Individuelle Kleinkindbetreuung als bürgerliche Errungenschaft (2)
Entschieden bekämpft wurde dieses „bürgerliche Modell“ der Arbeitsteilung in der Familie vom Marxismus. Denn Friedrich Engels zufolge gründet die „moderne Einzelfamilie“ auf der „offenen oder verhüllten Haussklaverei der Frau“14. „Die Wiedereinführung des ganzen weiblichen Geschlechts in die öffentliche Industrie“ war für Engels die erste „Vorbedingung“ für die „Befreiung der Frau“.
von Stefan Fuchs
---
Zu den anderen Teilen der Serie:
Mit dem Übergang der Produktionsmittel in Gemeineigentum im Sozialismus sollte auch die Pflege und Erziehung der Kinder zu einer „öffentlichen Angelegenheit“ werden. Die „Einzelfamilie“ sei dann überflüssig, weil die „Gesellschaft“ für „alle Kinder gleichmäßig“ sorge (15).
Das marxistische Leitbild der Gleichstellung der Frau durch ihre möglichst vollständige Eingliederung in den Produktionsprozess wurde im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Krieg in Ostdeutschland konsequent umgesetzt. Die Berufstätigkeit der Frau galt als das "gesellschaftliche Anliegen des Sozialismus". Neben ideologischen hatte dies vor allem praktische Gründe: Aufgrund der Kriegsverluste im Zweiten Weltkrieg und der Abwanderung nach Westdeutschland herrschte in der DDR Mangel an – vor allem männlichen - Arbeitskräften.
Auch nach dem Mauerbau blieb die DDR darauf angewiesen, dass die Frauen arbeiteten, denn es herrschte weiterhin Arbeitskräftemangel – was vor allem an der personalintensiven Unproduktivität der DDR-Wirtschaft und Verwaltung lag. Um die ganztägige Erwerbstätigkeit der Mütter zu ermöglichen, wurde ein flächendeckendes System von Kinderkrippen und Horten eingerichtet, in dem die Kinder spätestens ab dem 2. Lebensjahr ganztägig untergebracht wurden (16).
Auch in der damaligen Tschechoslowakei wurde in den 50er Jahren die Betreuung von Kleinkindern in Krippen stark ausgebaut, um die Frauen rasch in das Erwerbsleben zurückzuführen. In den 60er Jahren untersuchte der Kinderpsychologe Prof. Matejcek mit seinen Mitarbeitern Kleinkinder, die in Säuglingsheimen und Krippen betreut wurden. Die von ihm beobachteten psychischen und körperlichen Deprivationserscheinungen waren so erschreckend, dass die Politik reagieren musste. In der Folge wurden nicht nur die Bedingungen der Krippenerziehung verbessert, sondern auch eine bezahlte Erziehungszeit eingeführt (17).
In der DDR störte in den 80er Jahren das häufige Auftreten von Infekten den Betrieb der Kinderkrippen. Die Psychologin Lieselotte Ahnert wurde beauftragt, die Ursachen für die auffallende Infektanfälligkeit der Krippenkinder zu finden. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Kinder nicht wegen ungenügender Hygiene in den Einrichtungen krank wurden, sondern weil sie sich nicht wohl fühlten und keine sicheren Bindungen zu den fremden Betreuern aufbauen konnten (18).
Von den Erkenntnissen der Bindungsforschung, wie sie unter anderem Prof. Matejcek und der britische Psychologe John Bowlby vertraten, wollte in der DDR trotzdem niemand etwas wissen. Dies habe man als eine „reaktionäre Theorie“ angesehen, „die gegen die Emanzipation der Frau gerichtet war und den Müttern suggerierte: Bleibt zu Hause bei Herd und Kind«, erinnert sich Lieselotte Ahnert (19).
Die Gleichstellung der Frauen durch ihre Integration in den Arbeitsmarkt war über Jahrzehnte auch für die Politik in den demokratischen Wohlfahrtsstaaten Nordeuropas, insbesondere in Schweden, das zentrale gesellschaftspolitische Anliegen (20). Um die möglichst kontinuierliche Erwerbstätigkeit von Müttern zu ermöglichen wurde seit den 60er Jahren die institutionelle Kinderbetreuung stark ausgebaut: Während 1964 in Schweden nicht einmal jedes zehnte Vorschulkind eine Kindertagesstätte besuchte, werden heute mehr als achtzig Prozent der Vorschulkinder institutionell betreut.
Gleichzeitig sind Infektions- und Atemwegskrankheiten bei Kleinkindern wesentlich häufiger und auch schwerwiegender geworden (21). Kinder, die schon in einem sehr frühen Alter in Krippen betreut werden, sind von dieser Entwicklung besonders betroffen. So müssen Kinder, die, statt zu Hause zu bleiben, in eine Tageskrippe gehen, wesentlich häufiger wegen einer Mittelohr- oder einer Lungenentzündung in einem Krankenhaus stationär behandelt werden. Besonders gefährdet sind in dieser Hinsicht Kinder unter einem Jahr. Angesichts dieser Entwicklungen drängt sich die Frage nach den langfristigen Auswirkungen der Erkrankungen auf.
In den letzten Jahren wurde häufiger behauptet, dass zahlreiche Infektionen im Kleinkindalter die Kinder später vor Allergien schützen würden. Die Medizinforscherin Annika Linde hat Forschungsergebnisse auf diese Hypothese hin analysiert. Sie kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Die Studienergebnisse über einen möglichen Schutzeffekt vor Allergien zeigten teilweise genau den gegenteiligen Effekt, also eine höhere Krankheitsanfälligkeit von Krippenkindern in späteren Jahren (22).
Vor dem Hintergrund solcher Befunde erscheint es durchaus verständlich, dass in Schweden in den letzten Jahren eine Art „Volksbewegung für das Hausfrauenmodell“ entstanden ist. Vertreter dieser Bewegung sehen in der häuslichen Kinderbetreuung keinen Rückfall in „alte patriarchalische Strukturen“, sondern einen Zugewinn an Freiheit für Eltern zugunsten ihrer Kinder. Das politische Engagement dieser Bewegung ist nicht folgenlos geblieben: Ab Mitte dieses Jahres werden in Schweden Eltern, die ihre Kleinkinder selber erziehen, ein Betreuungsgeld erhalten (23).
(Schluss)
---
Anmerkungen
(14) Vgl.: Engels, Friedrich - „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ in: Karl Marx/Friedrich Engels-Werke, Band 21. Berlin 1962, S. 73.
(15) Vgl. ebd., S. 75-77.
(16) Vgl.: Frank Pergande: „Um 6 Uhr in die Einrichtung. Kann die DDR tatsächlich ein Vorbild für die Kinderbetreuung sein?“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Februar 2007, S. 6.
(17) Vgl.: Burghard Behncke: Der sich beschleunigende Kreislauf zwischen Kleinkindsozialisation in Kinderkrippen und gegenwärtigen Tendenzen in Wirtschaft und Gesellschaft, in: „Psyche - Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen“, Stuttgart März 2006, 60. Jahrgang, S. 237 – 252 sowie: Zdenek Matejek: Neue Erkenntnisse der Bindungsforschung. Prager Langfriststudien, S. 90-102, in: Deutsche Liga für das Kind (Hrsg.): Neue Erkenntnisse der Bindungsforschung, Berlin 1996, S. 93.
(18) Vgl.: Jeannette Otto: Alles eine Frage der Bindung, in: DIE ZEIT vom 20. September .2007, Nr. 39, S. 2.
(19) Vgl. ebd. Trotzdem modifizierte auch die DDR ihre Frauen- und Familienpolitik: So galt ab 1986 das einjährige Babyjahr schon bei der Geburt des ersten Kindes. Daraufhin nutzten fast alle Mütter dieses Babyjahr und Kinder wurden nun „erst“ ab einem Alter von 20 Wochen in die Einrichtungen aufgenommen. Vgl.: Ilona Ostner: Paradigmenwechsel in der (west)deutschen Familienpolitik, S. 165-199, in: Peter A. Berger/Heike Kahler (Hrsg.): Der demographische Wandel. Chancen für die Neuordnung der Geschlechterverhältnisse, S. 180.
(20) Vgl.: Jan-Olaf Gustafsson: Wie Kindertagesstätten eine Nation zerstören können.
(21) Vgl.: Während vor dreißig Jahren sich nur die Hälfte der schwedischen Kinder bis zum Alter von zehn Jahren mit dem Herpes-Zoster-Virus ansteckte, sind es heute „praktisch alle“. Vgl.: Barbara Hobom: Tagesstätten sind Virennester, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. September .2007, S. 36.
(22) Vgl.: Barbara Hobom: Tagesstätten sind Virennester, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. September .2007, S. 36.
(23) Vgl.: André Anwar: Bezahlte Heimarbeit, in: DER TAGESSPIEGEL vom 3. April 2007.
Anmelden oder registrieren um Kommentare einzutragen | E-Mail mit Artikel-Link versenden | Druckversion

