Kindermangel in Deutschland. Bevölkerungsökonomische Analysen und familienpolitische Lösungen
In einer Zeit, in der die Wohnbevölkerung in Deutschland aufgrund eines Geburtendefizits seit Jahren allenfalls durch Zuwanderung wächst und der Geburtenrückgang potentielle Risi-ken für die Stabilität unserer sozialen Sicherungssysteme, insbesondere im Bereich der Al-terssicherung, in sich birgt, erscheinen Überlegungen zu einer nachhaltigen Familienpolitik besonders lohnenswert.
von Jana Nuckelt
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Für das Phänomen des anhaltenden Geburtenrückgangs werden die verschiedensten Ursachen angeführt, unter anderem die fehlende Kinder- und Familienfreundlichkeit, instabile Partnerbeziehungen, der Wertewandel, ein unzureichendes Angebot an Kinderkrippen und Ganztagsschulunterricht, lange Ausbildungsdauer, Karrierewünsche, Arbeitslosigkeit und Zukunftsängste.
Steinmann widmet sich in seiner Untersuchung dieser aktuellen Problematik des Kindermangels, ihren ökonomischen Ursachen und Folgen. Hierbei ist ihm daran gelegen, den Akzent von den emotional geprägten Diskussionen auf die ökonomischen Anreize für Kinderent-scheidungen zu verlagern, die zwischen optimaler Kinderzahl der Haushalte und gesellschaftlich wünschenswerter Kinderzahl bestehende Kluft herauszuarbeiten und so die Erforderlichkeit einer aktiven und nachhaltigen Familienpolitik zu begründen sowie wirksame Instrumente hierfür vorzustellen.
Im – einer kurzen Einführung folgenden – zweiten Teil des aus insgesamt acht Abschnitten bestehenden Werkes behandelt Steinmann zunächst das Problem der Messung der Fertilität und die Entwicklung der Fertilität in Deutschland und anderen Industrieländern. Er weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der Rückgang der Geburtenzahlen auf einen Mangel potentieller Eltern, eine Verringerung der Geburtenhäufigkeit oder eine Verlängerung des Generationenabstands zurückzuführen sein können.
Anschließend zeigt der Autor auf, dass es sich aus der Sichtweise des Bevölkerungsökonomen – und hieraus erfolgen die Betrachtungen – bei der Kinderentscheidung um das Ergebnis wirtschaftlicher Überlegungen und das Resultat einer individuellen Kosten-Nutzen-Optimierung der Eltern im Hinblick auf Kinderzahl und die Qualität von Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder handelt. Die elterliche Kinderentscheidung wird von den Präferenzen für Kinder und den bestehenden Handlungsbeschränkungen potentieller Eltern bestimmt. So können Kinder Eltern emotionalen Nutzen, Einkommensnutzen und Sicherungsnutzen geben. Andererseits verursachen sie aber auch verschiedene Kosten, beispielsweise familiäre Erziehungs- und Ausbildungskosten, Opportunitätskosten, monetäre und psychische Kosten für eigene Lebensrisiken und die der Kinder. Aufgrund vielfältiger politischer, ökonomischer und sozialer Entwicklungsprozesse verringerte sich der elterliche Kindernutzen in den vergangenen Jahren zunehmend, wohingegen die elterlichen Kinderkosten stetig stiegen. Steinmann zeigt ebenfalls auf, inwiefern – die in den unterschiedlichen Staaten verschiedenen – staatlichen Eingriffe die elterliche Kinderentscheidung beeinflussen können. Diesbezüglich hebt er insbesondere die französische Familienpolitik der steuerlichen Förderung durch Familiensplitting und Reduzierung der Kinderbetreuungskosten positiv hervor.
Im Hinblick auf die ökonomischen Bestimmungsfaktoren elterlicher Kinderentscheidungen (individuelle Rationalität), identifiziert Steinmann als Ursachen für die niedrige durchschnittliche Kinderzahl der Frauen in Deutschland den Rückgang des elterlichen Kindernutzens, den Anstieg der elterlichen Kinderkosten sowie ungünstige institutionelle Regelungen und staatliche Maßnahmen. Er schlussfolgert daraus, dass die individuelle Rationalität in vielen Fällen eine Entscheidung gegen Kinder nahe legt und negative staatliche Anreize die Entscheidung gegen Kinder in vielen Fällen noch begünstigen.
Wenngleich aus der individuellen Sichtweise potentieller Eltern eine niedrige Geburtenzahl in Deutschland die optimale Fertilitätsentscheidung ist, muss diese individuell rationale Entscheidung nicht zugleich auch mit der gesellschaftlich rationalen übereinstimmen. Dies zeigt sich beispielsweise im Hinblick auf die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme wie gesetzlicher Renten-, Kranken- oder Pflegeversicherung. Auch hat die demographische Entwicklung Auswirkungen auf die private inländische Güternachfrage, insbesondere die Konsumnachfrage der privaten Haushalte und die Investitionsnachfrage der Unternehmen. Nicht zuletzt wirkt sich die Schrumpfung der und Alterung in der Bevölkerung auch auf das Güterangebot aus, insbesondere die Produktionsanreize (höhere Steuer- und Soziallasten für alle Steuer- und Beitragszahler sowie Stagnation oder Rückgang der Nachfrage bei zahlreichen Gütern und Diensten) und das Produktionspotential (verstärkte Knappheit an Humankapital und erschwerte Bildung des Sachkapitals). Diese ökonomischen Folgen des Kindermangels (kollektive Rationalität) werden im vierten bis sechsten Kapitel aufgezeigt. Sie offenbaren, dass die individuelle und gesellschaftliche Perspektive konfligieren und auseinanderdriften können.
Die Analyse von individueller und kollektiver Rationalität führt somit zu dem Zwischenergebnis, dass die gesamtgesellschaftlich wünschenswerte Kinderzahl höher ist als die sich aus den individuellen Entscheidungen ergebende tatsächliche Kinderzahl. Das sich aus dem zwischen individueller und kollektiver Rationalität bestehenden Konflikt ergebende Dilemma kann nur überwunden werden, wenn der individuelle „Nettokindernutzen“ mit dem kollektiven „Nettokindernutzen“ in Einklang gebracht wird. Ausgehend von der Grundannahme, dass eine bevölkerungspolitisch konzipierte Familienpolitik die Aufgabe hat, den individuellen Kindernutzen und die individuellen Kinderkosten so zu verändern, dass sie sich mit dem gesellschaftlichem Kindernutzen und den gesellschaftlichen Kinderkosten decken, und die individuelle Rationalität mit der kollektiven Rationalität im Einklang steht, leitet Steinmann verschiedene bevölkerungspolitische Folgerungen ab, die dem Ziel der demographischen Nachhaltigkeit verpflichtet sind.
So plädiert er dafür, dass die deutsche Familienpolitik nicht länger nur sozialpolitische Belange berücksichtigt, sondern vielmehr auch bevölkerungspolitische Belange berücksichtigen muss. Hierbei präferiert Steinmann eine weite – nicht nur eine quantitative, sondern auch qualitative Politik umfassende – Definition der Bevölkerungspolitik. Zur Erreichung einer nachhaltigen Bevölkerungspolitik werden die acht Zwischenziele formuliert: Anhebung der Fertilität möglichst auf das Reproduktionsniveau (1), Verbesserung der Ausbildung der Kinder (2), Verbesserung von Mortalität und Morbidität (3), Förderung der Weiterbildung und des lebenslangen Lernens (4), Festlegung von Einwandererkontingenten (5), Auswahl der Einwanderer (6), Anreize zur Integration der Einwanderer und Assimilation ihrer Nachkommen (7) und Anreize zur Verminderung der Auswandererzahlen von Hochqualifizierten (8). Die zur Erreichung dieser Ziele verfolgten politischen Maßnahmen sollten sich insbesondere beziehen auf die Erziehung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen, die Weiterbildung von Erwachsenen, Gesundheit und Gesundheitsverhalten der Bevölkerung, Zusammensetzung der Einwanderer- und Auswandererströme sowie die gesellschaftliche und ökonomische Integration der Einwanderer und ihrer Nachkommen. Steinmann vertritt die Auffassung, dass ein rein quantitatives Vorgehen einseitig sowie schädlich ist und zu Fehlschlüssen verleitet. Steinmann betont, dass die Gruppe gut ausgebildeter Frauen die vorrangige Zielgruppe der Familienpolitik sein sollte, weil die Relation zwischen Kindernutzen und – kosten vor allem für gut ausgebildete Frauen aus den Mittelschichten mit günstigen Einkommens- und Karrierechancen besonders unvorteilhaft ist.
Im letzten Abschnitt seiner Untersuchung geht er schließlich der Frage nach, ob und mit welchen Instrumenten sich das Ziel einer nachhaltigen Familienpolitik erreichen lässt. Er zeigt die verschiedenen Möglichkeiten auf, wie der elterliche Einkommensnutzen erhöht werden kann. Behandelt werden das Kindergeld, Familiensplitting, Erziehungs- bzw. Elterngeld sowie Geburtenprämien und andere Maßnahmen. Zudem betrachtet er die den Sicherungsnutzen erhöhenden Instrumentarien von Rentenbeitragszeiten für Erziehungsleistungen, staatlichen oder privaten Kinderrenten sowie intrafamiliärer Teilsicherung in der Kranken- und Pflegeversicherung. Schließlich widmet er sich der Frage, mit welchen Mitteln die elterlichen Opportunitätskosten verringert werden können. Dabei stößt er auf die zumindest teilweise Übernahme der Kinderbetreuung, Ganztagsschulunterricht und Aufgabenüberwachung, Verringerung der elterlichen Ausbildungskosten und Risikokosten. In einem abschließenden Exkurs geht der Autor auf die Sonderprobleme im Zusammenhang mit Kindermangel, Abtreibung und künstlicher Befruchtung ein.
Das Werk ist primär an Studenten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gerichtet, eröffnet jedoch auch anderen interessierten Lesern wertvolle Einblicke. Es stellt sich nicht nur für die Bibliothek eines Bevölkerungsökonomen als Bereicherung dar. Vielmehr bietet es gerade auch aufgrund seiner überwiegend verbalen Argumentation und auf das Notwendigste beschränkten Verwendung von Formeln eine sehr empfehlenswerte, erfrischende Lektüremöglichkeit für den mit den ökonomischen Hintergründen von Migration befassten Juristen.
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Gunter Steinmann, Kindermangel in Deutschland. Bevölkerungsökonomische Analysen und familienpolitische Lösungen, Peter Lang GmbH, Frankfurt/Main 2007, 150 S., 34,00 €.
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