Individuelle Kleinkindbetreuung als bürgerliche Errungenschaft (1)
Die von der Bundesregierung beschlossene „Krippenoffensive“ ist ein zentraler Baustein des in der Stellungnahme der Bundesregierung zum 7. Familienbericht angekündigten gesellschaftspolitischen „Paradigmenwechsels“. Das zentrale Ziel dieses „Paradigmenwechsels“ sind „kontinuierliche“ Erwerbsverläufe beider Eltern. Die neuen Betreuungsplätze sollen hierfür wichtige Voraussetzungen schaffen.
von Stefan Fuchs
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Die moderne Familie und die Aufteilung der Arbeit zwischen Erwerb und Kindererziehung
Die politisch erwünschte möglichst ununterbrochene Erwerbstätigkeit von Müttern auch kleiner Kinder hängt allerdings nicht allein von den institutionellen Rahmenbedingungen ab. Bedeutsam sind auch die gesellschaftlichen Einstellungen zur Arbeitsteilung in der Familie und besonders zur Pflege und Betreuung von kleinen Kindern (1).
Befürworter der Krippenbetreuung kritisieren deshalb die in Westdeutschland verbreiteten Vorbehalte gegenüber der institutionellen Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern. Die Auffassung, dass kleine Kinder auf die Zuwendung und dauerhafte Präsenz ihrer Mütter angewiesen sind, bezeichnen sie als einen „Müttermythos“, der dazu diene „überholte“ Vorstellungen vom Familienleben zu rechtfertigen. Dieser „Müttermythos“ sei „eine Erfindung des Bürgertums des 19. Jahrhunderts“ und idealisiere eine historisch (19./20. Jahrhundert) und sozial (auf das Bürgertum) beschränkte Ausnahmesituation (2).
So wird darauf verwiesen, dass in „früheren Zeiten“ Kleinkinder „mehr als die Hälfte ihrer Zeit mit anderen Personen als der Mutter verbracht“ hätten (3). In vielen Kulturen, etwa in Afrika und Indien, sei die Betreuung durch andere Personen als die Mutter auch heute noch üblich. Die Auffassung, dass die (leibliche) Mutter die primäre Bezugsperson für kleine Kinder verkörpere, sei „eine westliche Mittelschichtphilosophie“ (4).
Tatsächlich war auch in Mitteleuropa die Mitarbeit von Frauen, auch der Mütter mit kleinen Kindern, in der Landwirtschaft und in handwerklichen Gewerbebetrieben nicht nur üblich, sondern oft sogar notwendig zur Existenzsicherung (5). Die Säuglinge und Kleinkinder wurden daher nicht selten von älteren Geschwistern und Großeltern mit betreut. Ihre Bedürfnisse mussten hinter den Arbeitserfordernissen des Hofes oder des Gewerbebetriebs zurück stehen. Durch die Arbeitsüberlastung, insbesondere der Bäuerinnen, kamen sie oft zu kurz. In Bauernfamilien war deswegen noch im späten 19. Jahrhundert die Säuglingssterblichkeit deutlich höher als in bürgerlichen Familien (6).
Säuglinge aus Familien der oberen Mittelschicht, insbesondere von Beamten, hatten dagegen schon vor der Industrialisierung deutlich höhere Chancen das besonders kritische erste Jahr zu überleben, als Kinder aus der bäuerlichen Unterschicht. Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verringerte sich die Säuglingssterblichkeit vor allem in der Schicht der Angestellten und Beamten, während sie in der benachteiligten Arbeiterschaft zunächst auf hohem Niveau verharrte oder sogar noch anstieg (7). Erst um 1900 verbesserten sich die Überlebenschancen für Säuglinge auch in der Arbeiterschaft und auf dem Land durchgreifend (8).
Der starke Rückgang der Säuglingssterblichkeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert war mehreren, gemeinsam wirkenden Faktoren zu verdanken. Sehr bedeutsam war die Verbesserung der Hygiene und der öffentlichen Gesundheitsfürsorge. Eine wichtige Rolle spielte aber auch die Entwicklung der „innerfamiliären Arbeitsorganisation“ im Verlauf der Industrialisierung und der Modernisierung der Gesellschaft (9).
Historische Forschungen haben ergeben, dass – unabhängig von Einkommen und Ausbildung – die Säuglingssterblichkeit in Angestellten- und Beamtenfamilien schon in den 1830er Jahren relativ gering war. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung wurde ein vergleichbar geringes Ausmaß der Säuglingssterblichkeit erst in Zeiten der Weimarer Republik erreicht. Die Beamten- und Angestelltenschaft stellte diejenige Gruppierung dar, in der die Erwerbsarbeit des Mannes schon im frühen 19. Jahrhundert kaum noch eine „berufsnahe Zuarbeit“ der Frauen erforderte. Dies ermöglichte es den Müttern, mehr Zeit und Energie in die Säuglingspflege und Kindererziehung zu investieren. Die Frage, „inwieweit und für wie lange die familiäre Arbeitsorganisation und die Geschlechtsrollen es zuließen, Mütter ganz oder teilweise für die Pflege der Kinder freizustellen“ hatte also einen entscheidenden Einfluss auf das Ausmaß der Säuglingssterblichkeit (10).
Der „bürgerliche“ Lebens- und Erziehungsstil wurde im 19. Jahrhundert „mehr und mehr zum Leitbild breiter Bevölkerungskreise“. Im Verbund mit dieser Lebensweise verbreiteten sich modernere Verhaltensweisen bezüglich der Elternschaft: Die Zahl der Geburten wurde zunehmend beschränkt, um den Kindern als Personen mehr Zeit und Aufmerksamkeit widmen zu können. Von Seiten des „engagierten Reformbürgertums“ intensiv betriebene Kampagnen für eine sorgsamere Kleinkinderpflege und das Stillen der Säuglinge unterstützten diese Verhaltensänderungen (11).
Sozialhistoriker schließen daraus, dass „die Angestellten- und Beamtenschaft mit ihrer spezifischen Familien- und Arbeitsorganisation und dem dazu passenden Konzept von Weiblichkeit und Mütterlichkeit“ der „Motor des demographischen Modernisierungsprozesses“ im 19. und 20. Jahrhundert war (12). Der drastische Rückgang der Säuglingssterblichkeit im Zuge dieses „Modernisierungsprozesses“ ist daher – neben Faktoren wie einer besseren Ernährung und einer öffentlichen Gesundheitsfürsorge – nicht zuletzt auch auf den „Siegeszug des bürgerlichen Geschlechtermodells“ zurückzuführen (13).
(wird fortgesetzt)
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Anmerkungen
(1) Vgl.: Angelika Scheuer/Jörg Dittmann: Berufstätigkeit von Müttern bleibt kontrovers. Einstellungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland und Europa, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren, Ausgabe 38, Juli 2007, S. 2.
(2) Vgl.: Die heile Familie - ein Klischee, Die Historikerin Barbara Beuys Historikerin im stern.de- Interview vom 11.4.2007, http://www.stern.de/politik/deutschland/586665.html?q=Die heile Familie.
(3) Vgl.: Heike Schmoll: Lesetipp: „Das“ Kind und „die“ Krippe gibt es nicht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. März 2008, S. 8.
(4) Vgl.: Andrea Brandt et al: Glaubenskrieg um das Kind, S. 41-54, in: DER SPIEGEL 9/2008, S. 45. In diesem Sinne äußerte sich auch der Biologe Jared Diamond: „Wenn sich nur Kinder gut entwickeln, die in den ersten Jahren an ihren Müttern kleben, dann wären die Kinder der Hausfrauen in den reichen Industrienationen die ersten und einzigen normalen Menschen auf der Erde.“ Vgl.: Christian Schwägerl: Sind wir etwa die ersten normalen Menschen? Ein Gespräch mit Jared Diamond über die Formen unseres Zusammenlebens, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. Juli 2007, S. 40.
(5) Vgl. Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts 1866-1918. Band I: Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1990, S. 117.
(6) Vgl. ebd., S. 62.
(7) Vgl. Vgl. Rita Müller/Sylvia Schrant: Geburtenplanung, soziale Ungleichheit und Geschlecht, - Das Beispiel Stuttgart während der Industrialisierung, S. 111-136., in: Rolf Gehrmann (Hrsg.): Geburtenbeschränkung in historischer Perspektive, Historische Sozialforschung, Vol. 32, Nr. 2 2007, S. 123-124.
(8) Vgl.: Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 1983, S. 128.
(9) Diese Erkenntnisse wurden aus statistischem Material für die Stadt Stuttgart gewonnen. Sie dürften für andere Städte und Regionen in Deutschland in ähnlicher Weise zutreffen. Vgl. Rita Müller/Sylvia Schrant: Geburtenplanung, soziale Ungleichheit und Geschlecht, - Das Beispiel Stuttgart während der Industrialisierung, S. 111-136., in: Rolf Gehrmann (Hrsg.): Geburtenbeschränkung in historischer Perspektive, Historische Sozialforschung, Vol. 32, Nr. 2 2007, S. 123.
(10) Vgl. ebd., S. 130.
(11) Vgl. ebd., S. 125.
(12) Vgl. ebd., S. 127.
(13) Vgl. ebd., S. 134.
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