Wie Kinder sehen lernen

Wie Kinder sehen lernen

Wenn Sie bei Ihren Kindern Lernschwächen feststellen, dann kann ein Grund darin liegen, dass sie schlecht sehen können. Denn Kinder mit unkorrigierter Sehschwäche haben Schwierigkeiten, optische Reize richtig zu verarbeiten.

von Dr. med. Wolfgang Hanuschik
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Entwicklung des Sehvermögens

Schon kurz nach der Geburt nehmen Babys ihre Umwelt mit ihren Augen wahr – allerdings zunächst sehr undeutlich und ohne Objekte fixieren zu können. Nach der Geburt entwickelt sich das Sehvermögen zunächst sehr schnell: in den ersten sechs bis acht Lebensmonaten ist ein besonders schneller Fortschritt festzustellen. Bis zum Alter von 12 Monaten verzehnfacht sich die Sehschärfe. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Entwicklung des Sehvermögens in den ersten 12 Monaten:

  • 1. Monat Die Augen des Neugeborenen sehen noch sehr schlecht. Die Sehschärfe entspricht etwa 0.03 (3% der Norm; 1.00 = 100% wäre die volle Sehschärfe). Das heißt, das Neugeborene kann gerade hell und Dunkel unterscheiden und grobe Bewegungen sehen. Die Augen stehen nicht immer parallel, sondern es gibt auch natürlicherweise Phasen mit Schielstellungen, fast nur nach außen.
  • 2. Monat Allmählich beginnt das Baby zu fixieren. Ein in die Hand gegebener Gegenstand wird festgehalten und fixiert. Die Augen machen erste Folgebewegungen, wenn das Kind seine Finger bewegt.
  • 3. und 4. Monat Das Kind nimmt Blickkontakt auf, das heißt, es schaut seine Eltern an. Schnelle Richtungswechsel werden möglich. Tiefensehschärfe und Akkommodation (Naheinstellung) setzen ein. Die Hand-Augen-Koordination entwickelt sich noch unter Führung der Hand, das heißt mit der Hand ergriffene Gegenstände werden betrachtet.
  • 5. und 6. Monat Die Sehschärfe erreicht einen Wert von etwa 0,2. Das Kind fängt an, auf das Gesehene zu reagieren. Das gezielte Greifen nach Gegenständen beginnt. Damit einher geht die Entwicklung des räumlichen Sehens. Mit der Verbesserung der Sehschärfe geht die Entwicklung des Farbensehens einher.
  • 7., 8. und 9. Monat Ein Gegenstand wird mit dem Blick erfasst und danach zielstrebig die Hand ausgestreckt. Das Kind ergreift den Gegenstand also unter Führung der Augen. Damit ist die Beziehung zum Außenraum über die Greifdistanz hinaus mit Hilfe der Augen vollbracht. Das Baby ist nun in der Lage, bekannte und fremde Gesichter zu unterscheiden.
  • 11. und 12. Monat Die Sehschärfe beträgt 0,3 bis 0,4 der Norm. Der nun gewonnene Einklang zwischen visueller Orientierung und eigenem Körper unter Führung der Augen bleibt von nun an bestimmend für die Gesamtorientierung.

Das Auge selber hat seinen größten Wachstumsschub ebenfalls im 1. Lebensjahr. In dieser Zeit nimmt die Länge des Auges von 17 auf etwa 23 Millimeter zu. Die meisten Kleinkinder sind wegen der Kürze des Auges nicht normalsichtig, sondern weitsichtig, benötigen dafür aber keine Brille. In der Regel normalisieren sich diese Werte weitgehend.

Bis zum Ende des zweiten Lebensjahres ist das Auge bereits weitgehend „ausgewachsen“. Danach entwickelt sich die Sehschärfe weniger schnell. Sie erreicht im 4. Lebensjahr einen Wert von etwa 0,8. Anschließend erfolgt bis zum Beginn des Schulalters die „Perfektion“ des Sehvermögens. Nach dem sechsten Lebensjahr geht die Lernfähigkeit des visuellen Systems im Gehirn praktisch verloren. Die Entwicklung der Sehschärfe und des räumlichen Sehens ist dann weitgehend abgeschlossen. Es ist dann sehr schwer oder sogar unmöglich, etwas nachzuholen.

Jede Therapie, was das Schielen und das Trainieren des schwächeren Auges durch zeitweiliges Abkleben des gut sehenden Auges betrifft, muss vor dem 7. Lebensjahr erfolgen. Die Prägung beider Augen, auch was ihre Dominanz betrifft, ist dann unumkehrbar. Jeder Mensch hat ein dominantes Auge, auch Führungsauge genannt, das eine etwas bessere Sehleistung und ein besseres Farbensehens besitzt. Dieses Führungsauge wird meist unbewusst für das Weitsehen benutzt, das nicht dominante Auge wird meist für das Lesen benutzt.

Wenn Eltern bei ihren Kindern ein von diesem Schema stark abweichendes Sehverhalten feststellen, ist es ratsam, einen Augenarzt aufzusuchen.

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nach einer Tabelle von www.schielen.de

Dr. med. Wolfgang Hanuschik ist Augenarzt in Berlin