Missbrauch und Vorurteil - Der Furor Teutonicus und die Katholische Kirche

Missbrauch und Vorurteil - Der Furor Teutonicus und die Katholische Kirche

In den letzten Wochen ist in Deutschland vieles beschädigt und in Frage gestellt worden: Das Vertrauen vieler Eltern in bewährte Schulen und Internate, der gute Ruf ehrwürdiger Ordensgemeinschaften, das Verhältnis irritierter Gemeindemitglieder zu ihren Pfarrern, aber auch die Grundregeln zivilisierten Umgangs miteinander im gesellschaftlichen Diskurs, der zuweilen zu einer Medien-Treibjagd degenerierte.

von Martin Eberts
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Wo ist die intellektuelle Redlichkeit geblieben?

Was als Enthüllung abscheulicher Missbrauchsfälle begann, ist mit beängstigender Geschwindigkeit zu einer Art Bildersturm geworden, bei dem das Ziel weder Aufklärung vergangener Untaten noch Wiedergutmachung für das Leid der Opfer ist, sondern die Befriedigung wilder Ressentiments und die Zerstörung des Ansehens der Katholischen Kirche.

Schon die Wortwahl vieler Schlagzeilen und Fernsehbeiträge spricht für sich: Da geht es auf einmal um „Missbrauch in der Katholischen Kirche“, so als ob die Kirche den Missbrauch gefördert habe. Es geht nicht mehr um die Frage, wie es möglich war, dass so etwas überhaupt auch in katholischen Internaten passieren konnte, sondern um den Zölibat, als ob der ursächlich wäre für Missbrauch. Das zeigt ungefähr so viel intellektuelle Redlichkeit wie die Behauptung, die Feuerwehr sei wegen ihrer strikten Brandschutzbestimmungen oder ihrer Nichtraucher-Politik verantwortlich für das Wüten pathologischer Brandstifter, die ihre Taten in Feuerwehruniform begingen.

Sehr entlarvend sind die Versuche, den Papst irgendwie hineinzuziehen, koste es was es wolle. Auf dem Wege der Verwandtenhaftung wurde zunächst sein Bruder in die Nähe der Missbrauchsfälle gerückt, weil er vor Jahrzehnten Regensburger Domspatzen geohrfeigt haben soll... Bald folgte der direkte Angriff auf den Papst, dokumentiert etwa durch die Schlagzeile einer großen Tageszeitung, die am 15.3. – in bewusster Anspielung auf abgenutzte Parolen über Pius XII. und den Nationalsozialismus – titelte: „Benedikt XVI. schweigt“.

Man reibt sich die Augen: Müsste es nicht eigentlich um die Opfer des Missbrauchs, um Hilfe und Prävention gehen? Warum stattdessen so viele Angriffe gegen die Kirche selbst, so als gehe es um etwas „typisch katholisches“? Sind nicht auch Papst, Kirche und katholische Glaubenslehre aufs schimpflichste mit geschändet worden durch die Perversitäten der Täter? Der Anstand müsste eine Instrumentalisierung der Verbrechen eigentlich verbieten.

Aber wenn man die Geschichte der Kirche in Deutschland in den letzten ca. zwei Jahrhunderten betrachtet, dann zeigt sich, dass ungefähr alle 40 bis 50 Jahre die Zeit einfach reif zu sein scheint für eine große anti-katholische Kampagne; das erklärt sich ganz ohne Verschwörungstheorie aus Zeitgeist oder politischem Willen. Die letzte Kampagne kam sogar ganz ohne konkreten Anlass aus, ohne Skandal, der sich ausschlachten ließ; sie schuf sich ihr Thema einfach selbst, und das mit großem Erfolg. Gemeint ist natürlich Rolf Hochhuths Tendenzstück „Der Stellvertreter“, das die Kulturrevolution der 68er-Zeit mit einem zusätzlichen Munitionsvorrat versah, der bis heute reicht – wie man an der schon erwähnten Schlagzeile sehr gut ablesen kann. So unterschiedlich die Zeiten und Akteure auch immer waren, ein Element verbindet sie: Der Wille, alles zu nutzen, um die Glaubwürdigkeit von Kirche und Papst zu beschädigen.

"Furor Teutonicus" gegen den Papst

Ich frage mich, was eigentlich immer wieder diesen „Furor Teutonicus“ gegen Papst und Kirche auslöst, wie er kaum je gegen andere gesellschaftliche Akteure oder Großgruppen zu entfesseln ist. Die tatsächliche „Macht“ der Kirche kann es in unserer so gründlich säkularisierten Gesellschaft ja nicht sein. Die Antwort scheint mir in einem kollektiven psychologischen Phänomen zu liegen.

Die Katholische Kirche steht wie kaum eine andere Institution für moralische Grundsätze, die aus der Verantwortung des Menschen vor Gott erwachsen. Damit steht sie natürlich der Um- und Abwertung der Werte entgegen, stört den permissiven Duktus des gesellschaftlichen Diskurses, ganz besonders in Fragen wie Abtreibung oder Sexualmoral, Familie oder Erziehung. Das ist allen ihren Kritikern und Feinden wohl bewusst, nicht weniger als den Kirchenmitgliedern. Selbst vom Rande des gesellschaftlichen Diskurses aus ist die Kirche als Mahnende im Hintergrund präsent und hat in den Gewissen der Menschen ganz offensichtlich immer einen gewissen Widerhall, auch gegen deren Willen.

Man kann sein Gewissen zwar betäuben und sich für ein Leben des ethischen Relativismus und Voluntarismus entscheiden – damit ist man in überaus zahlreicher Gesellschaft und kann sich täglich bestätigt fühlen; es halten ja – fast - alle so. Aber offenbar ist das unterbewusste Gefühl nicht tot zu kriegen, dass die unbequemen Botschaften der Kirche doch irgendwie einen jeden betreffen - sie gehen mich an, auch wenn ich mich sträube und abwende. So erklärt sich das tiefsitzende anti-katholische Ressentiment vieler Zeitgenossen, und es kann zu seiner Mobilisierung nichts Wirksameres geben, als den Vorwurf, die Kirche halte sich ja selbst nicht an ihre Regeln. Damit ist eine willkommene Selbstentlastung und Ruhigstellung des Gewissens verbunden. So entsteht die paradoxe Situation, dass die Kirche für ihre Lehre und für die Verstöße dagegen zugleich und von den selben Menschen kritisiert wird.

Ein Tipp für lautstarke Kritiker

Es zeigt sich, wie wichtig auch das gesellschaftliche Ansehen der „Institution“ Kirche ist und wie verheerend jeder Erweis des Versagens in den Reihen ihres „Personals“. Dabei ist das Mit-Leiden der Gläubigen noch gar nicht eingerechnet. Aber bei dieser Feststellung darf man es nicht belassen. Müsste nicht sonst der fatale Eindruck entstehen, es gehe den „Apologeten“ der Kirche nur um eine bessere öffentliche Selbstdarstellung? Fragen wir uns also, ob Kirche und Papst genügend Mitgefühl und christliches Gewissen zeigen. Steht nicht der Zweifel daran hinter den bizarren Rufen, auch aus den Reihen der Kirche selbst, der Papst müsse sich „entschuldigen“?

Den lautstarken Kritikern sei – passend zur vorösterlichen Bußzeit – die Lektüre der wunderbaren Kreuzwegandacht empfohlen, die Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. am Karfreitag 2005 im Kolosseum hielt und die als Büchlein publiziert wurde („Der Kreuzweg unseres Herrn – Meditationen“). Ihre Entstehung hat nichts mit einem Missbrauchsskandal zu tun. Sie zeigt die innere Haltung und Gesinnung des Papstes. Zur neunten Station des Kreuzwegs („Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz“) findet sich darin folgender Text (hier in Auszügen):

„Was kann uns der dritte Fall Jesu unter dem Kreuz sagen? Wir haben an den Sturz des Menschen insgesamt gedacht, an den Abfall so vieler von Christus in einen gottlosen Säkularismus hinein. Müssen wir nicht auch daran denken, wie viel Christus in seiner Kirche selbst erleiden muss? … Wie oft wird sein Wort verdreht und missbraucht? … Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollen? … Der Verrat der Jünger, der unwürdige Empfang seines Leibes und Blutes, muss doch der tiefste Schmerz des Erlösers sein, der ihn mitten ins Herz trifft...“

Stellt man diese Worte des Papstes neben das Schäumen und Eifern seiner Kritiker, dann beantwortet sich die Frage von selbst, wo es an Demut und Mitgefühl, an Bußgesinnung und Wille zum Guten fehlt und wo nicht.