Engagement für den Lebensschutz erfordert grundlegende Kompetenzen. (1)
Wie kann man jemandem helfen, der anscheinend das Leben gering schätzt? Wie kann man Menschen Orientierung geben, die angesichts einer Grenzsituation einen Ausweg gesucht haben, der zu einer Tragödie führt, weil sie sich für eine Abtreibung oder für Euthanasie entschieden haben?
von Jutta Burggraf - Originaltitel: "Sobre la personalidad de un Defensor de la vida“; ins Deutsche übertragen von Christa und Walter Reufels - Fotografie: Kerianne Brow
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Einleitende Gedanken
Ich erinnere mich an Karin Struck, eine deutsche Schriftstellerin. Wir waren befreundet in dem letzten Abschnitt ihres Lebens. Wenn sie nicht so frühzeitig (2006) verstorben wäre, würde sie sicherlich heute zusammen mit uns an diesem „Kongress für das Leben“ teilnehmen.
Über viele Jahre hinweg war Karin eine anerkannte Autorin. Während ihrer Studienzeit war sie engagiert in der Kommunistischen Partei tätig. Danach trat sie öffentlich für freie Liebe und Homosexualität ein. Sie entschied sich für ein Leben mit vier Kindern ohne Ehemann und ohne Lebenspartner.
Ihr fünftes Kind hat sie abgetrieben. Obwohl sie nicht religiös war und keine Bindung an traditionelle Werte hatte, wurde sie zutiefst von diesem Akt erschüttert. Mit der ihr eigenen Sensibilität einer Künstlerin brachte sie ihre psychische Not in ihrem Buch zum Ausdruck, dem sie den Titel gab: „Ich sehe mein Kind im Traum“, erschienen 1992
Unmittelbar nach der Veröffentlichung dieses Buches änderte sich ihr Leben radikal. Die großen Verlagshäuser verschlossen ihr die Pforten, und auch bedeutende Zeitschriften, Radio und Fernsehen brachen die bislang geübte Zusammenarbeit ab. Karin wurde völlig an den Rand gedrängt und der Wahrnehmung eines großen Publikums entzogen. Dabei wurde ihr immer klarer bewusst, in welch krankhaftem Zustand sich unsere Gesellschaft befand.
Sie war eine konsequente und mutige Frau. Als sie feststellte, dass sie indirekt über die Beiträge zur Sozialversicherung tausende Abtreibungen mitfinanzierte, meldete sie sich dort gemeinsam mit ihren vier Kindern ab. Aber wenige Wochen später hatte sie einen sehr schweren Autounfall, bei dem sie selbst und ihr kleiner Sohn ins Koma fielen. Mehrere chirurgische Eingriffe und ein längerer Krankenhausaufenthalt waren erforderlich. Hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Lage bedeutete dies für Karin ein Abstürzen in die Armut.
Aber dennoch wurde sie nicht allein gelassen. Die „Vereinigungen für das Leben“ aus Deutschland, der Schweiz und Österreich und auch viele Einzelpersonen, die sie durch ihr Buch gegen Abtreibung kannten, bildeten für Karin ein Netzwerk der Hilfe. Diese unterstützten sie ebenso materiell wie auch ideell. Sie gaben ihr Kraft, ihr Leben von Grund auf neu aufzubauen und ermutigten sie, nach vorne zu schauen. In einem ihrer letzten Briefe teilte sie mir mit: „Jetzt reinige ich die Häuser anderer Familien, und ich hoffe, zu einem bestimmten Zeitpunkt mein Studium abschließen zu können. Ich bin nicht mehr bekannt und möchte es auch nicht sein. Ich bin jetzt endlich mit mir selbst im Frieden.“
Ich würde mich freuen, wenn wir gemeinsam die Menschen sehen könnten, die Karin geholfen haben. Sie gaben ihr finanzielle Hilfen, auf die sie in ihrer schwierigen Lage sehr angewiesen war. Aber sie gaben ihr noch viel mehr: Sie vermittelten ihr neue Freude, neue Hoffnung in ihrer schmerzlichen Situation. Man kann sagen, sie gaben ihr neuen Mut und verteidigten ihren aufrechten Lebensstil.
Im Folgenden befasse ich mich somit nicht mit dem, was die „Lebensschützer“ sagen – dazu gehören auch wir alle -, auch nicht mit den Gruppen, die Druck ausüben oder mit einigen Politikern. Ich beziehe mich auch nicht auf die Artikel, die sie schreiben und nicht auf die Demonstrationen, die sie organisieren. Ich möchte nur zusammen mit Ihnen nachdenken über unser alltägliches Verhalten gegenüber Personen der „Gegenseite“: d.h. Personen, die eine Abtreibung vorgenommen haben oder dies zu tun planen und Personen, die Euthanasie fordern oder ausführen möchten.
Einige der „Lebensschützer“ sind in Vereinigungen organisiert, andere nicht. Eigentlich ist es nicht nötig, einer Gruppe anzugehören, um das Leben zu schützen, auch wenn es oft sinnvoll ist. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass der Wirkungsgrad einer Gruppe von der Persönlichkeit jedes einzelnen Mitglieds abhängt. Wenn wir also für den Lebensschutz wirksam eintreten wollen, müssen wir alle bei uns selbst beginnen.
(wird fortgesetzt)
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Vortrag von Frau Dr. Jutta Burggraf vom 6. Nov. 2009 auf dem IV. Internationalen Kongress "Provida" in Zaragoza (Spanien)
Jutta Burggraf ist Professorin für Dogmatik und Ökumene an der Theologischen Fakultät der Universität von Navarra.
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