Engagement für den Lebensschutz erfordert grundlegende Kompetenzen. (3)
Wie kann man jemandem helfen, der anscheinend das Leben gering schätzt? Wie kann man Menschen Orientierung geben, die angesichts einer Grenzsituation einen Ausweg gesucht haben, der zu einer Tragödie führt, weil sie sich für eine Abtreibung oder für Euthanasie entschieden haben?
von Jutta Burggraf - Originaltitel: "Sobre la personalidad de un Defensor de la vida“; ins Deutsche übertragen von Christa und Walter Reufels - Fotografie: Kerianne Brow
---
3. Zuhören können
Demut bringt auch die Fähigkeit mit, den anderen zu akzeptieren und ihm zuzuhören. Manchmal braucht man einen festen Charakter und viel Selbstdisziplin, um nicht spontan aufzubrausen. Doch Verärgerung und Vorwürfe helfen nicht weiter, weil sie den anderen in die Defensive drängen und dann normalerweise dazu veranlassen, sich zu rechtfertigen. Den anderen mit bissiger Kritik zu verletzen, bessert die Situation nicht, es verschlechtert sie eindeutig. Diese Verletzungen bewirken Ressentiments, die manchmal Jahrzehnte anhalten und bis zum Tode weiter schwelen.
Wenn sich jemand irrt, wird er dies vielleicht in seinem Innern zugestehen. Und wenn wir ihm mit Freundlichkeit und Takt begegnen, wird er es vielleicht auch uns gegenüber zugeben. Aber das geschieht nicht, wenn wir ihn um jeden Preis davon zu überzeugen versuchen, dass er nicht Recht hat.
Das Geheimnis für den ruhigen und taktvollen Umgang besteht darin, die Person nicht mit ihrer Handlung gleichzusetzen. Jeder Mensch ist jeweils mehr und größer als sein Verschulden. Ein beredtes Beispiel gibt uns Albert Camus, der sich in einem offenen Brief an die Nazis wandte und zu ihren in Frankreich begangenen Verbrechen Stellung nahm: „Trotz allem werde ich fortfahren, Sie als Menschen zu bezeichnen… Wir geben uns Mühe, das in Ihnen zu respektieren, was Sie bei den anderen nicht respektiert haben.“ Jede Person hat eine Würde unabhängig von ihren noch so schlimmen Fehlern.
Fast immer reden wir zu viel, wenn wir andere für unsere Überzeugung gewinnen wollen. Zunächst muss die andere Person reden. Sie weiß selbst mehr über ihre Probleme, Schwierigkeiten und Nöte. Es ist wichtig, ein Klima zu schaffen, in dem jemand frei reden kann, ohne jedes Wort abwägen zu müssen, in dem er seine Schwächen darlegen kann ohne Furcht, be- oder verurteilt zu werden.
Wir sind aufgerufen, uns in der schwierigen Kunst zu üben, ein tieferes Verständnis der anderen zu gewinnen. Wir dürfen nicht bei dem stehen bleiben, was sie sagen, sondern wir müssen erkennen, was sie zum Ausdruck bringen wollen. Es geht nicht darum, ihre Worte zu hören, sondern ihre Botschaft zu verstehen. Oft kommt man dabei in die Lage, die Aufgabe eines Papierkorbs oder Abfalleimers wahrzunehmen. Oft ist der Mangel an „zuhörenden Papierkörben“ Ursache für die angstvolle Einsamkeit so vieler Menschen: Sie stecken voller destruktiver Gefühle und schrecklicher Erfahrungen, die sie mit niemandem teilen können. Wir müssen zuhören, in Ruhe und bis zu Ende. Das Wort, das in einer Person unausgesprochen zurückbleibt, kann gerade das Entscheidende sein. Und exakt dieses Wort muss heraus. Deshalb müssen wir – so fordert Guardini - uns darin üben, „zu sehen, zu hören und zu spüren, dass hinter einem Gefühl, das man zeigt, hinter einem Gedanken, den man darlegt, viel mehr verborgen zurückbleibt. Und wenn das Verborgene schließlich erkannt ist, kann auch dahinter noch mehr verborgen sein.“
Die besten Gesprächsteilnehmer sind nicht diejenigen, die gut sprechen, sondern solche, die Interesse zeigen für das, was der andere sagt.
4. Verständnis
Ich erinnere mich an eine junge Frau, die über ihre Schwangerschaft verzweifelt war und unter heftigem Druck stand, ihr Kind abzutreiben. Sie hatte seit einigen Woche nach Hilfe gesucht, aber sie wusste nicht, an wen sie sich wenden sollte. Als ich mit ihr sprach und sie fragte, warum sie ihrer Freundin nichts gesagt habe, die doch bei einer Lebensschutzgruppe engagiert mitarbeite, antwortete sie: „Unmöglich! Mit ihr kann ich über dieses Thema nicht sprechen. Für sie wäre das ein Skandal. Unsere Freundschaft wäre zu Ende.“ Aber ist es nicht gerade die Freundin oder der Freund, die oder der Hilfe leisten muss, wenn jemand in größte Not geraten ist? „Erweise dich solidarisch mit anderen, vor allem, wenn sie schuldig geworden sind“, fordert ein französisches Sprichwort.
Im Augenblick der Mutlosigkeit, des Misserfolgs und der Angst ist es äußerst wichtig, jemanden zu finden, der Verständnis hat, der keine Vorwürfe macht, der nicht kühl urteilt, sondern in der Lage ist, teils widerstreitende Gefühle aufzuheben und sein Herz verständnisvoll zu öffnen. Es gibt Augenblicke, in denen jeder Mensch, sogar der grausamste Mörder, Trost und Linderung braucht. Der amerikanische Verbrecher Crowley, wegen vielfachen Mordes zum Elektrischen Stuhl verurteilt, schrieb kurz vor seiner Hinrichtung: „Unter meinem Hemd trage ich ein schwaches Herz, ein gutes Herz: ein Herz, das niemanden Schaden zufügen wollte.“
Wissen wir, was dieser Mensch erlebt hat? Kennen wir die Einflüsse, die Nöte, denen er seit seiner frühen Kindheit ausgesetzt war, seine innere Leere, seine Langeweile? Was hat seine Verzweiflung und seinen Hass provoziert? Es gibt eine verborgene Ursache, die jeweils das Denken und Handeln einer Person leitet. Wenn wir diese Ursache entdecken, haben wir den Schlüssel für sein Handeln und vielleicht auch für das Verständnis seiner Person.
Inmitten einer Welt voll schrecklicher Ereignisse sind wir gefordert, Möglichkeiten für Mitgefühl zu finden. Der große britische Schriftsteller Graham Greene versichert: „Wenn wir die Dinge bis auf ihren Grund erkennen könnten, hätten wir Verständnis bis zu den Sternen.“
Ich beziehe mich natürlich nicht auf die Ausübung öffentlicher Rechtsprechung. Es geht hier nicht um das rechte Strafmaß. Ich spreche ganz einfach über die konkrete Haltung einer Person gegenüber einer anderen, die sich schuldig gemacht hat. Im täglichen Leben steht es uns nicht zu, andere zu verurteilen oder über ihre Absichten zu richten. Wenn diese Dinge „so nebenher“ passieren, sind sie oft nicht frei von dem Bazillus des Pharisäertums. Aber sie leiten darüber hinaus eine neue Spirale von Gewalt und Unterdrückung ein. Die einzig wirkliche Befreiung ist die, die das Herz berührt und es – mit Gottes Gnade – zur Umkehr bewegt.
Ein bissiger oder zynischer Kommentar hilft nichts, sondern verletzt den anderen noch mehr in seiner Not. Wenn er dagegen ein echtes Interesse spürt, eine wirkliche Sorge um seine Person und um seine Situation, kann dies zu einer positiven Reaktion führen. Verständnis hat immer eine heilsame Wirkung.
Es ist wichtig zu begreifen, dass jeder mehr Liebe braucht als „er verdient“; jeder ist verletzlicher als es scheint. Und sogar der gewalttätigste Mensch kann seine Verfehlungen bereuen, kann sich künftig ändern und bessern. „Es gibt keinen Sünder ohne Zukunft und keinen Heiligen ohne Vergangenheit“, sagt eine Volksweisheit.
Verstehen heißt, die feste Überzeugung zu haben, dass jeder Mensch, unabhängig von all dem Schlechten, was er getan hat, ein Mensch ist, der auch in der Lage ist, Gutes zu tun. Niemand ist völlig verdorben. In jedem leuchtet ein Licht. Um jemanden zu verstehen, sagen wir ihm: „Nein, Du bist nicht so. Erkenne, wer Du bist! In Wirklichkeit bist Du viel besser.“ Wir wollen jeweils das Bestmögliche für den anderen, seine volle Entfaltung, sein tiefes Glück und bemühen uns, ihn mit ganzem Herzen und großer Aufrichtigkeit zu lieben.
Es gibt wirklich solche Menschen, die anderen Liebe und Hoffnung zu geben verstehen. Ihre Anwesenheit erzeugt ein Gefühl von Wohlbefinden. Die anderen wissen, dass sie bei ihnen in guten Händen sind. Sie wissen sich geschätzt und geliebt trotz all ihrer Fehler. Sie können ihre Last ablegen, Ruhe finden und Werte entdecken, die sie vielleicht noch nie gekannt haben.
(wird fortgesetzt)
---
Vortrag von Frau Dr. Jutta Burggraf vom 6. Nov. 2009 auf dem IV. Internationalen Kongress "Provida" in Zaragoza (Spanien)
Jutta Burggraf ist Professorin für Dogmatik und Ökumene an der Theologischen Fakultät der Universität von Navarra.
Anmelden oder registrieren um Kommentare einzutragen | E-Mail mit Artikel-Link versenden | Druckversion

