Basis-Droge Fährnsehen – «Legasthenie als Talentsignal»?
Was ist Legasthenie? Die Kurzdefinition, die das Internetportal WeltOnline kürzlich verwendete, lautet: «Lese-Reschtschreib-Schwäche mit Zuhörproblemen und sprachlichen Auffälligkeiten». Die Brockhaus-Autoren sprechen ebenfalls von einer «Schwäche im Erlernen des Lesens und orthographischen Schreibens», fügen aber hinzu, dass diese Schwäche mit «vergleichsweise durchschnittlicher oder sogar guter Allgemeinbegabung des Kindes» einhergeht. Legasthenie äußert sich vor allem «in der Umstellung und Verwechslung einzelner Buchstaben oder ganzer Wortteile». Über die Ursachen der Schwäche ist die Fachwelt uneins. Neben genetischer Disposition werden psychologische und vor allem soziale Faktoren genannt: «erhöhter Fernsehkonsum und Sprachverarmung in den Familien».
von Markus Rüther
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Die Fachwelt streitet
Im Hinblick auf Erscheinungsbild, Ursachen und Diagnostik bietet der Artikel des Online-Lexikons wikipedia zum Thema Legasthenie eine analytisch sehr fundierte und hilfreiche Darstellung >Wikipedia: Legasthenie. Zwar liegen «konkrete Angaben zur Häufigkeit solcher Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen» bislang nicht vor (WeltOnline), «die langen Wartelisten für die pädaudiologische Diagnostik von Kindern mit Verdacht darauf zeigen jedoch, wie schwerwiegend sich das Problem gegenwärtig darstellt», betont eine Psychologin.
Derzeit streitet die Fachwelt über geeignete Behandlungsmethoden. Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche wird häufig ein spezielles Hörtraining empfohlen, andere Experten setzen eher auf ein «umfassendes Programm mit Sprachspielen und phonologischen Lautübungen oder ein Training mit Computer».
Nun hat ein Medizintechniker für Schwerhörige ein neuartiges Trainingsgerät entwickelt, das eine Leistungssteigerung verspricht: den «Brain Boy». Derzeit sind nach Aussagen des Erfinders Fred Warnke 25.000 Geräte im Einsatz. Ein Psychologe von der Medizinischen Hochschule Hannover kam nach Einsatz des Trainingsgeräts zu dem Urteil: «Der Nachweis ist erbracht, dass dieses Training die Leistungen in der zentralen Verarbeitung verbessert und zudem einen Transfer auf die Rechtschreibleistung bewirkt.» Fachleute einer neuen, in der Zeitschrift «Klinische Pädiatrie» publizierten Studie (Querschnittsuntersuchung bei 200 Kindern) kommen hingegen zu der Einschätzung, dass ein Zusammenhang zwischen «basaler auditorischer Verarbeitung und Rechtschreibung» nicht bestehe. Von «kaufbarer Medizin», die Hoffnung auf schnelle Hilfe suggeriere, wird gewarnt. Der Erfinder des «Brain Boy» wirft den Fachleuten der Studie jedoch «methodische Fehler» vor. Wie so oft, sind alle Fragen offen.
«Ein Legastheniker schreibt für Legastheniker»
Es könnte für Betroffene der Buchtipp des Lebens sein. «Eine vollkommen neuartige Diagnostikmethode: Dieses Buch wird helfen!» Das 2001 bei Droemer Knauer erschienene Buch sorgt schon seit mehreren Jahren weltweit für Aufsehen: Leser und Betroffene sind begeistert, eine positive Rezension jagt die nächste, nur die Fachwelt ziert sich. Titel: «Legasthenie als Talentsignal: Lernchance durch kreatives Lesen». Autor: Ronald D. Davis, Ex-Legastheniker und -Analphabet! «Davis erkannte die Legasthenie als ein spezifisches Talent», heißt es in der Kurzbeschreibung bei amazon, «ein Talent, wie man es gerade bei Hochbegabten oft findet, und er entwickelte eine wirksame Methode zur Überwindung der Lese- und Schreibschwäche.» Davis gelang der Durchbruch in einem Selbstexperiment als er zu den eigentlichen Ursachen der Legasthenie vordrang und eine besondere geistige Funktionsweise entdeckte, auf der die Legasthenie beruht. Was wie ein Holywood-Märchen anmutet, scheint jedoch wahr zu sein – hier ein paar Leserstimmen aus Deutschland:
- «Der hier beschriebene Ansatz [bietet einen] faszinierenden Einblick in eine ungewöhnliche Denkweise. Da ich mit legasthenischen Kindern arbeite, kann ich bestätigen, dass die beschriebenen Methoden wirklich eine Offenbarung sind.»
- «Endlich jemand, der Legasthenie nicht nur als genetischen Defekt versteht, sondern der darin auch die Chance sieht, die Begabungen dahinter zu entdecken.»
- «Dieses Buch war für mich wie eine Erlösung.»
- «Es gibt leider noch viele Therapeuten, die sich weigern, sich mit dieser Methode auseinanderzusetzen. Angeblich aus Mangel an Beweisen ihrer Wirksamkeit.»
- «Wer heilt, hat Recht.»
- «Mich interessiert es überhaupt nicht, ob die Methode wissenschaftlich erwiesen ist oder nicht. Sie funktioniert!»
- «Die Rettung! Es ist unglaublich, wenn man sieht, mit welchem Erfolg die Methode hilft!»
Fachwelt ade?
Handlungsmaxime: Moderne Medien dosiert einsetzen
Zumindest in einer Hinsicht sind sich die Experten einig: Kinder und Jugendliche, ja selbst Erwachsene, sollten nicht zuviel Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Wenn auch wissenschaftlich noch nicht nachgewiesen werden kann, ob die starke Zunahme der an Legasthenie Erkrankten im Zusammenhang mit den stetig sich steigernden Zeiträumen zu sehen ist, die Kinder vor den Bildschirmen aller Art verbringen, so belegen doch zahlreiche Studien aus aller Welt, dass Fernsehen, Video- und Computerspiele sowie stundenlanges Surfen im Internet eine nachhaltig negative Wirkung auf die Entwicklung von Kindern ausüben; Stichwortkette: Übergewicht, Lese- und Konzentrationsschwäche, gestörtes Sozialverhalten, steigende Gewaltbereitschaft, Orientierungsschwäche. Ergebnisse der Gehirnforschung zeigen, «dass sich die Gehirne von Kindern, die von klein auf viel Zeit vor dem Fernseher verbringen, anders entwickeln als Gehirne von Kindern, die wenig oder gar nicht fernsehen: Sinne verkümmern, das Vermögen zu riechen, zu fühlen oder sich zu bewegen bleibt defizitär» (Prof. Dr. Manfred Spitzer, Psychiater, ärztlicher Direktor und Publizist).
Orientierungsschwäche als mögliche Ursache für Legasthenie?
Auch in dem im Stolz-Verlag erschienenen Buch «Lesetraining für Legastheniker» wird vor einer Kindheit gewarnt, die von der zweidimensionalen Welt des Bildschirms und nicht durch Bewegung geprägt wird. «Orientierungsschwäche im Raum, sei es aus Mangel an Bewegung oder durch organisch bedingte Defekte, kann eine der möglichen Ursachen [für Legasthenie] sein.» Kinder verbringen von klein an viel Zeit am Bildschirm und wachsen auch sonst so bewegungsarm auf wie keine Generation zuvor – oft «kann sich das nötige Körpergefühl nicht einstellen, das zu sicherer Balance und Orientierung im Raum befähigt. Alles Lernen ist auch Bewegung. Selbst wenn wir beim Nachdenken still dasitzen, führen kleinste Zellen im Gehirn kleinste Bewegungen aus. Denken und Lernen ist etwas Physikalisches. Nur in der Bewegung nehmen wir uns selbst wahr … es bildet sich ein Zeitgefühl aus, ohne das die räumliche Orientierung nicht auskommt.» Fazit: «Bildschirme von Fernseher und Computer sind die denkbar schlechteste» Alternative. «Die Bilder vor den Augen bewegen sich, doch die Körper der kleinen Zuschauer bleiben passiv. So entsteht ein punktuelles Bewusstsein, das keine zeitliche und räumliche Beziehung zur Welt entwickelt.»
Damals und Heute
Nach vierzigjähriger Tätigkeit als Gerichtsreporter veröffentlichte Hugo Friedländer zwischen 1910 und 1921 seine zwölfbändige Sammlung «Interessante Kriminal-Prozesse». Friedländer verlieh ihnen durch die Wiedergabe vieler Dialoge den Reiz des Authentischen. Einfachste Menschen, Zimmermädchen, Diener, Kinder und Jugendliche kommen hier zu Wort, und es erstaunt immer wieder, mit welcher Leichtigkeit die Akteure agieren – das Niveau des gesprochenen Wortes: druckreif beinahe.
Klarheit, Struktur und Ordnung der Gedanken, die Folgerichtigkeit des Gesagten – das alles hat uns neulich, als wir in illustrer Runde zusammensaßen und über damals und heute debattierten, zu der Frage verleitet: Ist es vielleicht möglich, dass ein Zimmermädchen zu jener Zeit besser sprach als ein Minister heute? «Entwickeln wir uns womöglich alle zu Legasthenikern?», fragte ein Leutnant, der nicht namentlich genannt sein will. Kurzer Applaus, Buhrufe … Ob Verbrecher oder Zeuge, ob alt oder jung, arm oder reich – folgt man den Protokollen von Friedländer und zieht eine Vergleichslinie von damals zu heute, bleibt Erstaunen zurück. Bestürzung, Angst? Möge der Leser selbst entscheiden. Wir bringen den Auszug eines in freier Rede vor Publikum gesprochenen Textes, der im Original etwa vier Mal so lang ist. Wer könnte so gesprochen haben? Germany’s next Topmodel, der aktuelle deutsche Superstar oder die 22jährige Angeklagte einer sächsischen Kleinstadt? Vielleicht aber auch jemand aus dem Big-Brother-Container?
Wer spricht?
«Bettelarm kam ich mir immer vor, wenn ich sah, wie andere Mädchen mit ihren Müttern verkehrten. Unter diesen Umständen hatte ich mehr wie andere Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit. Ich fühlte mich allein auf der Welt und freute mich daher, einen Menschen gefunden zu haben, dem ich mich anschließen konnte. Es war ein schönes, rein ideales Verhältnis; jedoch die Mutter war dagegen; denn ihr genügte der junge Mensch nicht. Ich aber fand ihn sehr lieb und konnte nicht von ihm lassen. Wir setzten daher unsern Verkehr heimlich fort. Im Laufe der Zeit nahm das Verhältnis einen intimeren Charakter an, ich konnte ihn nicht abweisen. Durch Mißverständnisse kamen wir auseinander.
Am 15. Februar lernte ich auf dem Ingenieurbau in Chemnitz Preßler kennen. Er war mein Tischherr, und wenn ich mich auch nicht gleich zu ihm hingezogen fühlte, so interessierte er mich doch. Es folgte ein längerer Briefwechsel, schließlich lud er mich ein, ihn in Chemnitz zu besuchen. Wir gingen ins Theater. Für den andern Tag war Preßler zu Mittag geladen, er sagte, dass er durchaus ernste Absichten habe, ich wollte mich aber nicht gleich binden. Als er mir vor dem Essen auf dem Flur das Jackett hielt, versuchte er, mich an sich zu ziehen. ‹So schnell auf keinen Fall!› sagte ich. Beim Essen faßte er plötzlich meine Hand mit den Worten: ‹Wir beide müssen zusammenbleiben.› Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Dieser Händedruck war eigentlich die ganze Liebeserklärung Preßlers. Ich mochte ihn auch ganz gern leiden, wenn ich ihn auch noch nicht lieben konnte. Ich empfand es gewissermaßen als eine Genugtuung, dass ein Mann von der Stellung Preßlers sich für mich interessierte. Dann aber glaubte ich auch im Sinne meiner Mutter zu handeln, der Merker nicht genügt hatte und der Preßler genügen mußte.»
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