Klassenzimmer Wildwest

Klassenzimmer Wildwest

Buben springen über Tische, Stühle, Mädchen kreischen, Bücher fliegen – nur der Lehrer blicket stumm im Gewühl herum. Wilhelm Busch? Oder eine Zustandsbeschreibung, die aus der Zukunft kommt? Immerhin soll es in Amerika Skeptiker geben, die vor Entwicklungen warnen, die ganz neue Fragen aufwerfen – zum Beispiel: Benötigen Lehrer einen Waffenschein? Vom symbolischen Duktus dieser Frage abgesehen, befinden wir uns hierzulande zum Glück noch unterhalb der Schwelle einer Eskalation, die zum körperlichen Einsatz auffordert. Aber ganz so harmlos ist die Situation auch in Deutschland nicht. Thema: Unterrichtsstörungen. Leidgeplagte Pädagogen finden im Netz eine Unzahl von Webseiten, die sich dem Problem widmen: Maßnahmen, Empfehlungen, Ursachen – «Disziplinmanagement». Uff! Selbst der philosophische Standpunkt wird inzwischen nicht mehr ausgeklammert: «Wer stört hier eigentlich wen?» Schwierig.

von Markus Rüther
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Rote und gelbe Karten

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Baden-Württemberg hat jetzt ein Machtwort gesprochen und Stellung bezogen: Nicht die Lehrer, die Schüler sind es, die stören. Gut, dass zumindest diese Frage geklärt ist. Der VBE «fordert alle Pädagogen auf, künftig noch deutlicher Position zu beziehen» (TeachersNews). Wie im Fußball so im Leben: störenden Schülern müssen klare Grenzen gesetzt, die «rote Karte» schneller als bisher gezeigt werden, damit die Restmannschaft aufatmen und eine störungsfreie Arbeitsatmosphäre garantiert werden kann. Die Verbesserung der Unterrichtsbedingungen für alle Lernwilligen ist Grundvoraussetzung für den Erfolg. «Alle Reformen und ein noch so gut vorbereiteter Unterricht können nicht greifen, wenn Schüler (aller Schularten!) Schule nicht ernst genug nehmen und das Klassenzimmer lediglich als eine Plattform für infantile Spielchen und Pöbeleien benutzen, sich unerzogen aufführen und ständig sich und andere stören», betont ein VBE-Sprecher und fügt erklärend hinzu, dass die «Störfeuer» der Moderne keinesfalls mit den lustigen Schülerstreichen aus alten Paukerfilmen zu vergleichen seien: Verbale Attacken, Handgreiflichkeiten, Handyklingeln, Verstöße gegen die Schulordnung, Arbeitsverweigerung – kurz: «Destruktiver Dauerboykott schulischer Arbeit».

Ohne Nachspielzeit

Wenn Lehrer schon zu Beginn einer Stunde sich bemühen müssen, störendes Verhalten zu korrigieren, geht wertvolle Lernzeit für «zunächst zwar notwendige, aber bisher versäumte Erziehungsaufgaben» verloren, und soweit Eltern ihre Erziehungsaufgabe nicht verantwortungsvoll wahrnehmen (bzw. wenig Interesse an der Zusammenarbeit mit der Schule zeigen), muss der dauerhafte Erfolg ohnehin ausbleiben. Andererseits darf bei der Suche nach den Gründen für Unterrichtsstörungen nicht außer acht gelassen werden, dass bisweilen auch beim Lehrer selbst und seinem didaktisch-pädagogischen Können die Ursachen liegen können (Qualität der Unterrichtsführung, emotionale Stabilität, Engagement, Einfühlungs- und Durchsetzungsvermögen, Flexibilität, Erziehungsstil, Empathie und Rollendistanz).

Das Arizona-Modell – Hilferufe aus dem Hintergrund

Vielleicht sollten die Kultusminister darüber nachdenken, in den Schulen das sogenannte Arizona-Modell zu etablieren – eine Art Strafbank (allerdings ohne Sicht zum Spielfeld). Um lernbereiten Schülern eine störungsfreie Arbeitsatmosphäre zu garantieren, werden Störenfriede in einen «Trainingsraum» geschickt, in dem sie unter pädagogischer Aufsicht über ihr Verhalten nachdenken können. Doch dies ist ohne zusätzliche Lehrerstunden nicht möglich.

Die Studentin Claudia Rittig empfiehlt hingegen in ihrer Hausarbeit («Störungen im Unterricht»), bereits in der Unterrichtsplanung störende Faktoren zu berücksichtigen, «um den Unterricht zu optimieren und auf Problemsituationen gefasst zu sein. Hilfreich ist dabei, ein Verständnis zu entwickeln, warum Kinder in manchen Situationen so und nicht anders reagieren». Bei Störern sei oft Sehnsucht nach Zuwendung und Halt das ausschlaggebende Motiv für ihr Verhalten: ein Hilferuf aus dem Hintergrund.

Maßnahme: Vitaminschock

Wenn alle Stricke reißen – eine Empfehlung der Redaktion: Schieben Sie eine kurze Cocktail-Pause ein. Vielleicht sollten die Getränke von den Störenfrieden selbst zubereitet werden? Die Drinks wecken die Lebensgeister auf einen Schlag – «eine geballte Ladung Vitamine» (essen & trinken). Sie benötigen (für 25 bis 30 Schüler): 10 Äpfel, 10 Möhren, 60 Blätter Basilikum, 2 Liter Orangensaft sowie 5 Liter Kefir und 10 bis 20 Esslöffel Honig. Und einen großen Mixer. Wenn der Hausmeister die Gläser gebracht hat, ist der Rest ein Kinderspiel: Äpfel waschen, vierteln, und entkernen; grob in Stücke schneiden. Die Möhren ebenfalls waschen, dann schälen und schließlich grob teilen. Anschließend Äpfel, Möhren und die Basilikumblätter sowie Orangensaft, Kefir und Honig in einen Mixer geben und fein pürieren. «Mit einigen Basilikumblättchen garniert servieren.» Zum Wohl!