabengestalten)

a) Die Bedeutung der Visualisierung

SS mit guten LRS-Kenntnissen wurden nach einer Erklärung für ihre LRS-Stärke befragt. Ihre Antwort lautete verkürzt: „Ich benutze keine RS-Regeln, ich fotografiere die Wörter und schreibe sie dann so, wie ich sie vor Augen habe!“

Menschen können reale Bilder speichern und bei Bedarf in ihrer Vorstellung sehen. Dies gilt auch für Wörter. Bedingung dafür ist allerdings, dass diese Wörter zuvor exakt gespeichert worden sind.

Beispiel:

Viele kennen die Situation, dass sie hinsichtlich der korrekten Schreibung eines Wortes unsicher sind. Wird das betreffende Wort so oder eher so geschrieben? Die Lösung dieses Problems kann wie folgt aussehen: Man schreibt das betreffende Wort in beiden möglichen Varianten. Die Variante, die beim ersten kurzen Blick besser aussieht, ist normalerweise die richtige Schreibweise. Voraussetzung für das Gelingen dieser Vorgehensweise ist allerdings, dass man das richtige „Wortbuchstabenbild“ zuvor exakt gespeichert hat.

Auch SS mit LRS-Problemen können das „Buchstabenbild“ eines Wortes speichern. Es mag sein, dass ihnen dies etwas schwerer fällt als SS mit „guten LRS-Kenntnissen“. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass sie dazu in der Lage sind.

Wie kann das Bild eines Wortes in der gedanklichen Vorstellung entstehen?

Zunächst sollte das zu visualisierende Wort in deutlicher Schrift dargeboten werden. Wichtig ist auch eine angemessene Schriftgröße. Bedingung für eine erfolgreiche Visualisierung ist, dass das zu speichernde Wort einige Sekunden intensiv betrachtet wird. Eine einmalige Visualisierung wird jedoch nicht ausreichen, da Inhalte normalerweise nur dann langfristig gespeichert werden, wenn sie in bestimmten Zeitabständen erneut dargeboten werden.

Beispiele:

- Soll eine Vokabel zum festen Wissensbestand gehören, so wird man die Vokabel in bestimmten Zeitintervallen wiederholen müssen.

- Bei einer Untersuchung fiel auf, dass alle SS der Klasse einer Schule für Lernbehinderte das Wort „Lineal“ im Gegensatz zu Schülern der Hauptschule, der Realschule und des Gymnasiums richtig geschrieben hatten. Der Lehrer dieser Sonderschulklasse gab folgende Erklärung: „Da das Wort bei einem früheren Diktat von sehr vielen meiner Schüler falsch geschrieben wurde, haben wir dieses Wort auf eine besondere Weise geübt. Ich habe es auf ein großes Plakat geschrieben, welches dann an der Wand des Klassenzimmers angebracht wurde. Eine Woche lang haben meine Schüler das Wort Lineal “.

Zusätzlich zum Visualisierungsprozess ist die Beantwortung der Frage, welche Buchstaben eines Wortes akustisch nicht eindeutig erkennbar sind, wichtig:

Beispiele:

- In dem Wort „Lampe“ sind mit Ausnahme des groß zu schreibenden Anfangsbuchstabens alle Buchstaben bei deutlicher Aussprache akustisch identifizierbar. Anders ist es z.B. bei den Wörtern „Geländer“, „Käse“ und „Bär“. Bei diesen Wörtern ist das „ä“ akustisch nicht eindeutig erkennbar. Eine Visualisierung dieses Buchstabens ist daher sinnvoll. Eine nicht eindeutige akustische Identifizierbarkeit gilt in gleicher Weise für „b und p“, „g und k“ und „d und t“.

Die Anwendung der Regel: „Verlängere das Wort, dann hörst du es sofort!“ (Korb - Körbe; Hand - Hände; Hang - Hänge) ist nur bedingt hilfreich, da man beim Schreiben nicht immer die Zeit zur Anwendung dieser Regel hat. Erschwerend kommt hinzu, dass bei vielen Wörtern Buchstaben gar nicht oder nur bei extrem deutlicher Aussprache zu erkennen sind.

- In dem Wort „Garten“ ist das „ar“ normalerweise kaum zu hören. Ähnliches gilt für Wörter, die entweder mit „a“ oder „ar“ zu schreiben sind. „Karte“(Landkarte) und „Kate“(kleines Haus) klingen bei normaler Sprechweise fast gleich.

Akustisch nicht identifizierbar sind zudem Buchstabenverbindungen wie z.B.:

„i, ie, ich, ieh“; „a, ah, aa“; „o, oh, oo“; „k, ck“; „z, tz“; „p, pp“; „l, ll“;

Die Regel, dass bei langgesprochenen Vokalen ein sogenanntes Dehnungs-h eingefügt wird bzw. bei kurzgesprochenen Vokalen der folgende Konsonant verdoppelt wird, ist wenig hilfreich. Untersuchungen haben ergeben, dass man Lautunterschiede nur dann eindeutig akustisch erkennen kann, wenn man weiß, dass das jeweilige Wort ohne bzw. mit Doppelkonsonant zu schreiben ist.

- Das „a“ in „er kam,“ und das „ a“ in „der Kamm“ unterscheiden sich bei normaler Sprechweise nur unwesentlich. Um normgerecht schreiben zu können, führt dies zu der Empfehlung „Wortbuchstabenbilder“ visuell zu speichern, anstatt die korrekte Schreibweise durch kognitive Anwendung einer RS-Regel anzustreben. Dies heißt nicht, dass RS-Regeln prinzipiell ohne Bedeutung sind. Sie sollten und können jedoch aus Zeitgründen nur in Ausnahmefällen Anwendung finden.

Die Bedeutung der Visualisierungstechnik für die RS kann bei der japanischen und chinesischen Schrift festgestellt werden. Für jedes Wort gibt es unterschiedliche Schriftzeichen, die als Ganzes die Bedeutung des Wortes darstellen. Zeichen für Laute gibt es nicht. Ein Schriftzeichen kann demnach nur dann korrekt wiedergegeben werden, wenn es als Ganzes visualisiert und gespeichert worden ist.

Für die RS-Methodik bedeutet dies, dass in den Ländern, die Schriftzeichen verwenden, die Visualisierungstechnik im Mittelpunkt des RS-Unterrichts steht.

Die Visualisierung ist nicht nur für die Rechtschreibung von Bedeutung sondern auch für die Lesefähigkeit. Je mehr Wortbilder visuell, d.h. als sogenannte Konzepte, gespeichert worden sind, umso leichter fällt das Lesen. Lesen ist dann „konzeptuelles Lesen“, d.h. das „Wiedererkennen“ gespeicherter Konzepte. Besitzen wir keine Wortkonzepte, ist das Lesen sehr mühsam, zeitraubend und anstrengend, es ist dann ein sogenanntes „datengesteuertes Lesen“.

Beispiel:

- Schüler der 1.Klasse besitzen noch keine Wortkonzepte. Sie lesen „datengesteuert“. Für sie ist das Lesen aus diesem Grund sehr mühsam. Die Lesegeschwindigkeit ist gering. Sobald sie jedoch ein Wort mehrmals „gesehen“ haben, besitzen sie ein „Konzept“ dieses Wortes. Das Lesen dieses Wortes erfolgt dann nicht mehr „datengesteuert“ sondern „konzeptgesteuert“. Die Lesegeschwindigkeit steigt.

Ein Erwachsener kann das „datengesteuerte Lesen“ nachvollziehen, wenn er z.B. ein bekanntes Wort rückwärts liest. Er wird feststellen, dass Lesen dann sehr anstrengend und zeitraubend ist. Ähnliches gilt für das erstmalige Erlesen eines unbekannten mehrsilbigen Fremdwortes.

b) Die Bedeutung der Segmentierung

Besteht das zu speichernde Wortbild aus mehreren Elementen, ist es sinnvoll, eine optische Segmentierung vorzunehmen, da der Aufnahmeumfang und die Verarbeitungskapazität begrenzt sind. Es kann davon ausgegangen werden, dass bei kurzer Darbietungszeit durchschnittlich drei bis fünf Elemente aufgenommen und verarbeitet werden .

Ein Element kann ein einzelner Buchstabe, eine Silbe, ein einsilbiges Wort oder eine Ziffer sein.
Die Segmentierung ist sowohl für den Lese- als auch für den Schreibprozess von Bedeutung.

Beispiel:

Mar – me – la – de statt Marmelade

Me – te – o – ro – lo – gie statt Meteorologie

Will man ein unbekanntes längeres Wort lesen oder sich einprägen, sollte man dieses Wort in Segmente gliedern.

Cor – ti – co – tro – pin statt Corticotropin

Pa – ras – ke – ve – de – ka – tria – pho – bie statt Paraskevedekatriaphobie

Ähnliches gilt für das Einprägen einer längeren Telefon- oder Kontonummer.

74 93 68 statt 749368

253 738 1003 3000 425 statt 25373810033000425

c) Die Bedeutung der Automatisierung

Wie bereits erwähnt, ist für die Automatisierung von Inhalten die wiederholte Darbietung von Bedeutung. Erst ein mehrmaliges „Sehen“ führt zur Speicherung. Wichtig sind in diesem Zusammenhang die Zeitintervalle, in denen ein Lernprozess erfolgt. Weniger effektiv wäre es z.B., wenn die zu speichernden Inhalte nur einmal aber dafür länger gezeigt würden.

Zur Automatisierung von RS-Inhalten ist es sinnvoller, Wörter mehrere Tage hintereinander zu visualisieren. Für einen kontrollierten Speicherungsprozess ist daher die Arbeit mit einer „Lernkartei“ empfehlenswert.

d) Dauer der Förderung

Geht man davon aus, dass für eine korrekte RS eine bestimmte Anzahl von Wortbildern automatisiert sein muss - der Grundwortschatz der Grundschule umfasst am Ende des 4. Schuljahres etwa 8 000 bis 12 000 Wörter -, so werden Legastheniker je nach Ausprägung ihrer Schwäche einen relativ großen Nachholbedarf haben.

Da der Grundwortschatz mindestens bis Klasse 10 erweitert wird, bedeutet dies, dass Legastheniker bis zu diesem Zeitpunkt und darüber hinaus einen Nachholbedarf haben werden. In einigen Bundesländern gehen daher negative RS-Leistungen bei anerkannten Legasthenikern bis zur Abschlussklasse des Gymnasiums nicht in die Bewertung von Leistungen ein. Zudem wäre es sinnvoll, diesen SS die Benutzung von Schreibcomputern mit integriertem RS-Korrekturprogramm zu gestatten, da die Gewährung eines sogenannten „Nachteilsausgleichs“ möglich ist.

e) Auswirkung der LRS - Schwäche auf andere Fächer

Bei der RS-Leistungsfähigkeit geht es vor allem um die Automatisierung einer bestimmten Anzahl von „Wortbuchstabengestalten“. Je sicherer und je mehr Wortgestalten automatisiert sind, um so besser sind die LRS-Leistungen.

Ein Automatisierungsbedarf existiert aber nicht nur im Bereich der RS sondern auch in einigen anderen Fächern. Dies betrifft zunächst die Sprachen, in denen Vokabeln automatisiert werden müssen. Aber auch im Fach Mathematik sind automatisierte Inhalte von Bedeutung, so z.B. in den Bereichen Rechenfertigkeit und Rechenschnelligkeit. Zur sicheren und vor allem schnellen Bewältigung von Aufgaben der schriftlichen Addition und Multiplikation ist es erforderlich, dass Aufgaben wie z.B. 7 + 6 = 13; 8 + 7 = 15 bzw. die Aufgaben des sogenannten „kleinen Einmaleins“ automatisiert sind.

Bei Legasthenikern, die aufgrund ihrer Intelligenzleistungsfähigkeit gute bis sehr gute Mathematikleistungen aufweisen können, ist oft zu beobachten, dass sich ihre anfänglich guten Leistungen verschlechtern, wenn die Aufgaben der Grundrechenarten unzureichend automatisiert sind.

Beispiel:

- Ein Schüler der Klasse 4 hatte die Aufgaben des „kleinen Einmaleins“ noch nicht ausreichend automatisiert. Um bei einer schriftlichen Multiplikation von dreistelligen Zahlen die Aufgabe 7x8=56 zu lösen, ging er wie folgt vor:

10x8 = 80; minus 3x8 = 24; 80 – 24 = 56

Es ist nachvollziehbar, dass für diesen Schüler die zur Verfügung stehende Bearbeitungszeit nicht ausreichte und die Noten bei Mathematikklassenarbeiten nicht seiner intellektuellen Leistungsfähigkeit entsprachen.

Es ist also wichtig, dass Legastheniker in den Bereichen, die ein automatisiertes Wissen erfordern, dieses durch spezielle methodische Maßnahmen erlangen.

6. Zusammenfassung

  • Legastheniker im definierten Sinn, d.h. SS mit LRS-Problemen bei einem durchschnittlichen bis überdurchschnittlichen Intelligenzleistungsniveau, sollten die Schulart besuchen, die ihren kognitiven Fähigkeiten entspricht.
  • Die LRS-Schwäche sollte in angemessener Weise berücksichtigt und durch geeignete methodische Maßnahmen abgebaut werden.
  • Zu diesen besonderen Maßnahmen gehören:
  • die Visualisierung,
  • die Segmentierung
  • und die Automatisierung von Wortbuchstabengestalten.

7. Übungsempfehlung für SS mit LRS-Problemen

  • Visualisiere (fotografiere) jeden Tag 3 bis 5 Wörter (nicht mehr als 5 !!!).
  • Segmentiere (zerhacke) Wörter mit mehr als 2 Silben. Die Einteilung in Silben oder „Nichtsilben“ ist dabei ohne Bedeutung.
  • Automatisiere die zuvor visualisierten Wörter an 3 bis 5 aufeinander folgenden Tagen durch kontrollierte Wiederholung.

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Literatur zum Thema Legasthenie in: Schramm, J.G., Zur universellen und differentiellen Abgrenzung von Legasthenikern, Diss., Flensburg, 1987