Engagement für den Lebensschutz erfordert grundlegende Kompetenzen. (2)

Engagement für den Lebensschutz  erfordert grundlegende Kompetenzen. (2)

Wie kann man jemandem helfen, der anscheinend das Leben gering schätzt? Wie kann man Menschen Orientierung geben, die angesichts einer Grenzsituation einen Ausweg gesucht haben, der zu einer Tragödie führt, weil sie sich für eine Abtreibung oder für Euthanasie entschieden haben?

von Jutta Burggraf - Originaltitel: "Sobre la personalidad de un Defensor de la vida“; ins Deutsche übertragen von Christa und Walter Reufels - Fotografie: Kerianne Brow
---

Link zu den anderen Artikeln der Serie:

Teil 1
Teil 3
Teil 4
Teil 5

I. Einige wichtige Verhaltensregeln

Wir unterscheiden uns alle individuell von einander, und auch unsere Lebensumstände sind verschieden. Es ist auch gut so, dass wir als Individuen unterschiedliche Verhaltensweisen haben. Dennoch können wir einige allgemeine charakteristische Merkmale aufzeigen, die jeder „Lebensschützer“ auf die ein oder andere Weise entwickeln sollte.

1. Mut

Eine Menge Kraft und Mut ist erforderlich, um in unserer Zeit versteckter oder offener Diktaturen für den Schutz des Lebens einzutreten. Ich möchte Ihnen einige Tatsachen berichten, die das in aller Deutlichkeit belegen.

Als in Berlin die Mauer fiel, gab es im Osten Deutschlands unversehens einen freien Staat, in dem neue Gesetze galten. Dann öffnete man die Stasiarchive und entdeckte zwischen Tausenden von anderen schmählichen Fällen einige ganz besonders bedenkliche Taten, von denen die Leute nichts ahnten. Die Stasi des kommunistischen Teils Deutschlands war sehr darauf aus, die öffentliche und private Moral in Westdeutschland destruktiv zu beeinflussen. Man benutzte ganz gezielt Methoden, um die Verteidigung der Menschenwürde zu behindern, z.B. hinsichtlich Ehe und Familie. So erfuhren z.B. alle, die sich zu Gunsten des Lebensschutzes äußerten, harsche Kritik in fast allen Medien, im Fernsehen , Radio oder in den Zeitungen. Man nannte sie „Faschisten“, intolerant und arrogant. Sie wurden bloßgestellt, lächerlich gemacht und schließlich zum Schweigen gebracht. Viele dieser kritischen Beiträge kamen unter falschem Namen aus dem kommunistischen Deutschland.

Wenn wir bereit sind, für den Lebensschutz einzutreten, benötigen wir Herz und Mut. Wir müssen uns vom Zeitgeist frei machen. Ein überzeugter „Lebensschützer“ muss ernsthaft damit rechnen, für verrückt und unnormal gehalten zu werden. In Wirklichkeit ist es aber viel besser, wenn ein denkender „normaler“ Mensch in bewusst kritischer Distanz unserer Gesellschaft begegnet, weil er weder auf die Fähigkeit eigenen Denkens verzichtet noch auf seine Spontaneität. Er folgt trotz aller Widerstände seinem eigenen Gewissen und seiner Überzeugung und tritt allem entgegen, was einen Menschen erniedrigt, entpersönlicht, ihn nur als Sache betrachtet, ihn manipuliert und betrügt.

Bevor in den Niederlanden Euthanasie für straffrei erklärt wurde, war es in vielen Krankenhäusern schon üblich, die unheilbar Kranken heimlich „verschwinden zu lassen“, wenn es jemand für angebracht hielt. Zu dieser Zeit lag die Mutter von Piet, einer meiner Bekannten, mit einer schmerzvollen Krankheit im Sterben. In ihren letzten Tagen litt sie sehr stark. Ihre ganze Familie war in ihrer Nähe. Der Chefarzt betrat das Krankenzimmer, sah die Angehörigen, bat Piet heraus und sagte ihr auf dem Flur: „Schauen Sie, ich könnte Ihrer Mutter eine Injektion geben, um ihr einen leichten Tod zu ermöglichen. Aber ich weiß, dass Sie eine andere Überzeugung haben. Deshalb brauche ich Ihr Einverständnis. Ich möchte keine Unannehmlichkeiten bekommen.“ Piet gab ihre Zustimmung nicht. Der Arzt konnte die Euthanasie nicht ausführen. Die Mutter erlitt einen langen Todeskampf. Piet erklärte mir später: „Es war für mich ein seelischer Schock. Du siehst deine Mutter sterben und kannst ihr nicht helfen. Es kommt noch hinzu, dass die ganze Familie dir die Schuld für ihr Leiden gibt und dir Vorwürfe wegen deiner Herzenshärte macht.“

In der Tat, es gibt Situationen, die außergewöhnlich hart sind. Es besteht die Gefahr, dass man ins Wanken kommt und nachgibt, wenn man nicht feste Überzeugungen hat, die zutiefst verwurzelt sind in einem umfassenden Grundverständnis der menschlichen Existenz.

2. Demut

Wer für den Lebensschutz eintritt, ist bereit, gegen den Strom zu schwimmen und Widerstand zu leisten gegen das Böse in unserer Welt. Es lohnt sich, dafür alle Kräfte aufzuwenden und sein soziales Ansehen aufs Spiel zu setzen. Doch wir müssen uns bewusst sein, dass wir alle schwach werden und ermüden können. Wir alle sind an dem Übel beteiligt. Während des Zweiten Weltkriegs bekräftigte der Trappist und Schriftsteller Thomas Merton mit innerem Schmerz: „Jeder muss seine eigene persönliche Schuld eingestehen. Wir alle sind auf irgendeine Weise mitschuldig an diesem Krieg…Wir alle sind ein Baum, und Hitler ist eine seiner Früchte. Wir alle stärken ihn.“

Nach einem seiner Biografen wusste Merton sehr gut, „ dass die Sünde, das Böse und die Gewalt, die er in der Welt wahrnahm, übereinstimmten mit derselben Sünde, demselben Bösen und derselben Gewalt, die in seinem eigenen Herzen verborgen sind…Das Übel der Welt ist ein Spiegel des Übels im eigenen Herzen.“ In der Einsamkeit und in der Stille seines Klosters war Merton sich bewusst, dass in ihm das volle Menschsein lebendig war mit allem Elend, aber auch mit der Sehnsucht nach Liebe: Er begegnete der Welt in seinem eigenen Innern.

Diese Erfahrungen laden uns ein, das menschliche Dasein tiefer zu betrachten und komplexe Situationen weniger radikal zu beurteilen. Es gibt nicht nur zwei Farben Weiß und Schwarz: Die Welt ist einerseits nicht voller Sünder und andererseits nicht voller Märtyrer, die mit einem Lied auf den Lippen sterben.

Diese Tatsache machte Johannes Paul II. deutlich bei seinem Besuch im Konzentrationslager Auschwitz. Als der Papst diesen Ort des Schreckens betrat, an dem viele seiner Freunde und Gefährten seiner Kindheit den Tod erlitten hatten, sprach er kein Wort, keine Mahnung. Er begann das Schuldbekenntnis zu beten: „Ich bekenne“ und bat Gott um Vergebung seiner eigenen Sünden.

Wir alle sind tief und persönlich verwickelt in die Ereignisse dieser Welt. Wenn wir diese Tatsache demütig annehmen und dies tief in unserem Innern erkennen, können wir wenigstens einen kleinen Beitrag leisten, die Gesellschaft, in der wir leben, zu verbessern. Und dann können wir mit klareren Augen sehen, dass es abgesehen von allen Verirrungen viel Gutes und Schönes bei den anderen gibt.

Man erzählt, dass General Robert Lee einmal bei einer Konferenz einen seiner Offiziere mit höchstem Lob bedachte. Ein anderer Offizier, der das miterlebte, sagte verblüfft: „General, wissen sie nicht, dass dieser Mann, über den Sie mit so großer Bewunderung sprechen, einer Ihrer schlimmsten Gegner ist, der keine Gelegenheit auslässt, um Sie schlecht zu machen?“ „Doch“, antwortete der General, „ aber man fragte mich nach meiner Meinung über ihn und nicht nach seiner Meinung über mich.“

Nur wenn wir uns ernsthaft bemühen, wirklich demütig zu sein, besteht die Chance, dass jemand uns sein Herz öffnet. Manchmal ist es gut, zunächst über unsere eigenen Fehler und Schwächen zu sprechen. Der chinesische Weise Laotse sagte vor 2500 Jahren: „Der Grund, warum die Flüsse und die Meere die Huldigung von hundert Sturzbächen des Gebirges erfahren, liegt darin, dass sie sich unterhalb von ihnen befinden. So sind sie in der Lage, alle Sturzbäche des Gebirges zu leiten.“ In ähnlicher Weise müsse sich jemand verhalten, der eine Wahrheit weitergeben möchte: Er muss sich demütig seinen Mitmenschen gegenüber verhalten. So spüren sie nicht sein Gewicht und empfinden seine Worte nicht als Last.

Unabhängig davon ist uns jeder tatsächlich in verschiedener Hinsicht überlegen. Wir können von jedem etwas lernen.

(wird fortgesetzt)

---
Vortrag von Frau Dr. Jutta Burggraf vom 6. Nov. 2009 auf dem IV. Internationalen Kongress "Provida" in Zaragoza (Spanien)

Jutta Burggraf ist Professorin für Dogmatik und Ökumene an der Theologischen Fakultät der Universität von Navarra.