Investition in Bildung lohnt sich – auch finanziell
Die Bertelsmann-Stiftung legt eine Untersuchung des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung vor, nach der in der Lebensspanne der heute geborenen Kinder, also der nächsten 80 Jahre, durch unzureichende Bildung 2,8 Billionen Euro „verschenkt“ werden.
von Horst Hennert
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Risikoschüler besser bilden
Wie die PISA-Studien ergeben haben, sind rund 20 % der heute 15Jährigen unzureichend gebildet und können nur auf Grundschulniveau lesen und rechnen. Damit stellen sie ein großes Problem für den Arbeitsmarkt dar. Die vom Bildungsökonom Prof. Dr. Ludger Wößmann durchgeführte Studie „Was unzureichende Bildung kostet“ berechnet die durch diese Risikogruppe entstehenden Mehrkosten für den Staat gegen eine durch eine Bildungsreform verbesserte Situation dieser Schüler für die nächsten 80 Jahre hoch. Die durch eine Reform erzielten Wachstumseffekte beziffert er für diesen Zeitraum mit 2,8 Billionen Euro.
Dr. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, erläutert: "Eine Bildungsreform braucht mehrere Jahrzehnte, bis sie in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt vollständig angekommen ist- ihre Wirkung kann deshalb auch nur langfristig beurteilt werden." Und er fährt fort: "Die Studie macht deutlich, wie dringend das Problem der unzureichenden Bildung gelöst werden muss ... Risikoschüler kommen häufig aus sozial benachteiligten Familien oder haben einen Migrationshintergrund. Bildung muss Chancengerechtigkeit schaffen, nur dann sichert sie sowohl den gesellschaftlichen Zusammenhalt als auch unsere ökonomische Zukunftsfähigkeit. Allen politisch Verantwortlichen muss klar werden: Bildung lohnt sich - auch finanziell."
Ansätze einer neuen Bildungsreform
Die letzten vier Jahrzehnte könnte man als eine Zeitspanne bezeichnen, in der eine Bildungsreform die nächste abgelöst hat. Die Ergebnisse dieser Reformen nehmen sich nicht sehr ermutigend aus; sie haben an vielen Stellen eher eine Verschlechterung der Bildung mit sich gebracht und viele der neuen Probleme nicht gelöst. Wie soll nun eine „neue Bildungsreform“ nach Ansicht der Bertelsmann Stiftung aussehen, die eine entscheidende Wende bringt?
In einem von der Stiftung vorgelegten Papier „Die Zahl der Risikoschüler verringern“ werden ausgewählte Reformvorschläge vorgestellt, die davon ausgehen, dass mit diesen Maßnahmen die Zahl der Risikoschüler entscheidend verringert werden kann. Dazu werden vier Hauptpunkte genannt, die –wie in den Vorschlägen nachzulesen ist- dort weiter ausdifferenziert werden:
- Lieber früh investieren als spät reparieren – frühe Bildung aller Kinder ist der Schlüssel zu mehr Chancengerechtigkeit;
- Die Schwachen stärken ohne die Starken zu schwächen – alle Kinder und Jugendliche müssen individuell gefördert werden;
- Erweiterte Verantwortung für den Bildungserfolg übernehmen – Bildungsstätten als Orte der Integration;
- Ungleichheit durch Ungleichheit ausgleichen – mehr und wirksamer in Bildung investieren.
Skepsis gegenüber der nächsten Bildungsreform
Diejenigen, die als Lehrer oder Eltern die letzten Bildungsreformen „am eigenen Leib“ erfahren haben, werden eine gewisse Skepsis gegen die nächste Reform kaum ablegen können. Zweifelsohne muss in einem Land, das hauptsächlich von seinen geistigen Ressourcen lebt, mehr in Bildung investiert werden; es ist auch unbestritten, dass mehr Frühförderung von Kindern nötig ist; ebenso haben sich schon viele Reformpädagogen die individuelle Förderung auf ihre Fahnen geschrieben; und Integrationsförderung ist das Schlagwort aller Bildungsstrategen.
Jeder, der mit der Bildungspraxis vertraut ist, weiß: Es wird immer eine „Restgruppe“ von Schülern bestehen bleiben, die sich –aus welchen Gründen auch immer- gegenüber Bildung verschließen, die nicht erreicht werden können von noch so gut gemeinten Reformen. Dann bleibt allerdings auch die Frage offen, ob das ausgerufene Ziel, durch eine solche Bildungsreform, alle Risikogruppen dem Arbeitsmarkt zuführen und so die erhofften volkswirtschaftlichen Wachstumseffekte erzielen zu können, erreichbar ist.
Die letzten Jahrzehnte haben uns deutlich gemacht, dass die Planbarkeit des Menschen - Gott-sei-Dank -, auch was seine Bildung angeht, immer noch an Grenzen stößt.
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