Werden die Jungen die Verlierer sein?
Wenn es stimmt, dass uns amerikanische Verhältnisse mit einer gewissen Verzögerung erreichen, dann hat die Klage über die benachteiligten Jungen, die es auch hierzulande mit zunehmender Schärfe gibt, noch nicht ihren Höhepunkt erreicht. Dieser Bericht aus dem heutigen Amerika sollte uns die Notwendigkeit einer intensiven Förderung der Jungen noch stärker verdeutlichen und zu pädagogischen Konsequenzen in allen Bildungseinrichtungen von der Kita bis zur Universität führen.
Kevin Ryan
---
Erziehung von Jungen war nie leicht, aber warum ist es heute so höllisch schwer?
Wir Männer waren immer problematisch, insbesondere im Vergleich mit Frauen. In jüngster Zeit scheint allerdings die Erziehung gefährlich aus dem Ruder zu laufen.
Mark Penn, der „Guru“ für soziale Trends veröffentlichte vor kurzem eine Anzahl von Statistiken, die Anlass zu großer Sorge bieten. Männer hinken Frauen in jeder Beziehung hinterher, bei der Lebenshaltung ebenso wie bei der Gesundheit, aber auch in Ausbildung und Beruf. So sind Männer beispielsweise mehr als doppelt so häufig in tödliche Unfälle verwickelt als Frauen. Man kann also getrost die dummen Witze über Frauen am Steuer vergessen. In den USA sitzen z. Zt. 1,5 Millionen Männer im Gefängnis, 15 mal mehr als Frauen. Männer sind eher in Gefahr, Alkoholiker zu werden und führen in allen Fettleibigkeits-Statistiken. Wen wundert es da noch, dass Frauen die Männer statistisch um etwa 5 Jahre überleben.
Über Jahrzehnte haben Feministen die Gehaltsunterschiede zugunsten der Männer angeprangert. Diese mögen zwar noch bei den 40 – 50 Jährigen bestehen, mit Sicherheit jedoch nicht mehr bei der Gruppe der 20 – 30 jährigen Angestellten. Dort sind die Gehälter mittlerweile angeglichen; doch werden Frauen bevorteilt, wenn es dem Unternehmen schlecht geht und Entlassungen anstehen. Dann nämlich werden junge Männer eher entlassen als junge Frauen.
Die Statistiken zeigen, dass landesweit Mädchen und junge Frauen ihre männlichen Gegenspieler übertreffen. Im September 2008 lag der Anteil der Studentinnen, die eine Fachhochschul- oder Universitäts-Ausbildung aufnahmen, bei 58%.
Es besteht jedoch nicht nur ein ungleiches Geschlechterverhältnis zum Nachteil der männlichen Studenten; Frauen durchlaufen die Studiengänge schneller, erzielen bessere Abschlüsse und erhalten weniger Disziplinarstrafen. Elite-Schulen und Medizinische Ausbildungsstätten nehmen mittlerweile mehr Frauen an als Männer. Die Situation ist bereits so kritisch, dass viele Schulen ihre männlichen Bewerber vertraulichen Bewertungsprogrammen unterziehen, um einigermaßen ausgewogene Eingangsklassen bilden zu können. Die einst so „Mächtigen“ sind ziemlich heruntergekommen.
Schnecken, Bummelanten und geistig Minderbemittelte
In der Universitätsstadt, wo ich wohne, gibt es viele Professoren. Fragt man sie, weshalb Mädchen sich so viel besser schlagen als Jungen, haben sie klare Antworten parat. Alle sind sich einig, dass ihre Studentinnen sich besser organisieren können. Sie nehmen an den Vorlesungen teil, schreiben geduldig mit, fragen nach und liefern ihre Aufgaben rechtzeitig ab. Männliche Studenten beeindrucken zwar oft durch Intelligenz, Engagement, Wissbegierde und Kreativität, nehmen es jedoch im Großen und Ganzen nicht so genau mit der Anwesenheit, hören oft nur gelangweilt zu und liefern nachlässig angefertigte Aufgaben vielfach erst verspätet ab. Mädchen sind im Allgemeinen freundlich und offen, Jungen dagegen geben sich häufig verschlossen. Meine Gesprächspartner bezeichnen die heutigen Studenten als unfertig und unreif und belegen sie mit so freundlichen Begriffen, wie: Schnecken, Bummelanten und geistig Minderbemittelte.
Junge Frauen haben sich offensichtlich besser auf die neuen Chancen in Bildung und Beruf eingestellt. Es wurden Türen geöffnet, durch die sie einfach getanzt sind. Wenn nur etwas an den Aussagen der von mir befragten Professoren wahr ist, wundert man sich nicht, warum Elite-Schulen jungen Frauen den Vorzug vor männlichen Bewerbern geben. Angesichts der Arbeitsmoral und des Benehmens mancher männlicher Mitarbeiter hat man auch Verständnis für Arbeitgeber, die in rauen Zeiten eher weibliche Mitarbeiter behalten. Die Wahl zwischen einer wachen, freundlichen, zupackenden und verantwortlichen jungen Frau und einem unorganisierten und wenig motivierten Mitarbeiter fällt nicht schwer.
Warum haben junge Männer im akademischen und beruflichen Bereich ihre Führungsrolle verloren? Sie waren es doch immer, die Grenzlinien verschieben, Kriege beginnen und sich hohe Ziele setzen mussten; aber sie waren auch diejenigen, die große Taten vollbracht haben, sei es die Entwicklung von Impfstoffen oder der Aufbau erfolgreicher Industrien. Sie waren angesehen und vermittelten den Frauen Führungsstärke und Sicherheit. Nun sagen immer mehr Frauen: „Das brauch’ ich nicht.“ Als Elvis Presley einmal gefragt wurde, warum er nicht heiraten wolle, sagte er: „Warum soll ich eine Kuh kaufen, wenn ich mir die Milch von jeder Weide holen kann?“ Frauen beantworten die Frage heute etwa so: „Warum soll ich mir einen störrischen und faulen Esel anschaffen, wenn ich im eigenen Auto in die Stadt fahren kann!“
Die Professoren, die ich befragte, stellen fest, dass ihre männlichen Studenten durch das durchsetzungsfähigere und selbstbewusstere Auftreten ihrer weiblichen Kommilitonen sich aus dem Gleichgewicht gebracht und ins Abseits gestellt sehen. In dem Zusammenhang ist auch anzumerken, dass es auf dem Campus zwar reichlich sexuelle Kontakte, doch kaum echte Beziehungen zwischen den Geschlechtern gibt. Dies erklärt wohl, weshalb wir den größten Anteil von Singles in unserer Geschichte zu verzeichnen haben.
Es fehlen die Väter
Was diese Statistiken belegen, ist sicher interpretierbar und auch ich habe meine Interpretation: Vielen, sehr vielen Jungen fehlen heute Vorbilder, deren wichtigstes der Vater ist. Seit dem 2. Weltkrieg hat sich das Bild der Familie dahingehend gewandelt, dass dort immer weniger Väter zu finden sind. Eine 50%ige Scheidungsrate, zuzüglich vieler Trennungen, bei denen die Partner einfach auseinander gehen, kennzeichnen die heutige Familiensituation.
Die vaterlose Familie ist das größte Problem: In den USA werden ca. 40% der Kinder unverheirateten Müttern geboren. Vom ersten Tag an tragen diese Frauen, deren Schulausbildung meist ebenso gering wie ihre berufliche Qualifikation ist, die alleinige Last, ihre Kinder aufzuziehen. Unter der farbigen Bevölkerung, bei denen ca. 70% der Geburten außerehelich sind, nennen Männer die Frau, mit der sie ein Kind haben, distanziert „my baby's mama”. Bei den besser situierten Frauen, die keinen geeigneten Partner gefunden haben, oder sich den „Ehestress“ nicht zumuten wollen, wird es dagegen geradezu ein Modetrend, zur Samenbank zu fahren, um sich ein Designer-Baby zu verschaffen.
In dem verbleibenden Rest „intakter“ Familien ist der Vater allerdings oft scheinbar oder auch tatsächlich nicht wahrnehmbar. Seit der Vater seine Farm aufgegeben und einen Job in der Fabrik oder im Büro angenommen hat, hat er zum Nachwuchs kaum noch engen Kontakt. Er tut sich auch schwer mit PC oder virtuellen Welten, die seinem Sohn den Zugang zur modernen Arbeitswelt ermöglichen. Wenn der Vater endlich nach Hause kommt, kann sein Sohn von ihm lernen, wie man sich bequem zurücklehnt, um Fernsehen zu schauen.
In Familien ohne Vater lernen die Mädchen zumindest von ihrer Mutter mit den Herausforderungen ihres Umfelds umzugehen. Jungen können zu Hause kaum erlernen, wie sie am Besten arbeiten, wie sie mit jemanden wetteifern und ganz wichtig, wie sie ihre künftige Frau versorgen können.
Die Schule
Schulen haben einen nicht unwichtigen Anteil am schlechten Profil der Jungen. Vor noch nicht allzu langer Zeit trafen Jungen nach der durch Lehrerinnen dominierten Grundschule auf die ersten starken männlichen Persönlichkeiten. Ausbilder oder Trainer forderten und erhielten Respekt. Seit etwa 20 Jahren jedoch liegt die Ausbildung immer mehr in weiblicher Verantwortung. Weiterführende Schulen sind mittlerweile groß, bürokratisiert und den Bedürfnissen einer guten Entwicklung männlicher Schüler wird kaum entsprochen.
Die Feminisierung des Curriculums ist unübersehbar. Wichtige Persönlichkeiten der US-amerikanischen Geschichte, wie George Washington, Robert E. Lee und “Lucky Lindbergh" mussten Abigail Adams, Sojourner Truth und Carrie Nation Platz machen. Literatur über noble Taten und kühne Männer wurde durch Erzählungen über Heroinen und leichte moderne Romane ersetzt: Kaum der geeignete Stoff, durch den sich Jungen für ihre Aufgaben als Mann inspirieren lassen.
Dann ist da noch die Schule selbst. Viele Jungen lernen, sich zu disziplinieren, ihre Energien zu kanalisieren und sich stundenlang ruhig auf ein Buch zu konzentrieren, aber viele, sehr viele schaffen es einfach nicht. Für sie ist Schule ätzende Langeweile, in der sie in engen Bänken herumzappeln und verzweifelt auf das Läuten der Schulglocke warten. Ihre Körper wachsen, ihr Geist siecht irgendwie dahin und sie schmachten danach, anderswo als in dem faden Klassenraum zu sein. Ihre Erzieher verschlimmern die Situation, wenn sie ihnen ständig vorhalten, dass sie nie erfolgreich sein werden, es niemals zu etwas bringen werden und sie niemals ihre eigene Bürokabine haben werden, wenn sie sich nicht anstrengen. Wenige Jungen lassen sich jedoch von einer Zukunft in einer Kabine ködern. Schule, wie wir sie heute kennen, ist zur Welt der Frauen geworden.
Das Eldorado des Wohlstands
Meine dritte These für die Probleme der Jungen ist die Kultur, die wir für sie geschaffen haben. Bevor die Psychologen uns über die Pubertät aufklärten und die Soziologen den amerikanischen Teenager entdeckten, war die Welt des Jungen härter und einfacher. Nach seiner Volksschulausbildung –inhaltlich der heutigen Mittelschulbildung vergleichbar- begann er zu arbeiten. Wenn nicht angelernt durch seinen Vater, einen Bauern oder Ladenbesitzer, so unter einem Lehrherrn, der aus ihm einen brauchbaren und produktiven Menschen formte. Verhielt er sich nicht so, wie von ihm erwartet, musste er ernste Konsequenzen fürchten. Wurde er außerhalb der Arbeit betrunken oder in eine Prügelei verwickelt oder bei einem Diebstahl ertappt, reagierte die Gemeinschaft schnell und einschneidend. Sein Weg in die Erwachsenenwelt war klar vorgezeichnet und nur wenige scheiterten auf dem Weg.
Das soziale Umfeld der Jungen ist heute die Spaßgesellschaft. Jeder Junge hat den berechtigten Wunsch, heranzuwachsen und erfolgreich zu sein, doch weiß niemand so recht, was das Ziel ist. Die Jungen werden mit so erfolgreichen Leuten wie Toby Bryant, Tom Brady, Michael Jackson und James Bond konfrontiert, dem knackigen Kerl, dessen Muskeln die Mädels lustvoll streicheln, dem Schlauberger mit dem losen Mundwerk und den schnellen Fäusten, und dem irren Typen mit den heißen Reifen. Die Liste der Stars ist lang und vielfältig; die Jungen fühlen sich von diesen falschen Idolen und dubiosen Vorbildern angezogen, doch wie können sie daraus einen eigenen starken Charakter formen?
Aber das Hauptproblem ist die Vergnügungssucht. Die Spielzeuge des modernen Kapitalismus erlauben selbst Jugendlichen in Armenvierteln mehr sinnliche Befriedigung als Louis XIV. in seinem luxuriösen Palais in Versailles sich je ausmalen konnte. Der amerikanische Junge kennt weder Kälte noch Hunger. Er wird durch seine Familie oder durch die Fürsorge mindestens bis zum 18. Lebensjahr versorgt. Wenige arbeiten oder tragen irgendeine Verantwortung. Für 6 Monate im Jahr hat er jeden Tag 6 Stunden Unterricht. Freizeit hat er deshalb mehr, als ihm gut tut. So kann er sich ungestört allen möglichen Vergnügungen widmen: hunderte Fernsehprogramme, Musik jeden Genres auf seinem iPod und das Handy braucht man, um nur ja keine Einsamkeit aufkommen zu lassen.
Hinzu kommen die Süchtigmacher: Drogen, Sex ohne Konsequenz und widerwärtigste Pornografie. Früher wurden Jungen zur Keuschheit angehalten oder wählten sie bewusst. Sie steckten sich ein klares Ziel, um eine gute Frau als Mutter ihrer Kinder zu gewinnen. Alle sexuellen Vergnügungen sind heute niedrig hängende Früchte, die man nach Gusto konsumiert. Doch Jungen sind nicht als Spaßobjekte geschaffen, sondern um Herausforderungen zu bestehen.
---
Kevin Ryan gründete das „ Center for the Advancement of Ethics and Charakter an der Boston University“, wo er als Professor em. lehrt. Er publizierte und verlegte 20 Bücher. Erst kürzlich wurde er von folgenden Programmen: CBS's "This Morning", ABC's "Good Morning America", "The O’Reilly Factor", CNN and the Public Broadcasting System zum Thema Charakterbildung interviewed.
Mailkontakt: kryan@bu.edu
Anmelden oder registrieren um Kommentare einzutragen | E-Mail mit Artikel-Link versenden | Druckversion

