Engagement für den Lebensschutz erfordert grundlegende Kompetenzen. (5)
Wie kann man jemandem helfen, der anscheinend das Leben gering schätzt? Wie kann man Menschen Orientierung geben, die angesichts einer Grenzsituation einen Ausweg gesucht haben, der zu einer Tragödie führt, weil sie sich für eine Abtreibung oder für Euthanasie entschieden haben?
von Jutta Burggraf - Originaltitel: "Sobre la personalidad de un Defensor de la vida“; ins Deutsche übertragen von Christa und Walter Reufels - Fotografie: Kerianne Brow
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3. Die Wahrheit vermitteln
Wenn wir jemanden zu einer konstruktiven Kommunikation bewegen wollen, ist es leichter, wenn wir schon auf eine positive Beziehung zurückgreifen können. Es ist wichtig, im anderen das Gute zu sehen. Wir werden uns bemühen, die Erwartungen des anderen zu erfüllen. In diesem Sinne ist die einfache Weisheit ein guter Rat: „Wenn Du willst, dass die anderen gut sind, behandle sie so, als ob sie schon so wären.“
Wir sollten immer mit einer persönlichen Note sprechen. Wer abgedroschene Phrasen hört, ist nicht bereit zuzuhören. Wir sollten nicht vergessen, dass Worte – und sogar die besten Beispiele – sich bei übermäßigem Gebrauch abnutzen. Auch wenn man gute Argumente zugunsten des Lebensschutzes häufig und in vielen Zusammenhängen benutzt, kann es passieren, dass sie an Überzeugungskraft verlieren. Wir brauchen eine kreative Glaubwürdigkeit hinsichtlich gemeinsamer Grundüberzeugungen.
Wer den anderen wirklich liebt, vertuscht und verbirgt nicht das Schlechte, das dieser getan hat. Er wird vielmehr versuchen, die ethischen Forderungen entsprechend den Umständen jedes einzelnen Falles in aller Klarheit darzulegen. Er wird nicht nach faulen Kompromissen suchen, weil er weiß, dass diese niemandem zu einem stabilen Frieden verhelfen können.
„Es ziemt sich nicht, elementare ethische Prinzipien lächerlich zu machen“, erklären Natalia Horstmann und Enrique Sueiro. „ Es gibt gute und schlechte Dinge, und ihr Gutes und Schlechtes ist unabhängig von gesellschaftlicher Zustimmung. Tabak hat seine tödliche Wirkung nicht, weil es auf der Packung steht…; und Gewalt in der Familie ist kein Vergehen, weil die Regierung sie verurteilt. Es sind schädliche Tatsachen an sich, ganz gleich, wer dies sagt und auch, wenn es niemand sagt.“
Der andere hat das Recht, die ganze Wahrheit zu erfahren, selbst dann, wenn sie ihm auf den ersten Blick schmerzlich erscheint. Deshalb haben wir die wichtige Verpflichtung, ihn an der Erkenntnis, die wir haben, teilnehmen zu lassen.
Wenn wir Glaubwürdigkeit in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen gewinnen wollen, ist es gleichermaßen wichtig und notwendig, die eigene Identität erkennen zu lassen. Der andere möchte wissen, wer ich bin, ebenso wie ich wissen möchte, wer er ist. Wenn wir strittige Punkte verdrängen und es uns zur Gewohnheit machen, alles Unangenehme zu verschweigen, mag es sein, das wir uns eine Zeitlang einer scheinbaren Harmonie erfreuen. Aber im Grunde würden wir uns nicht so akzeptieren, wie wir wirklich sind. Unsere Beziehung würde von Mal zu Mal oberflächlicher und unechter, bis sie früher oder später ganz zerbrechen würde.
Wenn wir eine unklare und undurchsichtige Situation schaffen, helfen wir damit niemandem. Deshalb ist es notwendig, die Wahrheit so klar und vollständig wie möglich zum Ausdruck zu bringen. Wenn wir uns so verhalten, belasten wir die Freundschaft nicht, sondern ganz im Gegenteil wir fördern sie, wenn wir dabei Fingerspitzengefühl und Respekt beachten. „Ihr möchtet nichts akzeptieren, wenn die Liebe fehlt. Und Ihr möchtet nichts akzeptieren, wenn die Wahrheit fehlt. Das eine ohne das andere verwandelt sich in eine zerstörerische Lüge.“ Diese Worte, angeregt durch die Philosophie von Edith Stein erscheinen mir besonders geeignet zur Verteidigung des Lebens. Jede mit Gift vermischte Wahrheit ist wertlos.
Hilfe zur Überwindung von Schwierigkeiten
Nach Sokrates kommt es niemandem zu, einen anderen zu belehren. Der große Meister führte seine Zeitgenossen mit seiner Weisheit zu Wahrheiten, die sie selbst entdeckten. Seine Methode spiegelt eine vertiefte Kenntnis des Menschen. Oft sind wir in der Tat von Wahrheiten stärker überzeugt, die wir selbst entdeckt haben, als von denen, die uns andere auf dem Silbertablett anbieten.
In der Psychologie spricht man analog dazu von der „gestohlenen Absicht“: Wenn ich etwas tun will – sogar mit besonderem Eifer – und jemand anderes sagt mir, ich solle genau dies tun, so kann das meinen Eifer und meine Freude lähmen. Ich fühle mich als Diener und nicht als Herr dieser Arbeit. Niemandem macht es Freude, Aufträge zu erhalten in Dingen, zu denen er sich schon selbst entschieden hat.
Daher ist es ratsam, an die positiven Motive des anderen zu appellieren und ihm zu helfen, wenn er von sich aus etwas Gutes tun oder etwas Schlechtes bereuen will. Er selbst kann und muss sich entscheiden, aus dem Brunnen zu klettern, in den er gefallen ist. Im Zusammenwirken mit einem Freund ist das gut möglich. Bei einem Freund kann jemand zu seinem eigenen authentischen Ich in Beziehung treten. Er kann das Aufrichtige und Wahrhaftige in seinem eigenen Herzen wahrnehmen. Er kann sich wie von frischer Bergluft umgeben fühlen, weil er anders und freier als üblich atmen kann. Diese leichte Luft lässt ihn in Berührung kommen mit dem Höchsten und Erhabensten, das in ihm ist.
Unsere Aufgabe besteht vor allem darin, dem anderen zu helfen, seine innersten und authentischen Gefühle wahrzunehmen. Wir müssen ihn ermutigen, die stillen Impulse seines Herzens zu äußern. Wir können ihm unsere Nähe zusichern, ihm eine Hand geben und die feste Zuversicht vermitteln, dass der Weg zur Überwindung seiner Schwierigkeiten begehbar ist.
Ein guter Freund gibt Mut, Licht und Hoffnung, auch wenn die Nacht noch so dunkel ist. Er hilft dem anderen nach einem tiefen Fall, seine Depression zu überwinden. Er gibt ihm Kraft, sich wieder aufzurichten und die Verantwortung für seine Schuld mit allen Konsequenzen zu übernehmen. Und nicht zuletzt weckt er in ihm die Bereitschaft, sich erneut für sein Leben zu entscheiden. Ein japanisches Sprichwort sagt: „Mit einem Freund an der Seite gibt es keinen Weg, der zu weit ist.“
Schlussbemerkung
Die Liebe zum Leben äußert sich oft in Mut, Tapferkeit und Gerechtigkeit. Sie beweist sich gleichzeitig in Demut, in Gehorsam und in Mitgefühl. Sie tritt für die Wahrheit ein und ist in den meisten Fällen eine sichere Grundlage für echte Freundschaft.
Wir möchten allen helfen leben zu können, sowohl denen, die in der realen Gefahr sind, ihr Leben zu verlieren, wie auch denen, die in der Versuchung sind, es anderen zu rauben. Alle brauchen unsere Fürsorge, und wir dürfen nicht vergessen, dass derjenige, der etwas Schlechtes tut, mehr Schaden leidet als der, der das Schlechte erleidet.
Deshalb haben wir unser Augenmerk auf die Leidtragenden gerichtet, die vielleicht noch mehr zerstört sind als die Kinder, die nicht geboren werden oder die Alten, die vorzeitig sterben. Wir wollen auch denjenigen helfen, die verantwortlich sind für Abtreibung und Euthanasie. Wir wollen ihnen unsere Hilfe anbieten, aus ihrem Irrtum zu erwachen und ihr Verhalten zu ändern. Damit ist deutlich, dass „die Wahrheit sich nur durch die Macht der Wahrheit selbst durchsetzt.“
Wenn ein „Lebensschützer“ sich immer wieder bemüht, den guten Kern in allen Menschen zu entdecken, und sich bemüht, demjenigen verständnisvoll zu begegnen, der schlecht gehandelt hat, bereichert er auch sein eigenes Leben. Im aufrichtigen Umgang mit den anderen wächst auch seine Lebenseinstellung. Ihm kommen mehr Ideen, er erkennt immer besser, was wert- und sinnvoll ist. Der „Lebensschützer“ gewinnt jedes Mal mehr die Fähigkeit zu lieben und Orientierung zu geben. Er wird mitten in einer chaotischen Welt die Weisheit gewinnen, Verständnis für andere zu haben und Geduld für die eigenen Bemühungen aufzubringen. Er wird als Frucht seines Einsatzes die unbeschreibliche Freude empfinden, anderen aus dem Dunkel ans Licht verholfen zu haben. Sein Lebensstil lässt sich kurz mit dem bekannten Satz von Antonio Machado beschreiben: „Hoch denken, tief empfinden und klar reden.“
(Schluss)
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Vortrag von Frau Dr. Jutta Burggraf vom 6. Nov. 2009 auf dem IV. Internationalen Kongress "Provida" in Zaragoza (Spanien)
Jutta Burggraf ist Professorin für Dogmatik und Ökumene an der Theologischen Fakultät der Universität von Navarra.
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