Engagement für den Lebensschutz erfordert grundlegende Kompetenzen. (4)

Engagement für den Lebensschutz  erfordert grundlegende Kompetenzen. (4)

Wie kann man jemandem helfen, der anscheinend das Leben gering schätzt? Wie kann man Menschen Orientierung geben, die angesichts einer Grenzsituation einen Ausweg gesucht haben, der zu einer Tragödie führt, weil sie sich für eine Abtreibung oder für Euthanasie entschieden haben?

von Jutta Burggraf - Originaltitel: "Sobre la personalidad de un Defensor de la vida“; ins Deutsche übertragen von Christa und Walter Reufels - Fotografie: Kerianne Brow
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Link zu den anderen Artikeln der Serie:

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 5

II. Die Bereitschaft zur Freundschaft

Wenn wir den Wunsch haben, dass jemand tatsächlich von seinem Fehler, seinem Irrtum, seiner Gemeinheit, seiner Bosheit ablässt und sich für neue Einsichten öffnet, müssen wir mit ihm eine freundschaftliche Beziehung aufbauen. Man nimmt einen guten Rat nur an, wenn man Vertrauen hat. Man folgt einem Freund und sonst niemandem.

Freundschaft verleiht unserem Dasein neuen Glanz und macht unser Leben liebenswert. Goethe bringt das sehr poetisch zum Ausdruck: „Unsere Welt erscheint sehr öde, wenn wir sehen, dass sie ausgefüllt ist mit Bergen, Flüssen und Städten. Aber wir wissen, dass es hier und da jemanden gibt, der mit uns im Einklang ist, jemanden mit dem wir weiter zusammenleben möchten, auch wenn das in aller Stille geschieht. Das und nur das macht die Erde zu einem bewohnbaren Garten.“

Gerade angesichts der für unsere Zeit so charakteristischen Vermassung und Anonymität brauchen wir Geborgenheit und Orte, wo wir uns zu Hause fühlen können. Wo es Freunde gibt, da wächst Vertrauen, da ist Heimat. Für viele Menschen ist heute Freundschaft ihre Heimat und ihr Zuhause mitten in einer Welt ohne Heimat und ohne Familie.

Wer Freunde hat aus anderen politischen Parteien, anderen Berufen, Religionen und Ländern ist ein glücklicher Mensch. Ihm öffnet sich ein Meer ohne Ufer. Umgang und Freundschaft mit sehr unterschiedlichen Leuten erweitern seinen Horizont und sein Herz. Er empfängt viel und gibt auch viel. Es fällt ihm leichter, Menschen, die sich in einer ausweglosen Situation fühlen, eine Orientierung zu geben.

Natürlich kann man Freundschaft nicht erzwingen. Sie ist ein wertvolles Geschenk. Aber man kann sich offen halten, um dieses Geschenk anzunehmen.

1. Eine unverzichtbare Bedingung

Wer sich auf das Leben eines anderen einlässt, muss zunächst mit sich selbst im Reinen sein. Ich muss mit mir selbst in Frieden sein, gleichsam „mein eigener Freund“ sein.

Ich kenne eine Frau, die selbst mehrfach abgetrieben hat und dann nach einem radikalen Sinneswandel in schon fast aggressiver Weise für den Lebensschutz eintrat. Sie gestand mir ein: „Ganz offen gesagt, ich hasse mich. Und ich hasse alle Frauen, die abtreiben. Wenn jemand dieses Verbrechen begangen hat, gibt es nur zwei Auswege: Entweder kämpft man für oder gegen das Leben, um die Stimme seines Gewissens zum Schweigen zu bringen.“

Allerdings verteidigen wir das Leben nicht in erster Linie, um unsere eigenen Probleme zu lösen, sondern um anderen zu helfen. Und das können wir nur wirksam schaffen, wenn wir nicht unser eigenes innere Chaos und unsere bitteren und schädlichen Gefühle an die anderen weiterreichen. Sie werden uns aus dem Wege gehen, um sich zu schützen.

Wenn ich mir selbst nicht gefalle, gefalle ich auch sonst niemandem. Wenn ich nicht mit mir selbst in Übereinstimmung bin, gelingt mir auch keine echte Begegnung mit einer anderen Person. Wenn ich nicht in Harmonie mit mir selbst stehe, kann ich keinen Frieden in meinem Umfeld verbreiten.

Es gibt auch noch einen dritten Weg für Personen, die eine Abtreibung vorgenommen haben: Sie können ernsthaft das Leben verteidigen, wenn sie es geschafft haben, „ihr eigener Freund“ zu sein. Aber wie soll das gehen? Freundschaft verlangt volle Aufrichtigkeit. Man kann sie nicht auf einer Lüge aufbauen. Deshalb muss ich mit innerer Aufrichtigkeit vorgehen, um „mein eigener Freund“ sein zu können. Ich darf die wichtigen Fragen, die sich immer wieder in meinem Innern stellen, nicht verdrängen. Ich muss in meiner Seele Ordnung schaffen, sie zum Guten leiten und den wahren Sinn meines Lebens suchen.

Wenn sich jemand mit Gott und sich selbst ausgesöhnt hat, besitzt er die Möglichkeit, der Welt sein eigenes Zeugnis zu geben mit seiner eigenen Überzeugung. Das ist eine schöne Aufgabe, eine Gelegenheit zur eigenen Entlastung und natürlich eine Therapie, um die eigenen Wunden Zug um Zug zu heilen.

2. Der Wert der Liebenswürdigkeit

Es gibt zwei Weisen, bei einer Unterhaltung unsere Stärke zu zeigen: Wir können den anderen niederdrücken oder aufrichten. Wir können destruktiv oder konstruktiv vorgehen.

Eine beleidigende Sprache, sarkastische Ausdrücke, Arroganz, Derbheit, Überlegenheit und Vorwürfe sind Beispiele für eine destruktive Unterhaltung. Sie schaffen Widerstände und manchmal offene Ablehnung.

Völlig unnötig sind Verhaltensweisen, den anderen zu „treten“. Das kann jeder. Man verletzt den anderen noch mehr durch Kälte und Ablehnung. Aber der Preis ist hoch. Wenn wir in einer Diskussion mit Trotz und Widerspruch reagieren, schaffen wir Distanz. Wenn wir uns zu innerer Erregung hinreißen lassen, schließen wir mit einer Beleidigung. Manchmal können wir so einen heimlichen Triumph empfinden. Aber das ist ein nutzloser Sieg. Wer unfreiwillig gedrängt wird, ändert seine Meinung nicht. Er durchbricht nicht den Teufelskreis, in dem er sich befindet, und oft unterläuft er alle gut gemeinten Bemühungen dessen, der ihn enttäuscht hat.

Tatsächlich kann gelegentlich eine Nötigung etwas Schlechtes verhindern, z.B. den Tod Unschuldiger. Aber sie ist kein geeignetes Mittel, jemanden zum Guten anzuleiten. Eine gewaltsame Änderung ist normalerweise nicht tiefgreifend und nicht von Dauer. Man kann niemanden zwingen gut zu sein.

Die Chinesen sagen: „Wer mit Sanftheit eintritt, kommt weit.“ Dasselbe bringt die berühmte Fabel von der Sonne und dem Wind zum Ausdruck. Beide stritten, wer mehr Kraft besitze, und der Wind sagte: „Siehst Du diesen Jungen, eingehüllt in eine Decke? Ich wette, dass ich ihm seine Decke schneller entreißen kann als Du.“ Er begann sofort, mit aller Kraft zu blasen, immer stärker fast wie ein Zyklon. Aber je stärker er blies, desto fester wickelte sich der Junge in seine Decke. Schließlich beruhigte sich der Wind und gab sich geschlagen. Dann kam die Sonne heraus und lächelte gütig den Jungen an. Es dauerte nicht lange, bis dieser wohl gewärmt seine Decke ablegte.

In der Tat, Sanftheit ist mächtiger als Gewalt. Nur mit dem Herzen können wir einen anderen Menschen wirklich erreichen. Wenn er uns zurückweist, können wir nichts bewirken. Wenn er aber spürt, dass wir ihn aufrichtig lieben mit dem Wunsch, ihn glücklich zu machen, dann eröffnet sich die Möglichkeit zu einer freundschaftlichen Beziehung. Freundschaft bedeutet, dass jeder dem anderen zuhört, und wie wir schon gesehen haben, kann jeder vom anderen lernen.

Es entsteht Freundschaft und sie wird wachsen, wenn wir unsere Vorurteile ablegen. Das ist eine sehr tiefe Erfahrung, die Zeit, Ruhe und viel Sensibilität braucht.

Wer liebt, gibt etwas von sich selbst, von seinem eigenen Leben, von dem, was in ihm lebendig ist. Er teilt seine Freuden und sein Leiden, seine Erwartungen und Enttäuschungen, seine Erfahrungen und Pläne, seine Überlegungen und nicht zuletzt die Wahrheit, die er gefunden hat. Mit einem Wort: er gibt sich selbst. In diesem Umfeld ist es nicht schwierig, über alles zu sprechen, auch über die eigenen Schwächen, auch wenn sie gravierend sind.

(wird fortgesetzt)

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Vortrag von Frau Dr. Jutta Burggraf vom 6. Nov. 2009 auf dem IV. Internationalen Kongress "Provida" in Zaragoza (Spanien)

Jutta Burggraf ist Professorin für Dogmatik und Ökumene an der Theologischen Fakultät der Universität von Navarra.