Kampfplatz Schule
«Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werden ignoriert. Einige Kollegen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damit sie über Funk Hilfe holen können.» Jeder Regisseur würde einen Plot, der solche Szenen zum Inhalt hat, ablehnen. Grund: unrealistisch, übertrieben, verrückt. Offensichtlich hat die Wirklichkeit die Filmwelt überholt. In einem offenen Brief an den Berliner Schulsenator klagen Lehrer über eine nicht mehr zu bewältigende Aggressivität ihrer Schüler. Inzwischen wurden Polizeikontrollen angeordnet.
von Markus Rüther
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Auf der Flucht …
Ein im Internet kursierender Film, den Schüler während des Unterrichts aufgenommen haben, zeigt die Klasse als Partyraum: Schüler unterhalten sich, einige stehen auf und laufen durch die Klasse, ein Schüler mit brennender Zigarette. Der Lehrer sitzt teilnahmslos wie gelähmt am Pult. In einem anderen Film brüllt ein Schüler den Lehrer so laut an, dass man den PC-Lautsprecher im Reflex zurückdreht. Wen wundert es da, dass Deutschland die Lehrer ausgehen? Nach jüngsten Schätzungen fehlen allein auf dem Sektor der naturwissenschaftlichen Fächer 15.000 Lehrpersonen. Inzwischen werden zwanzig Prozent des Schulunterrichts von Lehrkräften erteilt, die entweder fachlich oder pädagogisch nicht dafür ausgebildet sind. Da erteilt auch schon einmal ein Förster Bio und ein Pharmaziereferent Chemie. Oder der Unterricht fällt ganz aus (Vorteil: keine Verletzten). Allein im Jahre 2006 sollen es eine Million Schulstunden gewesen sein.
Politisches Schulterzucken
Die Politik reagiert kurzatmig, phantasielos und an der falschen Stelle. Die Anhebung der Pensionsgrenze auf 67 Jahren wird nicht viel gegen die bereits anrollende Welle von Lehrern, die in den Ruhestand gehen, ausrichten können: Allein in den nächsten fünfzehn Jahren werden 300.000 von 800.000 Lehrern nicht mehr unterrichten. Außerdem ist die Maßnahme kontraproduktiv und ungerecht: Schon heute gehen knapp zwanzig Prozent der Lehrkräfte wegen Dienstunfähigkeit vorzeitig in Rente. Nach einer aktuellen medizinischen Studie wird die Gesundheit von Lehrkräften durch offene Feindseligkeit, schwere Beleidigungen und Aggressivität, denen sie im Klassenzimmer ausgesetzt sind, stark belastet. Besonders dramatisch ist die Situation an deutschen Hauptschulen, wo innerhalb eines Jahres 55 Prozent der Lehrkräfte erleben, dass sie im Unterricht von Schülern schwer beleidigt, aggressiv behandelt oder sogar verletzt werden.
Der Unmut der Öffentlichkeit
In jedem besseren Drehbuch würde an dieser Stelle ein kleiner Ausgleich zur Wahrung des dramaturgischen Gleichgewichts stattfinden, indem sich zum Beispiel Eltern und Öffentlichkeit mit den Pädagogen solidarisieren. Doch auch hier bricht die Wirklichkeit, die ja einst die Grundlage für jedes dramaturgische Prinzip war, mit bewährten Standards: der Unmut der Öffentlichkeit über die herrschenden Zustände konzentriert sich allein auf die Lehrer als die Verursacher des Übels. Auf der einen Seite wird erwartet, dass Missstände aufgegriffen und möglichst rasch beseitigt werden, auf der anderen Seite traut man das den Lehrern im Grunde gar nicht zu. Wird damit nicht auf Dauer auch die motivierteste Lehrkraft demotiviert?
«Neue Lehrer braucht das Land»
«Es ist Zeit, dass wir über Lehrer reden», schreibt Catrin Boldebuck auf sternOnline: «Denn der Schulalltag wird geprägt von Frauen und Männern, die langweiligen Unterricht machen, die Kinder traktieren und träge sind.» Die Autorin weiß von Lehrern, die mit Stühlen werfen oder ohne Erlaubnis die Taschen von Schülern durchsuchen. Nach ihren Recherchen gehören «unfähige Lehrer zum Schulalltag wie Tafel und Kreide». Das Fazit des stern ist vernichtend: unvorbereitet, unpünktlich, unfair. Sind es tatsächlich die Lehrer, die den Schülern die Lust am Lernen nehmen? Werden Schüler durch langweiligen Unterricht entmutigt? Weshalb gehen so wenige Kinder gerne zur Schule? Und: Warum können 20 Prozent der deutschen Schüler nicht richtig lesen, schreiben oder rechnen?
Motivationsforschung
Bei verschiedenen Erhebungen und Langzeitstudien an Pädagogischen Hochschulen wurden mehrere tausend Studenten, Absolventen und Lehrer nach ihren Motiven für ihre Berufswahl befragt. Ergebnis: Viele Lehrer schätzen die Freizeit, das kurze Studium, die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes. Nur 35 Prozent sind sehr engagiert, manche Lehrer mögen keine Kinder. Für ein Viertel ist der Beruf eine Notlösung. «Das Studium zieht Leute an, die sich ein schwieriges Studium nicht zutrauen», sagt ein Erziehungswissenschaftler. «Sie wollen nicht mit Kindern arbeiten, sondern einen krisensicheren Job.» Dabei ist ausgerechnet unter denen, die aus pragmatischen oder hedonistischen Erwägungen Lehrer geworden sind, die Gruppe derjenigen, die später ihre Berufslaufbahn in fast allen Bereichen negativ beurteilt, besonders groß: sie gehören schon nach kurzer Zeit zu den «ausgebrannten» Lehrern.
Deutschland braucht einen pädagogischen Kurswechsel
Weshalb kann in Deutschland jeder Lehrer werden? Und warum werden in Deutschland nur die Schüler und nicht die Lehrer regelmäßig getestet? Manfred Prenzel, der Leiter der deutschen Pisa-Studie betont: «Von Profis erwartet man, dass sie ihre Leistung systematisch überprüfen.» In Finnland, wo die Schüler schon zum dritten Mal die meisten Punkte beim Pisa-Vergleich sammeln konnten, dürfen nur die Besten Kinder unterrichten. «Die Auslese ist hart und gefürchtet: 6500 Bewerber kämpften in diesem Sommer um 800 Plätze. Drei Tests waren zu bestehen. Erst müssen die Aspiranten Fragen zu einem Text über Erziehungswissenschaften beantworten, dann ein Gruppeninterview überstehen und sich zum Schluss einem Einzelgespräch stellen. Alles dreht sich um Pädagogik.» (stern) Matti Meri, Professor an der Universität Helsinki und Leiter des Auswahlverfahrens, sagt: «Wir brauchen keine Lehrer, die wunderbar Flöte spielen. Wir brauchen Menschen, die sich fragen: Wie erreiche ich, dass Kinder gerne Flöte spielen?» In Finnland genießt der Beruf des Lehrers hohes Ansehen. Das zieht gute Leute an.
Anreize fehlen
Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbandes und Gymnasialdirektor verfügt über einen Prämienfonds von jährlich 5000 Euro, die der Schulleiter seinen Pädagogen für besondere Unterrichtserfolge überweist. «Das ist nicht viel, doch die Lehrer freuen sich trotzdem.» Fünf bis zehn Prozent der Gehälter müssten laut Meidinger im Idealfall individuell verteilt werden. Prämien könnte es auch für den Einsatz an Brennpunktschulen geben. In Finnland, Dänemark oder in den Niederlanden erhalten Lehrer für die Förderung oder die Betreuung von Schülern zusätzliches Geld. Laut sternOnline berechnen derzeit Ökonomen am Institut der Wirtschaft (IW) in Köln ein ähnliches Modell für Deutschland. Grundlage für die Bewertung der Leistungen sollen individuelle Vereinbarungen zwischen Pädagogen und Schulleitung sein. Das Geld sollen die Schulleitungen von den Kultusministerien erhalten. Zur Finanzierung der Prämien wollen die Experten den Altersbonus und die Heirats- und Elternzulagen abschaffen.
Noten für Lehrer
Dr. Bernhard Bueb, Buchautor («Lob der Disziplin») und langjähriger Leiter einer Internatsschule, wurde von den Medien zum «strengsten Lehrer Deutschlands» gekürt. Bueb stellt den Lehrer in den Mittelpunkt der Bildungsdebatte, weniger die Strukturen. Inzwischen ist sein zweites Buch erschienen: «Von der Pflicht zu führen – Neun Gebote der Bildung». O-Ton Bueb: «Jemanden als Person und in seiner Arbeit anzuerkennen, jüngere und unerfahrene Menschen in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken – das bedeutet Führung; Ziele zu vereinbaren und darauf achten, dass diese eingehalten werden; zu kontrollieren, indem man den Spiegel vorhält und Kritik als Hilfe versteht.» In den Schulen dominiere Belehrung anstelle von Charakterbildung. «Viele Eltern und Lehrer erziehen nicht richtig.» Die Schulleiter müssten von Verwaltungsaufgaben entlastet werden, um sich ganz auf die Lehrer zu konzentrieren. «Die Schulleiterposition muss zur Führungsposition gemacht werden.» Ferner schlägt Bueb vor, die Verträge der Schulleiter auf fünf Jahre zu befristen und das Kündigungsrecht für Lehrer zu lockern. «Nicht jedem Lehrer gelingt es, Schülern Bildung verständlich zu machen und ihr Selbstwertgefühl zu stärken.» Lehrer seien individuelle Künstler, «autonom in ihrem Kerngeschäft» und können selbst bestimmen, was guter Unterricht ist. Was ihnen fehlt, ist die Kontrolle – etwa durch eine jährliche Beurteilung durch Schüler oder regelmäßige Unterrichtsbesuche der Schulleiter.
Gute Lehrer wechseln die Perspektive
«Gute Lehrer sorgen dafür, dass jedes Kind in seinem Tempo lernt», betont Catrin Boldebuck und zitiert einen der Autoren der McKinsey-Studie, wonach Lernen ein durch und durch individueller Prozess sei: Lehrer müssten verstehen, wie Kinder denken, ihre Sicht einnehmen. «Den Unterricht neu zu gestalten ist anstrengend. Das kostet viel Zeit», berichtet eine Grundschullehrerin: «Aber wenn die Kinder allein arbeiten, mich gar nicht mehr bemerken – dann habe ich meine Aufgabe gut gemacht.» «Lehrer machen nicht irgendeinen Job», schreibt Catrin Boldebuck, «sie haben einen der schönsten und wichtigsten Berufe. Einen mit sehr viel Verantwortung. Lehrer formen junge Menschen. Sie verteilen Chancen. Sie entscheiden, wer Abitur macht, wer es später zu etwas bringt und wer nicht. Es ist eine schwierige Aufgabe, 25 bis 30 Kinder zu unterrichten, jedes einzelne zu fördern. Das kann nicht jeder. Dafür sollten die Besten gerade gut genug sein. Nicht in Deutschland. Hier kann jeder Lehrer werden, der ein mittelmäßiges Abitur vorweist.»
«Unsere Lehrer»
So engagiert und sachkundig wie die stern-Autorin Boldebuck begleiten zwar nicht sehr viele Journalisten die Debatte, dennoch fällt auf, dass ganz unabhängig von Kenntnis und Engagement dieses Thema bei sämtlichen Beteiligten gewisse Emotionen freisetzt. Anstatt Grund und Ursache solcher Gemütsbewegungen zu hinterfragen, wandte sich kürzlich der Verband Bildung und Erziehung (VBE) gegen offene oder unterschwellige Pauschalangriffe gegen Lehrer und kritisierte, dass Berufene und Unberufene als «Experten» ihre Meinung öffentlich zum Besten geben, da ja jeder seine ganz persönlichen Erfahrungen mit der Schule gemacht habe. Nun, lieber VBE-Sprecher, dieser Logik können wir leider nicht folgen. Denn wäre es so, wie Sie sagen, dann würden wir ja auch den Bäckern, Metzgern und Köchen erklären, wie sie Brötchen zu backen, die Wurst zu würzen oder die Spätzle zu schaben haben. Schließlich hat jeder von uns seine Erfahrungen mit Brot, Wurst und Hauptgerichten gemacht. Doch aus irgendeinem Grunde wollen wir über die Zunft der Metzger, Bäcker und Köche nicht so gerne reden wie über unsere Lehrer. Warum wohl? Vielleicht finden Sie die Antwort im zweiten Teil: «Unsere Lehrer». Unter dieser Headline stellen wir Ihnen in Kürze Lehrer vor, wie wir sie erlebt haben…
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